Alfred ist der, der mir täglich meinen Eistee Zitrone in die Hand drückt, ab und zu auch einen Gemüse-Kornspitz.
Manchmal treffen wir uns im Raucherhof und reden dann zwei Sätze miteinander, während einer Zigarette gehen einfach nicht viel mehr, weil Alfred durch seine Behinderung sehr undeutlich spricht und die Kommunikation deshalb manchmal etwas zäh vonstatten geht. Was aber nicht so wichtig ist, da Alfred (was wahrscheinlich die Ursache in seiner Behinderung hat) das 'emotionelle Lügen', was unsereins eigentlich ständig macht, nicht kennt. Deshalb weiß man, wie es ihm geht, man merkt sofort, wenn er fröhlich ist, und wenn er sauer ist auch, aber im Grunde genommen ist er eine Vollblut-Frohnatur.
Warum ich nicht nur Alfred täglich sehe, sondern auch noch eine Handvoll andere Behinderte oder 'Menschen mit besonderen Fähigkeiten', wie es Wolf Junger immer so schön formuliert?
Nun ja, als das BG Seekirchen ein neues Gebäude gebaut hat und völlig richtig erkannt hat, dass Schülermägen gefüllt sein wollen, kam man auf die Idee, das Schulbuffet von der Lebenshilfe leiten zu lassen.
Und das funktioniert super, was die Akzeptanz der Schüler betrifft, ich zumindest habe noch nie bemerkt, dass die Mitarbeiter des Buffets blöd angeschaut oder verarscht werden.
Jugendliche lernen also ohne erhobenen Zeigefinger, dass Behinderte zwar eine Minderheit darstellen, deswegen aber nicht benachteiligt werden müssen, 'Rambos' Engagement als Drummer der Schulband ist ein schöner Beweis.
Nur manchmal habe ich das Gefühl, dass es für sie nicht immer das Gelbe vom Ei ist, Tag für Tag, das ganze Jahr lang, immer und immer wieder die selben Handgriffe zu tun, wie ein Fließbandarbeiter mechanisch immer wieder ein Getränk aus dem Kühlschrank zu ziehen oder einen Schokoriegel in die gierigen Hände der süßigkeitensüchtigen Kinder zu drücken.
Denn das ist mein klitzekleiner Kritikpunkt: Wenn es jemand schafft, selbstständig zur Arbeit zu kommen, wäre vielleicht auch im Beruf etwas mehr Selbstständigkeit und etwas größere Herausforderungen (zum Beispiel Kassieren) möglich.
Wie gesagt ist Alfred einfach der Eistee-Ausgeber. Und er ist immer sehr froh dabei.
Hockey
Vor einigen Wochen hat mir Alfred irgendetwas von Hockey erzählt, offen gestanden war mir nicht ganz klar, was er mir damit sagen will, ich dachte, er hätte ein neues Hobby gefunden und sagte irgendwas wie "Ja, super." (Ich bin oft sehr hilflos im Umgang mit geistig behinderten Leuten, oder besser gesagt unsicher).
Am nächsten Tag war er noch aufgeregter als sonst, er zappelte wild herum (das macht er ohnehin immer, aber dieses mal schien es mir noch ...äh .. leidenschaftlicher) und untermalte seine undeutlichen Worte mit unverkennbaren Hockey-Bewegungen.
Dann war er plötzlich weg, und der Zivi gab mit selbst den Eistee, irgendwie kam ich nicht dazu, jemanden zu fragen, wo 'Mad Max' Alfred denn plötzlich war. Naja, die Grippe ging um, und es gibt oft mehr als eine Sorge, also dachte ich nicht mehr daran.
Jetzt ist Alfred wieder da. Und Wahnsinn: Er ist nicht mehr nur fröhlich, in seinem Gesicht ist so etwas wie Stolz. Wenn er mir jetzt den Eistee gibt, dann hängt um seinen Hals eine Goldmedaille, gewonnen in Nagano bei den Special Olympics. Alfred ist mit einem ehemaligen Buffet-Kollegen im Floorhockey-Team von Österreich.
Letzten Samstag hab ich die Zusammenfassung auf ORF1 gesehen. Ohne Übertreibung muss ich sagen, dass (im Gegensatz zu manchen anderen Sportarten) das Niveau bei dieser abgewandelten, dynamischen und spannenden Hockey-Variante extrem hoch war, dass einige Spielzüge wunderhübsch anzuschauen waren und dass Österreich verdient gewonnen hat.
Mein Direktor ist, um es vorsichtig auszudrücken, in seiner Funktion als Politiker sehr bemüht, so oft wie möglich vor einer Kamera zu stehen. Buffet-Alfred hat ihm eindeutig die Show gestohlen.
Dabei sein ist alles. Gewinnen ist auch super. Schön, wenn man sogar beim Eistee-Kaufen ein bisschen stolz sein kann, denn wer kann schon behaupten, ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk regelmäßig bei einem Olympiasieger zu erstehen?