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Berlin | 4.4.2008 | 15:02 
"Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."

 
 
Blogger und ihre long tails
  Eines nimmt man auf jeden Fall mit von der Bloggerkonferenz: eine schlechte Haltung. Man sitzt mit krummem Rücken auf den Sitzkissen in der Lounge, den Rechner auf den Oberschenkeln. Man sitzt mit steifem Rücken auf den unbequemen Holzstühlen im großen Saal, den Rechner auf den Oberschenkeln. Man steht wackelig und die Hände in den Hosentaschen zum Quatschen im Hof, die Schultern hochgezogen. Für das nächste Jahr empfehle ich die Einführung eines Workshops zu Rückenschule oder Selbst-Massage.
 
 
 
 
 
  Es ist Freitag, der vierte April, Kalkscheune in Berlin Mitte. Die Messe für Netzjunkies geht in ihren letzten Tag. Alle sind ein bisschen blass um die Nase und dunkel unter den Augen, es ist anstrengend, den ganzen Tag Diskussionen zu begleiten, zu diskutieren, zuzuhören, zu bloggen und das dann alles auch noch zeitnah zu twittern. Das zehrt an den Körpern. Wenn man sich mit seinen Kopfhörern auf eines der braunen Sitzkissen in der Lounge setzt, ruhige Musik hört und ein bisschen schaut, ohne die Stimmen den bewegten Mündern zuordnen zu können, bietet sich einem ein seltsames Bild. Vor dem Fenster schüttet der Himmel sein schönes Aprilwetter herab, graue Fassaden auf der einen Seite und grün blühende Büsche im Hof. Dazwischen stehen viele Männer herum, vereinzelt auch ein paar Frauen. Sie rauchen, sie schnattern, halten Pappbecher in den Händen. Den meisten baumelt ein schwarzes Schlüsselband mit Schildchen um den Hals. Und drinnen, da sitzen sie mit den Rechnern vor der Nase, fast jeder zweite, ein paar stehen an der Bar und unterhalten sich, dazwischen Journalisten mit Kameras und Photoapparaten.
 
 
 
 
 
 
 
  Kaum einer hier kennt Bloggerwitze, aber es gibt sie. Einer geht angeblich so: "Treffen sich zwei Blogger." Das hier ist kein Witz, das ist echt und das wahre Leben. Internetmenschen zum Angucken und Anfassen. Ihre Blogadressen tragen sie auf kleinen Schildchen um den Hals, ihre Twitter-Account-Bilder als Button am Kragen, ihren Laptop in der Umhängetasche. Und in Diskussionsrunden, Panels und Workshops kommunizieren sie die Vor- und Nachteile der digitalen Gesellschaft, man schnackt über das, was man liest und schreibt, Namedropping gehört zum guten Ton - "Ach, das bist DU?". Die Worte im Netz bekommen jetzt reale Gesichter, die Debatten mehrere Stimmen. Von außen sieht es gemütlich aus, entspannt sitzt und steht man herum, den Stundenplan immer auf Papier oder Bildschirm parat, das Handy in der Hosentasche. Digital ist hier alles.
 
 
 
  Natürlich sind die Organisatoren Markus Beckedahl und Johnny Haeusler vor Ort, ständig werden sie von Journalisten belagert. Sascha Lobo schwirrt herum, vielleicht auch noch ein bisschen müde von seiner Party, die er am Mittwochabend nur für seine 800 Twitter-Follower bei sich zuhause gegeben hat. 111 wurden gezählt, als ich ging. Davon ca. 3,5 Frauen. Frithjof Bergmann spracht über seine Visionen von Neuer Arbeit, Stefan Niggemeier über seine Sicht der Dinge auf die Qualitätsdebatte von Journalismus und Blogs. Es wurde auch mal laut, als es um Adical ging, einen Werbedienst für Blogs, den sich die Bande um Lobo und Haeusler ausgedacht hat. Es wird immer mal ein bisschen emotional, wenn es um die eigene Ehre, den Sinn von Blogs, den Sinn von dem Ganzen hier geht.
 
 
 
 
 
  Alle tun ein bisschen wichtig, alle wischen sich den Honig vom Maul und die interessantesten Diskussionen gibt es eigentlich in den kleinen Workshops, die viele wegen der etwas irreführenden Raumaufteilung nicht finden. Denn da wird geredet, da gibt es den Dialog, der ja doch auch irgendwie wichtig ist, wenn es darum gehen soll, aus den vielen hier vorgestellten Themen wirklich was zu machen. Prominenz ist ja da, es gibt sich die Klinke in die Hand, was ein bisschen einen Namen hat in der deutschen Blogosphäre, Don Alphonso ist zwar an seinem See geblieben, aber verfolgt das Geschehen anscheinend trotzdem ausgiebig, wie es scheint. Wäre er gekommen, hätte ich das gut gefunden. Denn es macht schon hin und wieder den Eindruck, als sei man hier, um sich mal ordentlich abzufeiern. Ich habe ja generell nichts gegen Parties, man sollte nur gucken, dass man die kritischen Punkte bei einem Event namens Konferenz nicht aus den Augen verliert.

Schöne Ansätze gibt es hier und da, wenn es um Politik im Netz, um Möglichkeiten der Gegenöffentlichkeit oder Arbeit für NGOs geht, um vorsichtigen Umgang mit Namen und den dazugehörigen Daten, um die Profilierung und den Verkauf von Identität. Man kloppt auch gerne drauf, wenn es um die anderen geht. Schön wäre, wenn man sich ab und an auch mal mit dem eigenen Gesicht vor den Spiegel stellen würde. Unreflektierte Abfeierei habe ich dann doch auch schon zu oft gesehen, als dass ich das dann noch mal haben muss. "Die kritische Masse könnte ruhig ein bisschen selbstkritischer sein", murmelt Frank Lachmann in seine Nudeln. Aber wie gesagt, ich schere nicht über einen Kamm, hier tummelt sich ja allerhand, unter anderem auch viele Journalisten, jeder interviewt irgendwie jeden. Man zeigt, was man kann und sich selbst.
 
 
 
  Die soziale Komponente ist eine angenehme. Zwar sieht man immer ein bisschen blöd aus, wenn man jedem Fremden auf den Bauch glotzt, weil da das Namensschildchen hängt, das dummerweise auch nur einseitig bedruckt ist. Aber wenn man dabei nett lächelt, wird das auch charmant gefunden. Frauen dürfen hier sowieso eine Menge. Ab und an sogar im Podium in der Mitte sitzen und Fragen stellen. Die kritische Masse besteht hier vorwiegend aus Männern und ist ein bisschen träge, vielleicht auch nur müde. Man ist ja in Berlin.
 
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