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Berlin | 23.4.2008 | 11:27 
"Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."

 
 
Lost in Taipeh
  Für über eine Woche bin ich in Taiwan, eine Konferenz zu Open Soft- und Hardware besuchen, darüber schreiben und am Ende wieder nach Hause fliegen. Erst dachte ich, das sei wirklich eine große Sache. Ich hatte eigentlich irgendwie Schiss vor allem, vor der Sprache, den Menschen, dem Chaos, dem Lärm, vor der Arbeit, die einen dort erwartet, der allgemeinen Verlorenheit, die einen in fremden Städten manchmal überkommt, weil man selbst so allein und die anderen so viele sind.
 
 
 
Rush Hour in Taipeh
 
 
  Wenn man aber am Flughafen steht, gerade angekommen auf der Insel vor dem chinesischen Festland, die feuchtwarme Luft einem ins Gesicht klatscht und sofort den ganzen Körper mit einer Runde Schweiß für alle überzieht, wenn man dort steht, in einen Bus gesetzt wird und sich plötzlich nach einem 24-Stunden-Flug auf einer vierspurigen Autobahn wieder findet, die vorbeiführt an Tempeln, Hausinseln und ganz viel Grün, dann denkt man: Das ist echt ein dickes Ding.

Und wenn man dann kein Wort auf den Plakaten oder Getränkeflaschen, an den Bushaltestellen oder im Radio versteht, kommt man in den Genuss des Gedankens, man selbst gehöre eher zu den kleineren Sachen in der großen weiten Welt. Wenn man dann aber wie jetzt die ersten zwei Tage mit wunderbarer Unterstützung, einer Prise Mut und einer gesunden Portion Impulsivität überlebt hat, schleicht sich langsam das Gefühl ein, dass es ja doch nicht alles so schlimm und völlig irre ist, wie man dachte. Und man lernt, richtig hinzuschauen, einfach zu machen, denn nur so scheint man in Taipeh voranzukommen: Smart und gelassen.
 
 
 
Flughafen Hongkong
 
 
Symphonieartiges Gewusel
  Ja, für Europäer ist das Essen gewöhnungsbedürftig. Ja, man darf nicht kleinlich sein. Ja, es ist laut und ja, die Luft ist keine wirkliche Luft, sondern mehr eine stehende Ansammlung von Abgasen und abgestandenem Atem. Ja, man versteht nichts. Aber das ist egal. Denn steht man nur zwei Sekunden hilflos schauend und mit einem Stadtplan in der Gegend herum, wird man gefragt, ob man Hilfe braucht. In der Bank wird einem sofort der Weg zum Wechselschalter gewiesen. Und selbst bei dem kleinen Imbiss in einer der kleinen Nebenstraße geht das Bestellen mit Händen und Füßen erstaunlich gut.

An das Metrosystem gewöhnt man sich schnell, die BVG in Berlin könnte sich von Pünktlichkeit, Sauberkeit und Systemfunktionalität eine Scheibe abschneiden, vor allem aber von der Kompatibilität, denn jede Ansage in der Metro wird auf Englisch wiederholt, jede Station ist sofort erkennbar, sogar die Fahrkartenautomaten können Englisch. Berlin täte es ebenfalls gut, sich ein bisschen von der Smoovität abzuschauen, mit der hier der Verkehr von statten geht. Ja, jeder fährt, wie er will und Verkehrszeichen sind eigentlich mehr Empfehlung als Richtlinie, dennoch ist der Fußgänger König und der Mofafahrer Präsident. Alle hupen, alles knattert und lärmt, aber nicht, um mit boshaftem Tätärätä auf sich aufmerksam zu machen, sondern mehr, um mit einzustimmen in das symphonieartige Gewusel. Und dennoch kann man hier nicht wirklich verloren gehen.
 
 
 
Ein Blick vom...
 
 
...zweitgrößten Gebäude der Welt: dem Taipeh 101.
 
 
Bier wie Ginger Ale
  Und eigentlich kann man nicht über die Größe der Häuser schreiben und nicht über die Masse der Menschen und nicht über die schlechte Luft oder all die Dinge, die man eh überall liest. Denn es sind die kleinen Dinge, die dir plötzlich über den Weg laufen und dich stolpern, vielleicht einfach nur kurz warten lassen in der Wahrnehmung. Die Dinge, die man die ganze Zeit aufsaugt und erst nach Tagen merkt, warum man sie so seltsam findet.

Wie man hier die Geldscheine anschaut und abzählt. Dass die Fahrkarten aussehen wie Spielgeld und die Metro wie aus Playmobil. Dass es im Allgemeinen süßlicher riecht und die Mädchen soviel Engagement in ihre Außenwirkung stecken. Dass trotz Rush Hour alle doch irgendwie schlendern, nur eben schneller schlendern. Dass die Vögel dünner sind und anders zwitschern. Dass sich nur die neueren Viertel soviel Leuchtreklame leisten können. Dass die Fenster der Wohnhäuser meistens vergittert sind. Dass Bier wie Ginger Ale schmeckt. Dass auch Hunde Regenmäntel bekommen.

 
 
 
 
 
Blinken, Flackern und Leuchten
  Und dass man sich nach zwei Tagen fühlt, als sei man schon eine ganze Woche hier. Weil immer etwas passiert, die Bewegung immanent, aber deswegen auch eine Gewöhnungssache ist. Dass es an jedem selbst liegt, wie er sich stressen lässt. Dass es einem den Atem verschlägt oben auf dem Turm, weil man eine Stadt noch nie so gesehen hat, aus solcher Ferne und doch so nah. Und dass man die anderen sofort erkennt, die das auch noch nicht können, das sich treiben lassen. Denn eigentlich braucht man hier nicht denken, weil überall Schilder stehen, die einem sagen, was man zu tun und was man zu lassen hat. Und die Stadt blinkt und flackert und leuchtet den Weg ganz gut aus. Man muss ihn aber eben dann halt doch noch selber gehen. Das ist gar keine so große Sache.
 
 
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