Kollektive Bewegungen, die für die Erhaltung und eine alternative Nutzung bestimmter Räume kämpfen, haben auch in Österreich (in Wien u.a. die Arena-Bewegung, Amerlinghaus, WUK) ihre Spuren hinterlassen. Was auch immer aus deren Initiativen im Lauf der Zeit geworden ist, zu Beginn war die mehr oder weniger radikale Ablehnung gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und Zwänge und der Aufbruch aus oft ruinösen Verhältnissen zu neuen, utopischen Ufern.
Während Konsumpflicht und das allgemeine Credo "Konkurrenz" heute alle Winkel unserer Lebenswelt eingenommen zu haben scheinen, öffentliche Güter zwar weitestgehend privatisiert und Infragestellungen des Ganzen oft nicht einmal ignoriert werden, ist der Kampf um kollektive selbstbestimmte Lebensräume aber immer noch nicht zu Ende.
Erst im April dieses Jahres kam es im Rahmen der weltweiten "dezentralen Aktionstage für Besetzungen und autonome Räume" zu Besetzungen leerstehender Gebäude in Graz, Innsbruck, Linz, Salzburg und Wien.
Die jüngste Aktion fand am Wochenende in der vom Abriss bedrohten "Stadt des Kindes" in Wien Penzing statt.
Das österreichische Architekturmuseum bezeichnet die "Stadt des Kindes" als "ein rares Beispiel aus den 60er Jahren für den Versuch, eine utopische Idee zu realisieren."
Obwohl sich einer Forderung nach Denkmalschutz für die "Stadt des Kindes" bereits vor vier Jahren u.a. Institute der TH-München, der ETH-Zürich, der TU-Wien sowie der Akademie der bildenden Künste Wien und das Netzwerk Denkmalschutz angeschlossen hatten, und trotz einer Petition, die eine "offene, fachkundig und frei von Verwertungsinteressen geführte Diskussion", über Nutzungskonzepte begehrte, stimmten SPÖ und ÖVP im Wiener Gemeinderat Ende Juni dafür, mehr als die Hälfte der Anlage abzureißen und statt dessen Neubauwohnungen zu errichten.
Nachdem auch eine Bürgerinitiative die beginnende Demolierung nicht aufhalten konnte, hat sich am Wochenende die Gruppe Freiraum, die seit Juni 2004 für die Etablierung eines selbstverwalteten Sozial- und Kulturzentrums am Universitätscampus kämpft, des Geländes angenommen und es kurzerhand besetzt. In ihrem offenen Brief schreibt die Gruppe: "Immer mehr für soziale Zwecke geschaffene Anlagen, wie das ehemalige Kinderheim auf der Hohen Warte, oder nun die Stadt des Kindes werden der Verwertungslogik geopfert. Uns bleiben zu kleine Wohnungen in denen ein Leben mit oder ohne Kinder abseits der Kleinfamilie nicht leistbar ist. Die Experimentierfreudigkeit der Stadt ist höchstens im Bereich der Privatisierung zu erkennen und nicht wenn es um selbstbestimmte Wohnformen und Lebensentwürfe, abseits der gepredigten Norm geht."
Dass derartige Lebensentwürfe nicht bloß Fantastereien sind, beweisen Projekte wie der selbstverwaltete Stadtteil Christiania in Kopenhagen oder das autonome Zentrum "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel. Über Stadtentwicklung und Häuserkämpfe mit Bezugnahme auf diese beiden Orte haben die Historiker Peter Birke und Chris Holmsted Larsen das Buch Besetze deine Stadt! herausgegeben, mit dem sie diese Woche auf Lesereise durch Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck unterwegs sind.
Dem Vernehmen nach werden sie auch in Wien Penzing vorbeischauen.