Berlin | 10.4.2008 | 13:23 "Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."
Berlin wird ein Opi
Man macht sich Sorgen in der Stadt. Und wie immer, wenn man nicht genau weiß, wo man anfangen soll, schreibt man erst einmal ein Konzept. Im Falle der deutschen Hauptstadt heißt das diesmal: ein neues Demografie-Konzept für Berlin. Klingt niedlich, kann man ja erst einmal groß auf die Fahnen schreiben. "Noch ist Berlin keine überalterte Stadt, aber wir bereiten uns vor", so die Senatsverwaltung für Stadtplanung. In Gedanken lege ich die hiesigen Spielplätze mit Anti-Rutsch-Matten aus, die U-Bahnen polstere ich mit Schaumstoff. Auf Kinder und Senioren wolle man sich verstärkt ausrichten, die Zuwanderung natürlich weiter fördern. "Die Abwanderung soll verhindert werden. Die Leute sollen nicht ins Umland ziehen sondern hier bleiben". Ich denke daran, wie Kindertagesstätten in die bestimmt leer stehenden Hochhäuser am zukünftigen, zugepflasterten Spreeufer einziehen.
Fitnesstraining für den Wandel
"Die vielen Alten sind ja noch gar nicht da. Aber letztendlich wollen wir zukünftig deren Mobilität sichern". Ich denke an von der Stadt bezahlte Rentnerbusse und Schülerlotsen. "Grundsätzlich sollen erst einmal Fahrstühle an allen Bahnhöfen installiert werden für die Barrierefreiheit. Dazu fördern wir Wohnen in der Innenstadt, weil wir die Steuerzahler brauchen". Ach so, deswegen. "Und Fachkräfte fehlen uns auch, deswegen unterstützen wir die Universitäten. Schließlich soll die Stadt ja als Gewinner übrig bleiben" - Berlin will sich feiern. Als würde man das hier nicht schon genug tun.
Eigentlich klingt das alles ja gut. Und doch ist es auch ein Zeichen dafür, was man in der Vergangenheit versäumt hat. Im großen Run um ein hübsches Metropolengesicht hat Berlin vergessen, sich um die zu kümmern, die schon da sind, die nicht nach zwei Jahren gleich wieder umziehen in eine andere, noch größere Stadt. Man hat es an der Basis ein bisschen bröckeln lassen und muss das nun wieder aufhübschen. Emsig wird also an allen Ecken und Enden geschraubt, die grundsätzlichen Probleme der Betreuung und Sozialleistungen bleiben aber die gleichen. Da bringen auch Rolltreppen nix. "Fit für den demographischen Wandel" sei die Stadt, obwohl sie eher bei der Aufholjagd ist.
Kinder? Kinder!
"Berlin stellt sich den Herausforderungen" und meint damit, einen Blick auf die letzte Bevölkerungsprognose für die Jahre 2006-2030 geworfen zu haben. Danach wird das Durchschnittsalter in 20 Jahren in Berlin von 42,4 auf 46,4 Jahre angestiegen sein. Die Gruppe der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 wird um ein Fünftel abnehmen. Senatorin Junge-Reyer meinte dazu: "Das hippe Szenevolk muss sich in Berlin genauso wohl fühlen, wie die junggebliebenen Alten oder die Bewohner von Seniorenresidenzen." Und wer sich eine Seniorenresidenz samt Fahrer oder ein Szeneloft in Mitte nicht leisten kann, der bleibt dann eben wie heute einfach an der Straßenbahnhaltestelle stehen, an der mal wieder nichts fährt, und macht sich Sorgen. Passt doch gut hierher, so eine in Falten gelegte Stirn.