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Berlin | 14.12.2008 | 16:40 
"Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin."

 
 
Eher Offline. Deutsche Politik im Web 2.0
  Wie in Österreich sind die Politiker in Deutschland wenig internetaffin. Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat mit seinem Team untersucht, was die deutsche Politik eigentlich im Netz so treibt. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Politiker und ihre Kampagnen eher offline denn online agieren - und damit oft an der jungen Zielgruppe vorbei.

Barack Obama ist nun zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden. Seine Kampagne fand zu großen Teilen auch im Netz statt. Wie sieht es denn hierzulande mit dem Wahlkampf im Netz aus? Wissen PolitikerInnen eigentlich, was Blogs sind?

Ich gehe mal davon aus, dass mittlerweile ein großer Teil der Politiker weiß, dass es irgendwas namens "Blog" gibt. Einige haben auch im letzten Wahlkampf Erfahrungen mit diesem Medium gesammelt, wobei die Beispiele aber eher bescheiden waren. Nur ein bis zwei Handvoll der Bundestagsabgeordneten bloggen tatsächlich im Moment und nutzen die Chancen dieses Medium für eine interaktive und transparente Politik.
 
 
 
 
 
  Was sollten PolitikerInnen, die auf ihrem Blog berichten möchten, denn beachten, damit sie auch gelesen werden? Bzw. was machen die Damen und
Herren bisher falsch?


Die tatsächlich bloggenden Politiker können nicht viel falsch machen. Sie sind Pioniere und sammeln Erfahrungen. Damit sind sie ihren Kollegen und Kolleginnen schon um einiges voraus. Ganz wenige nutzen auch schon Social Networks wie Facebook oder den Mikroblogging-Dienst Twitter. Bei letzterem fallen mir aber nur die kurzen Gehversuche von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, FDP-Generalsekretär Hans-Jürgen Beerfeltz und Grünen-Sprecher Reinhard Bütikofer ein. Einziger regelmässig twitternder und bekannter Politiker ist momentan der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck. Und der macht das ganz gut.
 
 
 
  Ist der politische Nachwuchs denn aktiver im Netz?

Wir haben in unserer Kurzstudie "Politik im Web 2.0 in Deutschland" Parteien, ihre Spitzenkandidaten, aber auch ihre Jugendorganisationen wiederholt nach dem Engagement im sozialen Netz empirisch untersucht. Zu Beginn gingen wir davon aus, dass der Nachwuchs aktiver im Netz sein müsste. Immerhin repräsentieren sie altersmäßig die Netz-Generation. Aber auch hier fanden wir nur wenig Engagement. Es gibt zwar Gruppen in sozialen Netzwerken und einzelne Repräsentanten haben auch Blogs. Aber regelmäßig werden diese nicht gefüllt. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Grüne Jugend hat ein eigenes Blog und nutzt auch ein Wiki zur internen Organisation.
 
 
 
  Sind denn die angelegten Gruppen mehr Schein als Sein oder werden Sie wirklich dazu benutzt, um mit den jungen Leuten und Studierenden ins Gespräch zu kommen?

In den Gruppen vernetzen sich meist Parteimitglieder. Viel Kommunikation ist da aber nicht zu beobachten. Interessant werden diese Gruppen im Wahlkampf. Vielleicht gibt es darüber ja mehr Austausch und diese Gruppen werden als Kommunikations-Hubs auch zur Kampagnenorganisation genutzt. Die Kommunikation innerhalb der Parteien läuft im Moment wohl überall eher über Mailinglisten, in Partei-Gremien oder dem bewährten Hinterzimmer.
 
 
 
  Warum ist die bekannteste Community MySpace deiner Meinung nach Niemandsland für die deutschen Parteien?

Einerseits ist MySpace in Deutschland eher ein Vernetzungs-Werkzeug der Musikszene und jüngerer Menschen. Der Altersdurchschnitt soll bei 22 Jahren liegen. Zahlenmäßig ist StudiVZ deutlich relevanter, aber hier fehlen wichtige Werkzeuge, die wiederum Facebook anbietet. Nicht umsonst hat die Barack Obama-Kampagne Facebook sehr rege genutzt. Hier ist mehr Interaktion möglich.
 
 
 
  Der Schwerpunkt eurer Kurzstudie lag ja dieses Mal auf dem Microblogging-Dienst Twitter. Kann man denn auf 140 Zeichen wirklich politisch aktiv sein oder werden hier nur die Standardmeldungen über einen weiteren Kanal verbreitet?

Twitter ist ein sehr schnelles und interaktives Medium. Man bekommt direktes Feedback und kann schnell Informationen wie Links oder kurze Statements und Gedanken distribuieren. Im Moment verspielt jede Kampagne die Chancen, die dieses Werkzeug bietet.
 
 
 
  Wo liegt deiner Meinung nach die Hemmschwelle für PolitikerInnen, was den Bundestagswahlkampf im Netz angeht?

Die Hemmschwelle liegt für viele anscheinend an fehlender Erfahrung. Die wenigsten Politiker haben das Internet in ihr Leben integriert. Oft wird auch fehlende Zeit genannt, aber das klingt für mich nur wie ein Vorwand. Als progressiv gilt, wer E-Mails über den eigenen Blackberry verschicken kann. Damit hebt man sich von den älteren Politikern schon deutlich ab.
 
 
 
  Wie sähe für dich denn eine gute, politische Strategie im Netz aus?

Eine gute politische Online-Kampagne wäre für mich, wenn man Angebote zur Partizipation schafft und Menschen einbindet. Dazu braucht es die geeigneten Werkzeuge für eine neue Medienwelt und das Bewusstsein, dass Engagement im Netz anders funktioniert als in der normalen Welt: Menschen wollen selber entscheiden, wann und wie sich sie engagieren.
 
 
 
  Die Novemberausgabe der Kurzstudie "Politik im Web 2.0" gibt es auf netzpolitik.org als pdf.
 
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  Roland Gratzer zum Thema
Österreichische Politik im Web 2.0: Stillstand nach der Wahl.
   
 
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