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Berlin | 13.8.2008 | 09:43 
"Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."

 
 
Einsteigen und loslesen
  Man muss sich schon was ausdenken, um aufzufallen in der deutschen Hauptstadt. Tom Bresemann von den S³ LiteraturWerken zum Beispiel liest seine Gedichte in der Berliner Ringbahn vor.

Seit wann gibt es eure Ringbahnlesung?

Wir haben damit im Juni 2007 angefangen. Damals war das noch eine sehr wilde Aktion. Vier Autoren lasen ihre Sachen und zehn Leute waren zufällig da. Zum Teil war das wirklich sehr witzig, denn da gab es noch am meisten Interaktion zwischen den Autoren und dem unvorbereiteten Publikum. Impulsgeber war eigentlich unser Kameramann. Wir probieren aber mit den S³ Literaturwerken oft ungewöhnliche Leseformate aus und erschließen neue Wege in diese Richtung.
 (c) Creepy S.
 
 
  Ihr steigt also in die S-Bahn und lest den Passagieren was vor, ohne Mikrofon und mit vielen Geräuschen im Hintergrund. Nicht alle wollen das wahrscheinlich hören. Wie ist das für euch als Lesende?

Jede Lesung war bisher anders. Und für die lesenden Autoren ist so etwas natürlich eine Herausforderung. Und bei der ersten Lesung dachte ich schon: "Du kannst mich ja scheiße finden, aber dann musst du mir das zeigen." So entsteht Kommunikation über unsere Gedichte. Zur zweiten Lesung kamen schon mehr Leute, die sind extra wegen uns eingestiegen, und ich hatte auch den Stuhl dabei. Die letzte und dritte Lesung war sehr chaotisch, die ganze Bahn war voll gestopft mit ungefähr 100 Menschen an einem Freitag um 20:01 Uhr. Da war die Bahn aber auch schon Kooperationspartner.
 
 
 
Tom Bresemann bei der 2. Ringbahnlesung (c) Christian Sanmann
 
 
  Seid ihr auf die Bahn zugegangen?

Nicht wirklich, denn die wollten uns nach der ersten Lesung eigentlich auf die Finger klopfen, denn schon über diese Lesung wurde ja geschrieben und über diesen Artikel hat die Bahn davon Wind bekommen. Die meldeten sich also bei uns und ich habe dann ein Treffen angeleiert und konnte sie überzeugen. Das Publikum ist seitdem sehr gemischt, was wirklich spannend ist. Da sind die Leute, die wir mitbringen aus unserem Umfeld und eher aus dem studentischen Milieu, und dann sind da die, die von der Lesung in dieser S-Bahn-Zeitschrift gelesen haben, Senioren und typisches S-Bahn-Publikum. Und obwohl während der Lesung an diesem Punkt nicht mehr viel Kommunikation möglich war, haben wir viel Feedback auch per Mail bekommen. Natürlich muss man aber auch bedenken, dass die Lesung immer weniger S³ LiteraturWerke Ringbahnlesung und immer mehr Event wird, je mehr Leute kommen. Dennoch werden wir auch weiterhin keine Technik einsetzen, sondern uns lieber im Wagen aufteilen und schreien. Natürlich werden nicht alle Leute alles verstehen, wir werden niemals so eine hübsche, einfache Lesung sein. Und das wird auch so bleiben.
 
 
 
  Wie reagieren die Leute, wenn ihr so einen Wagen stürmt?

Mittlerweile gehen sie einfach weg, weil sie keine Chance haben. Bei den ersten Lesungen haben uns aber auch Leute angerempelt oder sind direkt neben uns an ihr Handy gegangen und haben laut telefoniert. Aber das ist ja auch das Coole daran. Dafür jedoch Autoren zu finden ist nicht einmal mit Honorar einfach, weil das eben eine andere Nummer ist. Einmal saß einer neben uns, der in sein Handy sagte, er sei hier wohl gerade bei einer Sekte gelandet oder so. Solche Interaktion ist wichtig, viel Wärme, viel Lachen. Der Witz ist ja auch, dass das eben keine kommerzielle Veranstaltung ist. Wir machen ja eigentlich nichts anderes als reden.
 
 
 
Greta Granderath bei der 3. Lesung (c) Creepy S.
 
 
  Haben die gelesenen Texte etwas mit den Stationen zu tun, an denen ihr vorbeifahrt?

Wir sind keine Lesebühne. Das ist nichts, was mich interessiert. Und Themenabende mag ich auch nicht. Wir sind halt ein Autorennetzwerk und arbeiten mit den verschiedensten Leuten zusammen. Jeder ist frei im Lesen. Bei einer Ringbahnlesung wird es dennoch schwierig, zehnminütige, lange Texte zu bringen. Am besten kommen da Texte, die nicht länger als zwei, drei Minuten gehen. Dennoch würde ich schon sagen, dass es Bezüge gibt, aber eben nicht auf einzelne Stationen sondern eher auf die Themen Öffentlichkeit, öffentlicher Raum und Gesellschaft sowie Alltag. Ich schreibe ja selber viel in der S-Bahn.
 
 
 
  Was erwartet einen bei der nächsten S³ LiteraturWerke Ringbahnlesung?

Ich denke, dass das die größte Lesung bisher werden wird. Wir müssen uns dann wohl ernsthaft Gedanken machen, ob wir die Eventschiene fahren. Die andere Idee ist ja, dass wir einfach zum Anfang zurückgehen, nichts mehr ankündigen und einfach nur einsteigen und lesen. Sowas nur noch via Gerücht verbreiten zu lassen. Ich bin da ganz offen. Für dieses Jahr wird es wohl erst einmal die letzte Ringbahnlesung sein, aber die S³ LiteraturWerke machen natürlich weiter mit ungewöhnlichen und gewöhnlichen Leseformaten. Gerade suchen wir beispielsweise Dolmetscher, die unsere Gedichte für Gehörlose übersetzen können.


Die nächste S³ LiteraturWerke Ringbahnlesung findet am 29.08.2008 ab 20:01 in der S41 ab Ostkreuz statt. Es lesen Bresemann/Maroldt, Greta Granderath, MEK Waldhauser u.a.
 
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