Die B. isst nichts mehr. So etwas spricht sich schnell herum.
Die B. schreibt schlechte Noten, sie ist gereizt und unkonzentriert. "Warum?", fragen sich die Freundinnen und Freunde von B.
"Warum auch immer....", denken sich die anderen, die mit B. noch nie allzu viel zu tun hatten.
Die B. ist ohnehin so ein Fall. Manchmal etwas aufmüpfig und launisch, eine, die ihre Meinung sagt und ihren Mund aufmacht. Manchmal ein Nervenbündel, aber ein aufrichtiger, loyaler Typ. Und ehrgeizig war sie immer, bist du deppert. Die hat sich immer reinsteigern können, die hat sich geschunden, auch wenn es um nichts gegangen ist, die ist in Turnen zwanzig Runden mehr gerannt, bis sie mit hochrotem Kopf auf dem stinkenden Turnsaalboden gelegen ist. Und die Fehler hat sie schnell, zu schnell bei sich gesucht. So hat man sie bis dahin gekannt, die B., nie der Mittelpunkt, aber auch nie die Außenseiterin, eine der wenigen, die das schaffen.
Und dann isst die plötzlich nichts mehr.
Kaffee, Zigaretten und irgendein Fastendrink. In einem Umfeld, in dem viel geredet und wenig begriffen wird, kommt es innerhalb kürzester Zeit zu Skandälchen, Gerüchten und Spekulationen.
Die macht das nicht mehr lang mit, die bricht zusammen, die ist magersüchtig!
Sie nimmt Abführmittel!
Die Eltern sind schuld!
Die will eh nur Aufmerksamkeit erregen!
Es kristallisiert sich ein neuer Smash-Hit unter den "Weißt schon des Neueste?"-Gesprächsthemen heraus. Aber es sind nur Dritte, die reden. Manche wollen der B. schon helfen, verscherzen es sich aber mit ihr, weil sie zu gewaltsam und zu wenig einfühlsam agieren und vor allem nicht zuhören.
Warum auch zuhören? Man weiß ja schon alles, woher auch immer. Die Mutter sauft, der Fall ist klar.
Manche denken, sie müssen mit der trinkenden Mutter reden. Manche meinen, sie müssen Ärzte konsultieren. Manche haben überhaupt keine Ahnung, sagen aber vorsichtshalber "Furchtbar!".
Die Wochen vergehen,
die Geschichte verliert an Brisanz. Man hat bereits genug darüber spekuliert, warum B. plötzlich nichts mehr isst und Schnittwunden an den Armen hat. Der Frühling kommt, die Problemsaison ist mit dem Winterschlussverkauf beendet worden.
Da schreibt die B. plötzlich zwei Fünfer bei der Schriftlichen. Weil sie so verkrampft ist und hungert und immer schon so ein Nervenbündel war, wissen alle. Das schaffst schon, teil dir die Zeit gut ein, sagt man zu ihr. Ob das was wird, da kann man ja nicht lernen, wenn man nichts im Magen hat, sagen alle, wenn B. weg ist.
Ich sage das auch und gehe dann ein paar Mal mit B. Kaffee trinken, lernen für die Mündliche und so. Und dann höre ich ihr zu.
Nicht, weil ich so ein unheimlich netter und sozialer Typ bin. Weil es mich einfach interessiert.
B. hat sich vorgenommen, vor vielen Monaten, auf 45 Kilo runter zu fasten. Das ist sehr wenig für ihre Größe und Statur. Die Motivation war, endlich einmal etwas durchzuziehen. Endlich mal ein Ziel zu erreichen.
Denkweisen
Wieso kommt man gerade auf ein solches Ziel?, muss ich da fragen. Warum muss ein Vorhaben meinem Körper schädigen? B. meint, sie hätte früher eine Freundin gehabt, die an Bulimie litt. Damals konnte sie deren Denkweise nicht verstehen. Weil man gewisse Verhaltensmuster nur begreifen kann, wenn man sie selbst durchlebt. Jetzt versteht sie ihre Freundin besser. Obwohl sie selbst nicht magersüchtig ist, wie sie sagt, sie hat nicht Bulimie.
Was ist es dann, frage ich mich.
Wahrscheinlich ein nicht gerade sinnvoller, aber noch nicht dramatischer Gedanke, der B. immer mehr in etwas reingetrieben hat, aus dem sie jetzt nicht mehr so leicht rauskommt. Die vielen "Jetzt iss doch was"-Rufer haben in Wahrheit an ihre Sturheit appelliert, zu einer Zeit, als es vielleicht für eine Umkehr noch nicht so sehr zu spät gewesen wäre wie jetzt.
Wer trägt jetzt die Schuld? Macht es überhaupt Sinn, irgendeine Schuld zu suchen? Schließlich entstehen gerade psychische Probleme meist durch viele verschiedene Faktoren und nicht durch das Denken und Handeln eines Einzelnen. Wie weit spielen die Eltern rein? Wie weit die schlanken Grazien auf den Plakatwänden, obwohl B.s Motivation zum Nicht-Essen weniger von optischen Belangen herrührt?
Ich weiß es nicht. Ich sehe ein, dass ich ihr Denken nicht ganz begreifen kann. Ich sehe ein, dass es zu nichts führt, ihr Predigten über die Wichtigkeit von ausgewogener Ernährung zu halten. Ich kann es nur akzeptieren. Denn ausreden kann ich B. ihre Nahrungsverweigerung nicht. Bemitleiden will ich deswegen auch nicht. Ich kann nur öfter einen Kaffee mit ihr trinken gehen und hoffen, dass sie ihre Situation in ihrem Kopf selbst löst.
Was nehmen Sie jetzt mit aus meiner Schilderung? Vielleicht, dass der Ursprung jeder Hilfeleistung für einen Menschen mit psychischen Problemen das Ohr für den Betroffenen ist. Hinsetzen, Kaffee trinken und Zuhören, ganz einfach.
Hat noch nie geschadet.
Mehr zum Thema Ess-Störungen gibt es heute ab 14 Uhr in Connected zu hören. Unter anderem wird eine Psychotherapeutin von so what, dem Institut für Menschen mit Ess-Störungen, zu Gast sein und eure Fragen beatworten.