Sven Regener und Germar Grimsen bringen Dostojewski nach Bremen
ECKHART: Aber das ist ja alles lächerlich
Bekommt man ein neues Buch von Sven Regener in die Hand, meint man ungefähr zu ahnen, was zu erwarten ist: Neues aus dem Leben von Frank Lehmann, erzählt in hunderten Seiten voller Schachtelsätze, bierlastiger Dialoge, die sich im Kreis drehen, amüsant-träger Alltagsbeochachtungen und, wie es der Meister selbst ausdrücken würde, 'ROMANTIK!!!'.
Bei 'Angulus Durus' wird diese Erwartung enttäuscht, handelt es sich doch um eine Geschichte über eine neue, sich von Herrn Lehmann stark unterscheidende Hauptfigur namens Eckhart, dessen Leben in Form eines Drehbuchs erzählt wird, das Regener auch gar nicht alleine, sondern mit Germar Grimsen verfasst hat, und zwar Ende der Neunziger, noch vor seiner Karriere als Bestsellerautor.
Regener und sein Freund Germar Grimsen, der in Bremen laut Eigendefinition als 'gescheiterter Antiquar' lebt und jahrelang den Salmoxisboten herausgab, erhielten den Auftrag, ein Drehbuch mit Dostojewskis 'Traum eines lächerlichen Menschen' als Vorlage zu schreiben. Die literarischen Wege der beiden kreuzen sich schon länger, da Grimsen erste Gedichte und Kurzgeschichten von Regener in seiner Quartalspublikation veröffentlichte.
Das Ergebnis ihrer Arbeit, 'Angulus Durus' (Zwei Blicke in den Stowasser reichen, um zu erkennen, dass es sich um den Namen der Hauptfigur Eckhart handelt), war für den Auftraggeber nicht befriedigend, weil es zu schräg und schwer realisierbar war.
In Standbildern und Dialogen, von dogmatischen Fotografien begleitet, verfolgen Germar Grimsen und Sven Regener die Lebensstationen des armen Eckhart zwischen Huchting, Roland-Center und Sodenmattsee. Ein Buch voller toter Tiere, erlesener Katastrophen und schrecklicher Aromen.
Die Geschichte eines lächerlichen Menschen
'Angulus Durus' ist die Geschichte von einem lächerlichen Menschen, der in seinem jungen Leben schon einiges erlebt hat: Er war leidenschaftlicher Schwarzfahrer, Hobby-Geograph, Teestuben-Süchtiger oder Freizeit-Theologe. Nie wurde er ernst genommen. Sein Vater, ein sehr gebildeter, aber konservativer und starrköpfiger Straßenbahnfahrer, hasste ihn gar, seine Mutter schämte sich seiner immer ein bisschen. Er verbrachte viel Zeit mit der schönen Karin und deren Freunden, die ihn auch nie ernst nahmen, und trotzdem lächelte Eckhart meist, ging seinen Weg und war sich seiner Lächerlichkeit stets bewusst.
Erzählt wird seine Lebensgeschichte von Eckhart selbst, er spricht im Krankenhaus mit einer Psychologin und einem Kriminalbeamten, der etwas über einen Brand in Bremen herausfinden will, für den er Eckhart verantwortlich macht. Auch den beiden wird er langsam lästig, begleitet sie sogar nach Hause, weiß, wie immer in seinem Leben, wie lästig und lächerlich er ist, und erzählt trotzdem unbeirrt weiter. Bis er zu dem Zeitpunkt in seinem Leben kommt, als er sich umbringen wollte.
PSYCHOLOGIN: Tut mir leid, aber Sie müssen ihn reden lassen, damit sich ein Gespräch entwickelt, sonst kommen wir ihm nicht näher.
KRIMINALBEAMTER: Gespräch? Was für ein Gespräch? Ich seh hier kein Gespräch. Ich sehe hier einen, der verarscht, und zwei, die sich verarschen lassen.
Hier kippt die Story, Eckhart erzählt vom Paradies. Realität und Traum sind immer schwerer zu trennen, die Paradies-Bewohner wollen ausziehen nach Huchting, um Nutella zu verkaufen, und der Leser merkt mit den letzten Seiten schön langsam, was an dem Tag des Brandes passiert sein könnte ...
ECKHART: Seid ihr alle Freunde?
PARADIES-OTTO: Mehr als das. Freund sein kann jeder. Wir sind Sportsfreunde.
Huchting
Mit einem Urteil tu ich mir etwas schwer:
'Angulus Durus' ist, wenn man sich erst mal an die nicht immer flüssig zu lesende Form des Drehbuchs gewöhnt hat, ein recht amüsantes und liebenswürdiges Buch. In manchen Dialogen hört man den typischen Regener-Ton klar heraus und die Handlung ist zumindest ungewöhnlich genug, um zu fesseln.
Irgendwie hat es mich aber doch nicht überzeugt. Eckhart ist nicht wirklich greifbar, sein Charakterprofil scheint zwischen zu vielen nicht zu vereinbaren Eigenschaften zu schweben. Deshalb greift dann irgendwie der zweite, paralbel-artige Teil nicht so ganz. Bei mir zumindest nicht.
Trotzdem empfehle ich die Lektüre des 'Katastrophenfilms' -für Regener-Fans, weil das Buch fast nur aus Dialogen besteht, was ja zweifelsohne zu seinen schriftstellerischen Stärken zählt, für alle anderen, weil dieses - was die Erzählform und Handlung betrifft - ungewöhnliche Buch viel Raum für Diskussion, Interpretation und Staunen läßt.
'Angulus Durus' ist im Eichborn-Verlag erschienen.
Mehr zu "Angulus Durus" gibt es morgen, 6. Juni, von Robert Zikmund in Connected (15-17 Uhr)