Berlin | 18.6.2008 | 18:09 "Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."
Oasen der Arbeit
Die Macher von hallenprojekt.de haben ihre eigenen, sehr konkreten Vorstellungen von einem perfekten Arbeitsplatz. Flexibel und mobil soll er sein, WLAN soll er haben und netzwerken soll man dort auch können. Von der Idee des etwas anderen Büros und dem Weg dorthin.
Arbeit mal anders
Sie wohnen und arbeiten in Berlin. Mit dem Studium sind sie fast alle fertig und verdienen ihr Geld freiberuflich und vor allem über wechselnde Arbeitgeber. Ihre Arbeitszeiten können sie sich demnach aussuchen, ihr bevorzugtes Arbeitsgerät ist ein Laptop. Die Macher von hallenprojekt.de sind immer auf der Suche Orten, an denen sie auf ihre Weise arbeiten können. Die sogenannte Halle soll ein Arbeitsplatz ohne Arbeitgeber sein, an dem eine besondere Atmosphäre herrscht, "die sich aus dem Ort selbst und aus den dort arbeitenden Menschen zusammensetzt. Die Anforderungen daran unterscheiden sich aber je nach Stimmung und Projekt", meinen Alexander Lang und Christian Heller, die gemeinsam die Projektwebseite betreuen. Und wegen der unterschiedlichen Anforderungen eines jeden zielt das Hallenprojekt nicht nur auf einen einzigen, neuen Ort ab sondern eigentlich auf ganz Berlin und darüber hinaus: "Wir wollen keine fertigen Raumschiffe in die Landschaft schmeißen. Wir experimentieren erst im Kleinen, zum Beispiel mit temporären Hallen wie auf "Berlin08 - das Festival für junge Politik", und wachsen dann Schritt für Schritt daraus, bis die ganze Stadt, ach was, der ganze Planet, eine große Halle geworden ist."
Kennen gelernt hat sich die Kerngruppe auf dem 9to5-Festival in Berlin im August 2007, einer Veranstaltung, die sich rund um Neue Arbeit, digitale Kultur und Freiberuflertum drehte. Herausgekommen ist unter anderem das Hallenprojekt, dessen Mitglieder sich hauptsächlich im Netz über ihr gemeinsames Ziel austauschen. "Wir treffen uns immer und überall", so Christian Heller, der sich ebenfalls in seiner "Freizeit" dem Projekt widmet. Die klaren Grenzen zwischen Arbeitstag und Freizeit, Arbeitswoche und Wochenende verschwimmen in dieser Szene, mal werden Nächte durchgearbeitet, mal wird mitten in der Woche ein Tag Ferien gemacht. Wie die Dinge gerade so fallen. Man findet sich über's Netz, gerade ist zum Blog des Hallenprojekts auch die Webseite an den Start gegangen. Dort kann man sich anmelden und dann eintragen, wo man gerade an welchem Projekt arbeitet. Wer Lust hat, arbeitet daneben oder kommt einfach nur auf einen Kaffee vorbei.
"Das Hallenprojekt versucht, mehrere Ansätze produktiv miteinander zu verschmelzen. Es geht einerseits um die Schaffung, Förderung und Vernetzung von Orten, die als "Halle" taugen", so Alexander Lang, "Andererseits geht es auch um eine Philosophie neuer Arbeitskultur jenseits der Festanstellung, des selbst bestimmten Tätigseins, in dem man selbst entscheiden kann, mit wem man was wie wann und vor allem wo arbeiten möchte. Außerdem wollen wir analoge Arbeitsräume mit digitalen Strukturen vernetzen." Der nächste Schritt aus dem Netz heraus ist also die Ausgestaltung realer Orte. Gerade sei man mit der Stammzentrale der Digitalen Bohéme, dem Café St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin Mitte, im Gespräch. Dabei geht es darum, vorhandene Plätze wie zum Beispiel Cafés mit der zum Arbeiten nötigen Infrastruktur wie Druckern und Papier auszustatten. Und im Netz sichtbar zu machen, wer mit welchen Fähigkeiten und Interessen gerade vor Ort arbeitet. Parallel dazu ist die Gruppe natürlich weiterhin auf der Suche nach ihren eigenen, festen Hallen und entwickelt gerade ein Konzept, wie andere Leute ihre eigenen Arbeitsorte in das Projekt integrieren können. Mit Aufklebern und Plakaten sollen Cafés oder Plätze mit WLAN und angenehmer Atmosphäre als Arbeitsorte im Sinne von Hallenprojekt.de gekennzeichnet werden. "Wir schaffen Ort, an denen wir so arbeiten können, wie wir leben wollen", sagt Sebastian Sooth, der mit der Zentralen Intelligenz Agentur schon das 9to5-Festival organisiert hat. Dort gab es die drei Tage lang eine erste Halle auf dem Sonnendeck im Berliner Radialsystem.
Wo sich die ganze Geschichte hin entwickelt, ist noch offen. Feedback bekommt Hallenprojekt.de aber reichlich. "Die meisten sind begeistert und wollen wissen, wo es schon so eine Halle gibt", erzählt Christian Heller, "Vor allem Menschen außerhalb traditioneller Arbeitsplatzstrukturen, die für ihre produktiven Tätigkeiten zwischen Privatwohnung, Bibliothek und WLAN-Café herum pendeln und zugleich keine Lust auf ein festes Büro an einem festen Ort haben, begegnen uns mit Interesse und Vorschlägen, wie solche Hallen aussehen sollten und mit welchen Dienstleistungen sie verbunden sein könnten."
Das Netz ist zwar eine Menge, aber eben doch nicht alles. Und vielleicht stolpert der eine oder andere ja auch in anderen Städten bald über solch kleine Oasen der Arbeitskultur.