Paradoxerweise kann man gerade bei Filmfestivals nicht umhin, den Tod der klassischen Filmkritik festzustellen. Es ist schon klar, dass eine international Aufmerksamkeit erregende Filmkunstschau (Venedig ist als einziges europäisches Großfestival nicht gleichzeitig eine Messe) Glamour und Stars braucht. Denn wenn den ganzen Jahresrest über, Filme überwiegend über ihre Schauwerte vermittelt werden, immer weniger renommierte Medien sich den Luxus eines exzellenten Filmkritiker-Stabs leisten, sondern die Besprechungen beginnen auszulagern, an andere Mitarbeiter des Feuilletons abzugeben (nach dem Modell: den auf einem Theaterstück basierenden Film bespricht die Theaterjournalistin), wenn in den USA innerhalb der letzten Jahre das große Filmkritikersterben eingesetzt hat und dutzende, teilweise international hoch angesehene Kollegen ihr massives Wissen nicht mehr im Printjournalismus, sondern im Blog loswerden, dann kommt man einfach nicht umhin festzustellen, dass Film als Medium, als Kunst, als Phänomen angeleitet wird und durchwirkt ist von wirtschaftlichen Prozessen und Vorgangsweisen (Outsourcing, Risikominimierung, Output-Kontrollen).
So gesehen, ist es dann auch kaum verwunderlich, dass auf einem Filmfestival wie Venedig die Anzahl der Boulevard-Moskitos beständig zunimmt, während diejenigen, die das Filmdenken und den Diskurs antreiben könnten, sich es teilweise schlicht und ergreifend nicht mehr leisten können, etwa nach Venedig oder Cannes zu fahren. Weil ihre Medien nicht mehr dafür bezahlen wollen, weil sie teilweise von gar keinen großen Medien mehr gehalten werden, ist auch das diesjährige Filmfestival von Venedig geprägt von glattgebügelten Glamour-Schreibern, die voller Inbrunst über Clooney, Pitt & Co. berichten.
Hundewelt
Und so ist es auch kaum verwunderlich, dennoch immer wieder erschütternd, wenn nach der ersten Tagespressevorführung von Werner Schroeters erstem Film seit guten sechs Jahren der Sala Perla erfüllt wird von lauten Buh- und sogar einem Pfui-Ruf. Ich möchte hier nicht einstehen für Uniformmeinungen oder die Unantastbarmachung gewisser Regisseur, sehr wohl aber möchte ich einen grundlegenden Respekt einfordern: vor dem Film, dem Schaffensprozess, den künstlerischen Leistungen, die auch in jedem noch so (nach persönlichen Kriterien) misslungenen Film gegeben sind und die - zumal von professionellen Filmjournalisten - eine profunde, gerne auch polemische oder provokante, jedenfalls aber argumentative und emotionale Auseinandersetzung mit dem Film verlangen.
Am liebsten hätte ich diesen ganzen Blödsäcken den Hals umgedreht, noch dazu da ich weiß, dass es um Schroeters Gesundheit äußerst schlecht steht, dass er "Nuit de Chien" aller Wahrscheinlichkeit nach unter großen Schmerzen, von seiner Krebserkrankung gezeichnet, inszeniert hat, dem schillernd-modernistischen Thriller all das jedoch nicht anzumerken ist. In schönem Blau leuchtet da die ewige Nacht über den Protagonisten, irgendwo brennt immer ein Feuer, denn Schroeter entwirft die Zukunft als Nahtodwelt, mit Pascal Greggory als Drifter, der einen Verschwundenen aufspüren soll, letztlich am Hafenpier nicht mehr machen kann, als mit seinem MG in die Luft zu ballern. "Nuit de Chien" ist aufgelöst in Abstrakta, alles kann, darf und muss einstehen für das Alles und das Nichts, das sich hier so formidabel formuliert zwischen Religion und Faschismus, eine unbelebbare Welt eben.
Rome was built in a day!
Und dann heißt es von allen Seiten, vor allem aber in den italienischen Tageszeitung, die bis auf Il Manifesto filmkritisch vollkommen visionslos sind, dass der diesjährige Wettbewerb der schlechteste seit Jahren wäre. Gierig und sabbernd blicken die Star-hungrigen auf das Filmfestival von Rom, eine vulgäre, berechnende und populistische Veranstaltung, vollgeramscht mit Major-Filmen und sonstigem Dung, und strafen das Filmfestival mit Venedig ab, komplimentieren es darüber sogar irgendwie. Meiner Meinung nach ist der diesjährige Wettbewerb hier am Lido der konturierteste seit Jahren, vielleicht weniger aufgrund der einzelnen Filme als vielmehr aufgrund der Qualität der Entscheidungen, der Schönheit der Haltung.
Vegas
Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass ein Meisterwerk wie "Vegas: Based on a true story" des US-Iraners Amir Naderi (mir bis zu diesem Moment unbekannt) als einer der einundzwanzig Filme um den Goldenen Löwen rennt, genausogut hätte man ihn in eine Nebenschiene wie die Orizzonti stecken können. Aber es geht Direktor Marco Müller eben schon auch um Signalsetzungen: "Vegas" ist ein HD-Film, allein deswegen schon unorthodox im A-Film-Concorso; Naderi beginnt einen Familienfilm: zwei Ex-Spielsüchtige haben sich an die Peripherie von Las Vegas zurück gezogen, bewohnen ein kleines Häuschen, vor dessen Veranda ein kleines grünes Viereck - der Rasen - herausleuchtet aus der sandfarbenen Umgebung, irgendwie auch schon die Verzweiflung andeutet, mit der hier versucht wird, sich in eine US-amerikanische Normalität einzupassen.
Überhaupt zeigt sich Vegas, die Stadt, hier von ihrer unschillerndsten Seite, nur am Horizont leuchten die Schilder und die Hoffnungen, wirken traurig, verlassen, unangebracht. Und dann taucht ein Irak-Soldat auf, der den beiden ihren Eigenheimtraum abkaufen will; 150.000 Dollar bietet er, dann sogar 180.000. Später erzählt er dann, dass sich auf dem Grundstück ein Schatz befinden soll, ein Geldkoffer von einem großen Raubzug, den die Gibson-Gang dort vergraben haben soll, vor mehreren Jahrzehnten. Es keimt Hoffnung auf in den Wohlstandsverlierern, ebenso schnell kommt allerdings die Sucht nach dem Reichtum, nach dem Materiellen, nach der Sorgenlosigkeit, von dem das Fernsehen immerzu spricht, nach der alles und jeder in Vegas zu funktionieren scheint. Alles für den Schein: irgendwann ist der gesamte Garten umgegraben. Und dann kommt doch alles anders.
Wahrheit!
Naderi spart jede Ironie aus, in keinem Moment gibt er die kleinen Träume seiner Figuren der Lächerlichkeit preis, wie das üblich ist, wenn ein Film über die Nebenwirkungen des Kapitalismus spricht. Er hingegen entwirft eine große, leise Tragödie in bescheidenen Bildern: der Ort, der Schauplatz an sich ist schon so grotesk pointiert, dass jedwede darüber hinaus reichende Verdeutlichung oder Inszenierung die größte Stärke dieses Films hätte einstürzen lassen können: nämlich dass er zeigt, eben weil er weiss, dass es kaum einem anders geht als dieser Familie, dass ein jeder in diesem System dem Schein nachjagt, dass ein jeder verwendet wird, damit sich andere bereichern können. Reinheit ist in diesem Fall Wahrheit, a true story, auch wenn gar nicht sicher ist, ob der Film auf einer "wahren" Geschichte beruht.
Tatsächlich sind heuer in Venedig so viele gute Filme, dass man gar nicht über alle schreiben kann. Herausragend ist jedenfalls "Birdwatchers" des argentinischen Regisseurs Marco Bechis: eine italienische Produktion. Auch er ein Filmemacher, dem ich hier im Wettbewerb zum ersten Mal begegnet bin. Unsentimental und profund humanistisch (allein diese Kombination ist eine Seltenheit im zeitgenössischen Kino) erzählt er von Indios im paraguayanisch-brasilianischen Grenzgebiet, deren Lebensraum durch Waldrodungen, Bewirtschaftungen und Landnahmen durch reiche Weiße vernichtet wurde, die sich in kleine Reservate zwängen lassen haben müssen, die ihnen etwa das Jagen und Beschaffen von Nahrungsmitteln verunmöglichen.
Im Konkreten geht es um etwa zehn Indios, die sich nach jahrelanger Demütigung dazu entschließen, einen Landstrich zu besiedeln, der mittlerweile Landwirtschaftsgebiet ist. Es kommt zu den unvermeidbaren Auseinandersetzungen mit den Grundeigentümern, die vermittels wirtschaftlichen und emotionalen Einschüchterungstaktiken versuchen, die ungebetenen Gäste wieder loszuwerden.
"Birdwatchers" ist aber weit weg von gutmenschlichen Gemeinplätzen, von einem "preaching to the converted". Er erzählt Geschichten von kleinen Rangeleien unter den Indios, er zeigt beiläufig und ohne falsches Pathos, wie sich Traditionen mit der wirtschaftlichen Realität arrangieren müssen. "Birdwatchers" ist Geschichte einer Unterdrückung und Liebesfilm, das Hinweisen auf die prekären Verhältnisse der Indios wird dabei nie zum Selbstzweck.
"Birdwatchers"
Gott steht uns bei!
Und dann will ich schon noch hinweisen auf das Animations-Meisterstück im Wettbewerb: Mamoru Oshii, der sich mit "Ghost in the Shell" eine weltweite Fanbasis geschaffen hat, gleitet ja bereits seit einiger Zeit immer stärker an den Rand dessen, was man noch im konventionellen Anime-Spektrum verorten könnte. Vor zwei Jahren hat er hier in Venedig, allerdings in der Orizzonti-Nebenschiene, seinen umwerfenden "The Amazing Lives of the Fast Food Grifters", eine kulinarische Aufrollung der japanischen Nachkriegsgeschichte, präsentiert.
"The Sky Crawlers" ist sein Folgeprojekt: gebaut um ein jugendliches Flieger-As, das in das Geschwader des Kriegsunternehmens Rostock aufgenommen wird; gezeichnet, animiert in reinen Bildern mit entrümpelten Hintergründen, gedeckten Farben und zahlreichen Verwischeffekten fließt Oshiis Film schnell in seiner eigenen Geschwindigkeit dahin, entwickelt gerade ob seiner Konzentration, seiner Reinheit und seinem Verzicht auf Ornamente und Zierrat eine metaphysische, philosophische Wucht.
Er erzählt von den Kildren, dem Nebenprodukt einer Genforschungsarbeit: Menschen, die als Jugendliche zur Welt kommen und nicht altern; die kein Erinnerungsvermögen besitzen; die auch nicht existieren, jedenfalls keine existenziellen Gedanken haben; für die das Sterben so selbstverständlich und problemlos ist wie das Lesen einer Tageszeitung. Oshii zeigt ein Life in Loops, nicht einmal simuliert wird hier mehr. "The Sky Crawlers" ist ein Animationsmeilenstein, ein weiterer Höhepunkt im Schaffen des Regisseurs.
Rachel Getting Married
Und auch Jonathan Demme hat hier einen Film im Wettbewerb, allerdings keinen markanten. "Rachel Getting Married" zeigt, stilistisch durchaus an die Dogma-Bewegung angelehnt und jedenfalls Thomas Vinterbergs Psychodrama "Festen" nicht unähnlich, Anne Hathaway, eine grundsätzlich unterschätzte Schauspielerin, als gerade aus der Entzugsklinik entlassenes schwarzes Schaf einer ziemlich makellosen Familie. Just an dem Wochenende heiratet ihre ältere Schwester Rachel, es geht also verstärkt darum, ob diese Familie in der Lage ist, Kym (Hathaway) wieder aufzunehmen, sie in ihre Mitte zu lassen.
Demme folgt den zeremoniellen Vorbereitungen, zeigt die ankommenden Verwandten, gibt letztlich auch Hoffnung auf die Gesundung der USA, schafft aber nie das Eindringen unter die Oberfläche. "Rachel Getting Married" bleibt ein unterhaltsames, belangloses Stück Familienfilm.
Interessanter als der Film ist seine Entstehungsgeschichte. "Rachel Getting Married" basiert auf einem Drehbuch von Jenny Lumet, Tochter von Sidney Lumet ("Before the Devil Knows You're Dead") und ist bestückt nicht nur mit Schauspielern, sondern auch mit vielen engen Freunden, Bekannten, Kollegen Jonathan Demmes. Da filmt dann Roger Corman die Hochzeit mit seiner eigenen Digitalkamera mit und Ted Levine, der Jame Gumb aus dem Schweigen der Lämmer, darf einen Chor leiten.
"Rachel Getting Married"
Was bleibt?
Die 65. Filmfestspiele von Venedig gehen an diesem Samstag zu Ende, für das Finale sind allerdings noch einige Höhepunkte programmiert. Darunter der neue Spielfilm von Kathryn Bigelow "The Hurt Locker" und Mickey Rourke in Darren Aronofskys "The Wrestler".