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Wien | 18.11.2007 | 15:00 
Lach- und Sachgeschichten.

Janis, Schoenswetter, Reiser

 
 
Männer sind einfach zu widerlich
  Über Klosprüche
 
 
 
  Mit Definitionen ist es wie mit Lottozahlen: Die Mehrheit liegt meistens daneben. So denken viele Menschen, dass Alkoholkonsum in den eigenen vier Wänden Trunksucht bedeutet, während es sich beim Bierbestellen in laut beschallten Etablissements oder gar ephemer errichteten Zelten um nette Abende und gemütliche Runden handelt.
Merke: Einen Rausch zeichnet nicht unbedingt aus, wie viele Menschen seine direkten Auswirkungen beobachten bzw. fotografieren, sondern ob er gehaltvoll war, also zu langfristig interessanten Gedanken oder ohne Auflockerung schwer möglichen Situationen führt. Demnach ist Betrunkenheit oft, aber nicht immer sinnlos, jedenfalls stets gesundheitsgefährdend, egal, ob durch einen Doppelliter vor dem Fernseher oder am St. Veiter Wiesenmarkt in die Wege geleitet.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem Achterl zu Hause und dem in Lokalen ist der, dass man bei ersterem immer seine eigene Toilette aufsuchen muss, während weniger private Geselligkeit die Benützung öffentlicher Notdurftentledigungseinrichtungen bedingt. Zu Hause rundet häufig ein Zeitschriftenständer das Arrangement aus Kloschüssel und Papierrollenhalter ab, da man gerne die kräftezehrenden Minuten mit anspruchsvoller Lektüre zusätzlich würzt. Doch auf öffentlichen Toiletten liest man hinter kleinen abstrahierten männlichen oder weiblichen Keramikbesuchern selten eine kurzweilige Journaille, sondern sieht sich eher mit Edding-Penisen oder auf treffende Endreime hingetrimmte Beischlaf-Lyrik konfrontiert. Hier stellt der wache Geist die W-Frage "Wieso?".
 
 
 
 
 
  Zu entspannt erörtert wäre das Thema, würde man Klosprüche auf Vandalismus im Kavaliersdelikt-Rahmen reduzieren. Jede Verbotsüberschreitung, jede Geschmacklosigkeit hat ihren Grund, und Gründe lohnen oft Gedankenverschwendung. Dass vor allem auf Toiletten geschmiert und gedichtet wird, hat auch Gründe.

Der stille Ort ist in sozialer Hinsicht eben nicht nur still, sondern auch interessant. "Ich geh mal schnell auf das interessante Örtchen" - OK, das klingt vielleicht blöd, aber egal.
Die Toilette ist ein schwer antastbares Refugium der Ungestörtheit, Anonymität und Grenzziehung. Wenn auch akustisch oder olfaktorisch manch Hinweis auf das Geschehen in den drei Quadratmetern hinweist, ist es common sense, Anstand und Dezenz walten zu lassen und geduldig zu ignorieren. Hier wird nicht nur gekotet oder uriniert, es werden Binden oder Bauchnabelpiercings ausgetauscht, Samenüberschüsse gemolken, Detail-Korrekturen am äußeren Erscheinungsbild vorgenommen oder bittere Trennungs-Tränen in den Abfluss getropft. Weil das Klosett Unantastbarkeit, Nachsicht und Scheuklappen an Augen, Ohren und Nase mit sich bringt.
 
 
 
 
 
  Deshalb liegt es nahe, dass Erleichterungskabinen nicht nur der körperlichen, sondern auch der geistigen Erleichterung dienlich sind, frei nach dem Motto: Was raus muss, muss raus. Und das können Obszönitäten wie telefonische Kontaktangebote, Liebesgedichte, politische Slogans, Veranstaltungshinweise oder Umfragen sein. Der Anonymität im Internet ist zu misstrauen, die IP-Adresse lässt im Gegensatz zur leicht zu variierenden Handschrift wenig Deutungsversuche zu, sondern ist eine schwer zu verwischende Spur. Blockbuchstaben auf Plastikraumteilern hingegen verheißen keine Gefahr von Zurückverfolgung, vielmehr regelmäßiges Publikum.
Das drückt sich am besten in konkreten Fragen oder Partizipationsanregungen aus ("Wie mache ich am besten mit meinem Freund Schluss?"). Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten verzweifelten, verliebten oder fragenden Botschaften auf Klotüren nicht scherzhaft verfasst, sondern sehr ernst gemeint sind.
 
 
 
 
 
  Ebenso sind auch die - laut dieser Studie vermehrt in der Herrenabteilung zu findenden - illustrierten Geschlechtsteile bzw. -akte oder thematisch stark begrenzte Reime ("Es bumst die Maus, es bumst der Bär, es lebe der Geschlechtsverkehr") nicht nur blöd, sondern auch bedenklich im positiven Wortsinn. Es mag verwundern, wen ich an dieser Stelle zitiere, aber Ernst Jünger sind in dieser Hinsicht weise Worte aus dem Federkiel geflossen:

Der Trieb, obszöne Bilder und Verse an Mauern zu kritzeln oder auch, wenn man an Herkulaneum denkt, zu verewigen, deutet auf ein Bedürfnis und seine Befriedigung hin. [] Ist es zu kühn, darin eine Kultuthandlung zu sehen? Und zeugt es von schlechtem Geschmack, wenn man bedauert, dass diese Sgraffiti verschwinden? Doch das ist keine Geschmacksfrage. [] Der Verstoß gegen die Regel, die Ordnung, das Gesetz animiert. Wir sind in der Welt gefangen - Der Gegenpol des Lachens in die Mathematik. Fünfe gerade sein lassen ist ein großes Motiv.
Das Obszöne erheitert - Selbst auf Sarkophagen. [] Anders das Grob-Pornographische, das eher erschreckt. Da ist ein brutaler Wille, animalisch, das Lachen hingegen folgt einer Berührung des Zwerchfells, des vegetativen Systems.

(aus: Siebzig Verweht III)

Da die bildliche Darstellung von Sexuellem oder Abstoßendem, ob auf humorvolle, derbe oder geistreiche Art, sich nicht nur bei Adoleszenten, sondern auch in allen anderen Altersklassen Popularität erfreut, muss sie ein Grundbedürfnis des oder wenigstens vieler Menschen sein. Dieses Bedürfnis wäre mit der einfachen Strickweise jener, die es auch wirklich äußern, zu billig erklärt.
 
 
 
 
 
  Das Warum overruled oft das Was. Die "Die 100 besten Klosprüche" ergötzen weniger als das Sinnieren über die Frage, warum eine derartige, wahrscheinlich auch irgendwann bereits publizierte Sammlung überhaupt möglich wäre. Beweggründe sind oftmals durchleuchtenswerter als deren Produkt. So könnte ich nächste Woche einen Artikel über Tattoos in der Wirbelsäulen-Steißbein-Übergangs-Gegend verfassen, ohne unspektakuläre Geweih-Motive, sondern vielmehr Gruppendynamik und Trends erörternd, aber das sollen andere tun, ich vollende lieber den Wohnungs-Such-Zweiteiler und schließe mit einem selbst erdachten Klospruch:

Männer sind wie Klos - Manchmal sind ihre Brillen schmutzig.
 
 
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