Narbengewebe - kann es einen besseren Titel für ein Rock'n'Roll-Lebensprotokoll geben?
"Scar Tissue" ist der eigentliche Titel der Autobiographie des Red Hot Chili Peppers-Sängers Anthony Kiedis. Das Wort "eigentlich" ist hier nötig, weil der Titel offensichtlich als zu kompliziert für uns deutschprachige LeserInnen empfunden wurde, weshalb das Buch in deutscher Übersetzung nach dem größeren RHCP-Hit "Give It Away" benannt wurde, der übrigens, wie wir nach der Lektüre wissen, von Nina Hagen inspiriert wurde.
Give It Away
Was können wir, die geneigte Leserschaft, aus den 544 Seiten lernen? Es steht schon auf Seite zwei fest: Die Kombination von Speedballs und Rockstartum führt nicht unbedingt zu charakterlichen und moralischen Glanzleistungen, aber im besten Fall zu wunderbaren Popsongs wie "Under the Bridge".
"Als ich an diesem Tag auf dem Freeway 101 nach Hause fuhr, löste jenes Gefühl von Verlust und der damit einhergehenden Einsamkeit Erinnerungen aus an meine Zeit mit Ione. Ich dachte an dieses wunderschöne engelhafte Mädchen, das bereit war mir seine ganze Liebe zu schenken, und statt sie anzunehmen, hatte ich nichts besseres zu tun, als in die Stadt zu fahren und mich gemeinsam mit irgendwelchen Verbrecher-Arschlöchern unter einer Brücke mit Speedballs vollzuknallen. Ich hatte das Gefühl so viel in meinem Leben einfach weggeworfen zu haben. Aber ich fühlte auch ein unausgesprochenes Band zwischen mir und meiner Stadt. Ich hatte soviel Zeit damit verbracht, durch die Strassen von LA zu laufen und die Hollywood Hills zu durchwandern, dass ich die Gegenwart einer nicht menschlichen Wesenheit spürte. Vielleicht war es der Geist dieser Hügel und der Stadt, der ein Auge auf mich hatte und nach dem Rechten sah."
Soul To Squeeze
Der Anthony Kiedis, den ich nur aus seinen Songtexten und aus Interviews kannte, war mir sympathischer.
"Das komische ist ja, dass ich schon lange bevor wir kommerziell erfolgreich waren, das Gefühl hatte, mir stehe etwas zu. Schon in der Grundschule fand ich immer, dass ich Schulsprecher sein sollte, dass ich irgendwie über den Dingen stand und die Regeln brechen konnte?? Und wegen eben diesem Gefühl ging ich klauen, egal ob das nun Autos waren oder Möbel oder Kakteen. Ich kann verstehen wie Menschen zu kaltherzigen skrupellosen Verbrechern werden können, weil ich mich noch daran erinnern kann, dass ich zu diesem Zeitpunkt meines Lebens nie an die Folgen dachte, die mein Handeln für andere hatte."
By The Way
Aber selber Schuld, wenn ich dem Stalker in mir nachgebe, und mich nicht mehr mit den seltenen Paparazzi-Fotos begnüge, sondern mir die volle Dosis Kiedis-Privatleben verabreiche; ich wollte es ja unbedingt wissen, wie das Tony so in Erinnerung hat, wer wann auf welchem Hotelflur.
"Eines Tages um vier Uhr früh klopfte es. Ich machte auf und da stand diese junge hawaiianische Maid. 'Kann ich reinkommen?", fragte sie. 'Naja, mein Freund schläft drin, ist vielleicht nicht so eine gute Idee. Es ist immerhin vier Uhr morgens.', erinnerte ich sie.
'Kann ich nicht reinkommen?', drängelte sie. 'Äh, das ist irgendwie 'ne blöde Situation.'
Da ging sie vor mir in die Knie und blies mir einen, direkt auf dem Hotelflur. Ich konnte mich nicht uneingeschränkt freuen über diese neuen Formen aufdringlicher Schmeichelei...
Auf einer persönlichen Ebene versuchte ich mir das Ganze nicht zu sehr zu Kopfe steigen zu lassen."
Fight Like A Brave
"Scar Tissue" ist streckenweise so entmystifizierend, dass ich mir von Zeit zu Zeit das Schmunzeln nicht verkneifen kann. Was habe ich nicht alles in seine Songtexte hineininterpretiert, mir den Mund fusselig geredet, um weniger Pathosanfällige von der poetischen Größe der RHCP zu überzeugen. Wenn man aber die Umstände kennt, ist es nicht so weit her mit der abstrakten Metaphorik.
Es ist erschreckend, wie zentral Substanzkonsum und die Konsequenzen im Werk und Leben von Anthony Kiedis sind. Ein Typ, der versucht mit seiner Sucht zurecht zu kommen, sie los zu werden, dann aber doch irgendwie mit ihr lebt.
Anthony Kiedis hat sein Leben zum größten Teil mit der Konsumation von THC, LSD, Amphetamin, PCP, China White Black Tar, Kokain und Crack verbracht. In der Zwischenzeit hat er seine Freundin schlecht behandelt, und dann noch mehr Drogen genommen, um zu vergessen, wie schlecht er seine Freundinnen behandelt hat.
Wenn Exzess zur Routine wird, beginnen für den Autor die Qualen, für den Leser die Monotonie.
Higher Ground
Über die Musikszene LA's, wer mit wem gespielt hat, welche Pläne gesponnen hat, wie man die Welt verändern wollte, von was inspiriert wurde - darüber findet sich wenig. Kiedis blendet seinen Intellekt, sein aus Songtexten bekanntes Talent, allgemeine kulturelle Stimmungslagen in gewitzte Metaphern und Wortspiele zu verpacken, in seiner Autobiographie leider über weite Strecken aus. Statt dessen Sex, Drogen und die Rock'n'Roll-Schlachten, wie man es sich halt so erwartet.
Wenn er aber Anekdoten über Zeitgenossen wie die Smashing Pumkins, Madonna, Familie Cobain oder den eigenen, neu angeheuerten Drummer einstreut, dann ist "Scar Tissue" ein von feinem Humor durchsetztes Lesevergnügen.
Es liest sich ein bisschen wie "Mein Leben als großer Erlebnissaufsatz". Und eines kann die geneigte Leserschaft Anthony Kiedis nicht absprechen: Erlebt hat der Typ einiges. Und das ging schon in frühester Kindheit los. Cher als exhibitionistische Babysitterin, das ist nicht zu leicht zu verarbeiten.
Anthony Kiedis: "Give It Away" ist in der Übersetzung von Axel Henrici
bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.