Berlin | 1.4.2008 | 15:33 "Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."
Und WLAN gibt's auch
Konferenz klingt erst einmal ganz förmlich, der Stundenplan der diesjährigen Bloggerkonferenz re:publica orientiert sich ebenfalls an ordentlichen Messezeiten. Von morgens um neun bis in den Abend sollen sich von Mittwoch bis Freitag Blogger und andere Internettouristen in Berlin treffen, Vorträgen zuhören, an Diskussionsrunden teilnehmen und den Personen begegnen, die sie sonst nur im Netz lesen. Ob es da wirklich so gesittet zugeht, wie das diesjährige Thema "Die kritische Masse" und der doch recht straffe Zeitplan so vermuten lassen, wird sich zeigen.
Für Otto-Normal-Menschen ist die während einer normalen Arbeitswoche stattfindende Messe wahrscheinlich nicht zu besuchen, ohne dafür drei Urlaubstage los zu werden. Freischaffende, Studierende und anderweitig Organisierte dürfte zumindest der Termin kein Problem darstellen. Die Eintrittspreise reichen von regulären 60 Euro über 40 Euro für Blogger, die vorher ein re:publica'08-Banner in ihr Blog einbauen. Unternehmen zahlen 100 Euro pro Person. Laut Website sind die 800 Tickets bereits ausverkauft.
Laptops und bunte T-Shirts
Nun gut. Und was bekommt man dann dafür? Feierei, Vernetzung und Diskussionen erwartet zumindest Veranstalter Markus Beckedahl von newthinking.org. Journalist, Buchautor und Betreiber des Weblogs blogbar.de Don Alphonso ist der Meinung, die re:publica sei nicht mehr als "ein paar hundert Leute, die eine ähnliche Software benutzen - ein paar hundert Selbstvermarkter, Werber, PR in eigener Sache, Networking".
Ob man nun hingeht oder nicht, gesprochen werden soll über Themen rund um die digitale Gesellschaft und das mitten in Berlin, gleich um die Ecke vom Friedrichstadtpalast unweit der Spree in der Kalkscheune. Der deutschen Hauptstadt stehen solche Events ganz gut, man schmückt sich gerne damit und deswegen sponsert der Hauptstadtkulturfonds die Konferenz ebenfalls. Man lädt sich eben gerne ein paar mehr oder minder junge Menschen ein, die Laptops und bunte T-Shirts mit sich herumtragen und Ahnung von Web 2.0 und seinen Auswüchsen haben.
In der Bürokratie und auf der Seite des Hauptstadtkulturfonds läuft die Konferenz in der Kategorie "Symposium". Laut Wikipedia ist ein Symposium erst einmal "eine gesellige Zusammenkunft, bei der Wein getrunken wird". Ob die re:publica auch darüber hinausgehen und der genaueren Bezeichnung "wissenschaftliche und themengebundene Tagung mit Vorträgen und Diskussionen" gerecht werden kann, wird sich zeigen.
Domainnamen-Scrabble
In Berliner Bloggerkreisen werden jedoch via Twitter und Blogs bereits Parties und Lesungen rund um die re:publica organisiert, man munkelt, wer da sein wird und wer nicht, der individuelle Stundenpläne wird ins schwarze Notizbuch gekritzelt bzw. in den elektronischen Terminkalender eingegeben. Das Angebot an Veranstaltungen und Formaten ist vielfältig. Den Auftakt am Mittwochmorgen nehmen die Veranstalter Markus Beckedahl und Johnny Haeusler von spreeblick.com selbst in die Hand, danach drehen sich Panels und Vorträge rund um Datenspeicherung, Sicherheit im Netz, die Zukunft der Social Networks, Unternehmensgründung und Porno 2.0. Am Abend spielen die Agenten der Zentralen Intelligenz Agentur (zentrale-intelligenz-agentur.de) Sascha Lobo, Moritz Metz und Holm Friebe Domainnamen-Scrabble bis tief in die Nacht.
Der Donnerstag geht genauso voll gepackt weiter, u.a. mit Workshops zu Netzkunst, Stadtwikis, Greenpeace und abendlichem Blogger-Jeopardy. Der Freitag bildet den nicht weniger pompösen Abschluss mit Formaten zu Urheberrecht im Alltag, Systemtheorie, Creative Commons und der Abschlussveranstaltung, auf der es angeblich selbst gebrautes Bier geben soll.
Die Veranstaltung polarisiert die Stadt und die Blogosphäre. Die einen schütteln den Kopf über den Haufen Menschen, die sich dort versammelt, die anderen freuen sich schon seit Wochen auf die Konferenz. Und wir warten gespannt, ob die re:publica 08 ein kurzweiliger Party-Event oder doch eine Konferenz mit langfristigem Ergebnis werden wird. Und was Berlin davon hat, dass sich in im verregneten Frühling ein paar Blogger in der Hauptstadt treffen. Vielleicht bringt es ja doch was.