Ich wohne ja am Land. In meiner Gegend ist in puncto Jugendkultur gar nichts los. Es gibt zwar ein Lokal namens 'Postkutsche Mattsee', dessen Besuch oft mit "gehstduheitpost?" ausgemacht wird, aber sonst, um einen absolut nicht verbrauchten Begriff zu bemühen: Tote Hose.
Wenn dann mal ein Künstler oder eine Band in eines der zahllosen Dörfchen und Städtchen rund um Schleedorf kommt, der oder die einfach irgendwie anders als die 'Tanzmusik Sunshines' ist, die man eh auf jedem Pfarrball und Schützenfest sieht, dann geht man da einfach hin.
Ich weiß nicht, wie es der 'Kulturinitiative Neumarkt' gelungen ist, zwei Helden der FM4-Welt zu buchen, aber die braven, engagierten Männer vom Wallersee haben es geschafft, Christoph & Lollo zu engagieren.
Es wird wohl so sein, dass die beiden die Location nicht gekannt haben und davon ausgegangen sind, dass sich in einem 5000-Einwohner-Ort wohl irgend ein annehmbarer Saal finden wird. Den gab es nicht, muss voraus geschickt werden.
Christoph & Lollo
Wie?
19:49 mitteleuropäische Zeit, ein alter Gasthof im Herzen Neumarkts, dessen neue Fassade nicht über die inneren Werte hinwegtäuschen kann: Ein dunkler Gang mit Kaugummiautomat in der Mitte, stinkende, verrauchte Gaststuben ringsum, mit knarrenden Bänken und Maggi-Flaschen auf den Tischen und eine Küche, aus der es nach altem Fett stinkt.
Ich hatte bisher gar nicht gewusst, dass diese Lokalität auch noch über einen Saal verfügt, den man aus Fairness anderen Sälen gegenüber unter Anführungszeichen setzen müsste. Über eine morsche Stiege ging es in den Raum, der so wirkte, als hätte man beim Bau des Hauses einfach irgendein riesiges Zimmer dazugebaut, in der Hoffnung, dafür irgendwann mal einen Verwendungszweck zu finden.
Die Kasse war ein Tisch, der bei der Eingangstür stand, die (ermäßigte) Karte um zehn Euro hätte ich eigentlich zu Hause in zwei Minuten am PC selbst machen können. Mit der Karte Nr. 16 begab ich mich mit meiner reizenden Begleiterin Lena, die mit mir schon öfter bei Christoph'n'Lollo war, auf unseren Tisch. In der Hoffnung, dass die Leute mehr konsumieren, hatte der Wirt nämlich einfach Tische aufgestellt und nur vorne einige Sesselreihen.
Das Publikum war ein bunter Mix aus Landwirtschaft, Punk und "Geh man zu de zwoa, de wos über Schispringer singan?!". Die vier, fünf Dorfpunks nahmen in der ersten Reihe Platz und taten so, als seien sie Fans, weil man sich in einer kulturell so tristen Gegend einfach auf alles stürzen muss, was sich neben dem Heimatmuseum noch anbietet, und als Punk (oder zumindest als Landei, das so gekleidet ist) muss man sich dann eben auch mit Wiener Liedermachern für die nächsten zwei Jahre zufrieden geben.
sorgsam frisiert
Der Rest der Jugendlichen war eine undefinierbare Masse, teilweise verschlafene Stubenhocker, die sich rätselhafterweise einmal aus ihrer dunklen Höhle getraut hatten, dann einige Bierzelt-Abo-Besitzer, deren Freizeitbeschäftigung an der Trinkgeschwindigkeit klar zu erkennen war, und der eine oder andere Möchtegern-Alternative mit Che Guevara-Shirt, der halt 'Funaki' kannte.
Die Älteren bestanden zum einen Teil aus den Leuten, die es vor Jahren geschafft hatten, den Hof nicht übernehmen zu müssen und ein Leben als Wasweißich angefangen haben, also Menschen, denen man ihre ländliche Herkunft halt doch anmerkt (ist ja nicht böse gemeint) und die noch nie zuvor Schispringerlieder gehört hatten, weshalb ich dann auch Fragen wie "Des gibt's doch net, ma konn doch net nur über Schispringer singan" geduldig beantworten musste. Der andere Teil der Erwachsenen waren Menschen, die teilweise in Gummistiefeln kamen und überhaupt gar keine Ahnung hatten, was da heute passiert und die halt an diesem Abend ihr Bier einfach mal einen Stock weiter oben getrunken haben.
fromm und gepflegt
Hast du schon gehört? Christoph & Lollo sind in der Stadt!!!!
Die Technik verdient sich auch einen Absatz. Semi-Professionelle Veranstaltungen erkennt man oft daran, dass das Mischpult auf einem Biertisch im Publikum steht. So auch hier, aber wodsefak wurde da bloß gemischt? Zwei Uralt-Boxen am Rand, das 'Monotoring' sah so aus, dass man am Rand der Bühne einfach noch einen kleinen Lautsprecher aufgestellt hatte, der auf die beiden gerichtet war.
Irgendwann kamen die beiden dann aus dem 'Backstage-Bereich', wie auch immer der ausgesehen hat, auf die Bühne, holten sich vorher noch ein Bier und wurden, soweit ich das von meinem Platz sehen konnte, von der Wirtin nicht so schnell als die Künstler, die gleich auftreten sollen, erkannt. Dann stiegen sie auf die Bühne, der Wirt eilte im Sauseschritt zu den Lichtschaltern, um den Saal zu verdunkeln, und das Konzert begann, oder sollte zumindest beginnen, denn Gitarrenstimmen und Soundcheck ist in Neumarkt am Wallersee ein Bestandteil eines Konzerts.
Das erste Lied war 'Milchgesicht', die Begeisterung mäßig. Ich verstand bald nur mehr schlecht, was Christoph & Lollo zwischen den Liedern erzählten, weil die hinteren Reihen im bekannten Wirtshaus-Sound ("brmldibrmldi brmldibrmldi HAHAHA HAHAHAHA! brmldibrmldi brmldibrmldi HAHAHA HAHAHAHA! ") Spaß hatten, während vorne über die launigen Anekdoten der Schisprung-Barden gelacht wurde.
Doch irgendwann merkte auch der hintere Teil, dass die beiden "Gschtudierten" da vorne ja anscheinend wirklich lustig waren, nach einigen Liedern war es plötzlich ruhig, wenn auf der Bühne erzählt wurde, und auch die ersten Lieder fanden Anklang (Die "I will survive"-Melodie mit Textzeilen wie "Soits an meine Schas dastickn" kommen nach drei Bier super an). Immer mehr schienen die Schispringer-, Feiertags-, Globalisierungs- und neuen Lieder, die anscheinend nichts mehr mit Schisprung am Hut haben ("Danke Zivildienst" zum Beispiel), beim eigentlich schwierigen Publikum anzukommen, denn ich stelle es mir unfassbar anstrengend vor, einen scheinbar wahllos zusammengewürfelten Haufen zu unterhalten.
'Snowboarder' kam dann großartig an, 'Funaki' schien der Kleinstadt den frohsten Moment in ihrer Geschichte geschenkt zu haben.
Zu Beginn ging mir der obligate Lachsack etwas ab, doch der Alkohol formte aus den Frauen hinter mir solche für Kabarett-Veranstaltungen sehr wichtige Wesen, deshalb wurde das normale Lachen nach zwei Stunden auch von hysterischem Kreischen aus der Nähe des 'Technik-Bereiches' untermalt.
Immer größer wurde die Begeisterung, Christoph & Lollo trauten sich nach ein paar Bier - die Thematisierung der Bierqualität war natürlich ein absoluter Ankommer - auch an Danzer- und Eagles-Coverversionen und spielten, spielten und spielten.
Vier Stunden.
Bis Mitternacht.
Fast jedes Lied.
In vier Stunden kamen sich zwei völlig unterschiedliche Welten immer näher, bis sie schließlich fast eins waren. Fast kam es zur Verschmelzung.
Bei 'Tornero' trennte die beiden Welten nur ganz ganz ganz wenig.
Aber als wir dann der wirklich tosende Applaus abgeklungen war, als wir wieder auf der Straße gekommen waren, über die morsche Stiege und den dunklen Gang, schneite es, die Leute verteilten sich in alle Richtungen, und es schien, als seien alle wieder in ihrer eigenen Welt....