Ich war auf der Straße.
Ich habe die Leute genervt.
Ich habe das Ding durchschaut.
Spendensammeln
Bewaffnet mit Mappen und stets einsatzbereitem Kuli durchwuseln sie stark frequentierte Straßen und treiben damit die Wohltätigkeit per se auf der Beliebtheitsskala in unnötige Tiefen - Eine häufige Reaktion auf die "Fundraiser" ist Hass. Eigentlich schreit das auf den ersten Blick nach Ignoranz, fehlendem sozialen Gewissen und Geiz. Die jungen Menschen stellen sich ja schließlich für eine gute Sache auf die Straße!
So dachte ich bisher immer und ging mit Mitmenschen hart ins Gericht, die sich die herzergreifenden und plakativen Gsatzln über Walfang und behinderte Kinder nicht wenigstens anhörten.
Mittlerweile denke ich etwas anders. Denn ich habe jetzt auch wochenlang Hände geschüttelt, gefaselt, argumentiert und genervt und schön langsam den ganzen Straßen-Keiler-Apparat durchschaut.
Eines vorweg: Spenden ist super. Man gibt einen Betrag her, dessen Höhe man den eigenen Vorstellungen und Möglichkeiten anpassen kann und hat außerhalb der täglichen Konsum-Hölle endlich mal das Gefühl, mit Geld wirklich etwas Sinnvolles gemacht zu haben.
Auch die Idee, für Non Profit-Organisationen eine Agentur einzurichten, ist noch nicht grundsätzlich verwerflich.
Aber: Jeder soll wissen, dass der gesprächige Greenpeace-Heini vor dem Einkaufszentrum nicht von Greenpeace ist, auch wenn er sich so vorstellt. Er arbeitet für eine Agentur und kriegt ein Heidengeld für seinen Job, wenn er regelmäßig reüssiert. Und da fangen sie schon an, die Halbwahrheiten, das Spiel mit dem Glauben der Leute.
Mit den folgenden Zeilen mache ich mich bei 'meiner' Agentur wohl unbeliebt, aber diese Punkte sollten fest in den Hinterkopf eingebrannt sein, wenn man das nächste mal vor der SCS am Weitergehen gehindert wird.
1. Wahrheiten
Viele - erfahrungsgemäß ältere - Menschen, spüren vor Rührung schon ihre Tränendrüsen, wenn sie so engagierte junge Menschen sehen, die sich freiwillig 12 Stunden am Tag, Kälte und Hitze trotzend, auf die Straße stellen, um sich für eine gute Sache einzusetzen. Dieses Wohlwollen wird selbstverständlich ausgenutzt. Wenn dann jemand zu fragen wagt, wie denn der Job bezahlt ist, lautet die bei der Einschulung gelehrte Antwort: "Wir kriegen ein Fixum". Die erste Lüge. Selbstverständlich wird auf Provision entlohnt, es gibt nur einen Mindestbetrag, unter den man nicht fallen kann. Also eine Dreiviertel-Unwahrheit.
Wenn man in einem Punkte-System einmal die zweithöchste oder höchste Stufe erreicht hat, verdient alleine der Werber bei einer jährlichen Spende von 120 Euro satte 44 bis 60 Euro mit. Die alten Hasen in den jeweiligen Teams können an guten Tagen um 300 Euro reicher werden. Klar, dass für den Spendensammler nicht der gute Zweck, sondern der eigene Verdienst meilenweit im Vordergrund steht.
Leser von Martin Blumenaus Journal vom 28. Juli, das aus der Sicht des Angesprochenen verfasst wurde, stellten Vermutungen über die Prozentsätze, die der Agentur zufließen, an. Die Verträge mit WWF, Pro Juventute oder Amnesty International unterscheiden sich möglicherweise - Ich weiß jedenfalls, weil ich ein Ohr zur rechten Zeit am linken Ort hatte, dass noch vor zwei Jahren die erste Spende komplett und die zweite zumindest teilweise an die Agentur gegangen sind. Wenn also jemand heuer storniert hat, dann hat er die Organisation fast gar nicht unterstützt und die Agentur sehr.
Auch das erfährt der Angeworbene nicht.
Hierbei sollte erwähnt werden, dass Spenden-Agenturen zwar schon einen Ehrenkodex haben. Der besagt, dass sämtliche Gewinne gespendet werden müssen. Aber: Das umgehen sie ganz dezent. Die Schaffung von neuen, nicht unbedingt nötigen Arbeitsplätzen, bessere Autos, schönere Ferienwohnungen..... Was investiert wird, ist kein Gewinn.
2. Arbeitsbedingungen
Der freundliche Herr, der selbstverständlich den Kaffee in dem Hotel zahlt, in dem das erste Schnupper-Treffen stattfindet, erzählt freilich nur das Beste. Arbeitszeiten, die man sich selbst einteilen kann, ordentlich Kohle, am Abend Wein, Weib und Gesang, kurz: der ideale Ferialjob. Man neigt schon zu Mitleid, wenn die Freunde erzählen, dass sie heuer schon zum dritten Mal in der Porsche-Kantine die Kaffeehäferl waschen, denn man selbst wird nach den fünf Wochen Straßenkeilerei ja um viele Erfahrungen und Euro reicher sein.
Was der Novize im Spenden-Zecken-Milieu freilich meist nicht bedenkt, ist der Umstand, dass man bei Spenden-Agenturen nur dann eine höhere Position innehaben kann, wenn man früher ein guter Werber war. Der freundliche Herr beim ersten Treffen ist demnach absolut top auf diesem Gebiet und schafft es natürlich, die bevorstehende Tätigkeit so gut wie möglich zu verkaufen.
Die Wahrheit: Die Arbeitszeiten sind in der Hinsicht flexibel, dass der 11 Stunden-Tag bei zu geringem Erfolg öfter um die eine oder andere Stunde verlängert wird. Der Erfolgsdruck, der in schwach frequentierten Kleinstädten einfach ungerechtfertigt ist, selektiert schnell die Teammitglieder mit zu wenig Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen aus. Schon klar, dass es Verträge mit den jeweiligen Organisationen gibt, die erfüllt sein wollen, aber wie der Druck gemacht wird, ist teilweise unter aller Sau. Vom Kaffeehaus aus wird dem Teamleiter gemeldet, dass "die D. heute 5 Leute aufschreiben muss, sonst fliegt sie, und sag ihr, sie soll sich nicht wieder so deppert anstellen". Anstatt eine bestimmte Anzahl pro Woche vorauszusetzen, wird jeden Vormittag aufs Neue Druck gemacht, ohne zu berücksichtigen, dass es so etwas wie Tagesverfassung gibt.
Wirkliches Engagement - z.B. die Organisation von Charity-Events in dem Ort, wo man gerade wirbt - wird absolut nicht honoriert. Anstatt den Werber zu loben, wird ihm gesagt, er "solle sich lieber auf den Job konzentrieren".
Wenn man dann zu Hause in der (das muss man sagen, sehr schönen) Ferienwohnung ist, wird erst recht, nach bis zu 13 Stunden auf der Straße, über den Job gesprochen. Man kann dem Werbe-Irrsinn also nur im Schlaf entfliehen, wenn man nicht auch noch davon träumt.
Wirklich gut verdient man nur, wenn man einerseits lange dabei ist und in der Punkteskala aufgestiegen ist, und natürlich wenn man gut ist. Denn das versprochene Fixum bringt relativ wenig, wer in der dritten Woche immer noch nicht drüber hinaus kommt, kann sich eh einen neuen Job suchen.
3. Arbeitsweise
Ein Passant hat in 10 Minuten einen Termin. Er zeigt dem Keiler, um in Ruhe gelassen zu werden, sogar den Zettel mit Datum und Uhrzeit darauf.
Eine andere Passantin will ihr schreiendes Baby so schnell wie möglich nach Hause bringen, während ein vorbeigehender Student wirklich keinen Cent übrig hat.
Derlei Gründe, nicht stehen zu bleiben, darf man als Werber nicht akzeptieren. Auf jedes Gegenargument weiß man schon die richtige Antwort, man hat Argumentationslisten auswendig gelernt und einige Schulungen hinter sich.
Wenn man penetrant genug ist, überredet man auch den armen Studenten und die ungeduldige Mutter, aber nicht, weil diese unbedingt mitmachen wollen, sondern weil sie überrumpelt, eingewickelt und belästigt werden. Zwar hat man zu Hause die Möglichkeit, zu stornieren, aber wirklich gute Keiler schaffen es, dem Angeworbenen ein schlechtes Gewissen einzutrichtern, wenn er aufhören sollte.
Freilich kommt keiner freiwillig daher und bittet darum, mitmachen zu dürfen. Aber dass Leuten der Einkaufsnachmittag regelrecht vermiest wird, weil man alle fünf Minuten nicht nur angesprochen, sondern belästigt wird, ist der falsche Weg.
4. Sonstiges
Man lernt bei diesem Job, wie man etwas erfolgreich verkauft und wie man mit Druck umgeht bzw. sich selbst motivieren kann. Das sind recht wertvolle Fähigkeiten, man muss es halt schaffen, die Punkte 1 und 3 mit dem Gewissen vereinbaren zu können - Ich bin daran gescheitert. Wer das schafft und glaubt, erfolgreich sein zu können, soll bitte demnächst bei einer Fundraising-Agentur beginnen. Man kann absahnen.
Allzu viel Zeit sollte man sich allerdings nicht mehr lassen. Vor zehn Jahren gingen die Teams tagsüber Eis essen und schrieben am Abend schnell zehn Leute für Greenpeace auf. Heute ist das - für einen ganzen Tag - schon fast ein Rekordergebnis. Ich prophezeie, dass in spätestens fünf Jahren diese Form des Werbens passé sein wird. Die Menschen hinterfragen entweder das Ganze, sind schon bei mehreren Organisationen dabei oder bereits so genervt, dass sie gar nicht mehr zuhören.