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Wien | 4.12.2007 | 14:33 
Please don't put your life in the hands
of a rock 'n' roll band

Farkas, Christianlehner, Ondrusova

 
 
Roger Willemsen - "Nur Zur Ansicht"
  Die gesammelten Essays eines modernen Renaissance-Man. Hier finden sich Porträt, Privatmythen, Medienkritk und eine äußerst entzückte junge Journalistin.
 
 
 
Der leidenschaftliche Zeitgenosse
  Roger Willemsen ist der vielleicht letzte Renaissance-Man. Es gibt kaum etwas, das er nicht gemacht, oder kaum jemanden den er nicht getroffen hat. Falls es ihm einmal an Eigenerfahrung fehlt, ist Herr Willemsen zumindest so gut informiert (unfassbar!), dass er nicht nur Small Talk, sondern auch legere Referate zu jedem x-beliebigem Thema halten könnte. Er handelt sich hier immerhin um jenen Mann, der als Nachtwächter gearbeitet hat, damit er Zeit zum Lesen hatte. Sein nächtlicher Durchschnitt lag bei 500 Seiten. Viele meinen, dass Willemsen mit seinem schier unendlichen Wissen nur arrogant herumstolziert. Ich finde es und ihn faszinierend. Schon alleine seinem rapiden Sprachfluss und seinem eloquenten Satzbau zu folgen, ist mir ein Vergnügen. Nun hat dieser Mann von Welt einige seiner vielen Interessen in der Form von Essays und Porträts in "Nur Zur Ansicht" zusammengefasst.

Manchmal, wenn ich gerade nichts andere zu tun habe oder irgendwo warten muss, stelle ich mir die Situation meiner Zeugung vor. Nicht, weil sie so ergiebig wäre, eher als Zeitvertreib frage ich mich, ob meine Eltern gut gelaunt waren, als sie mich zeugten, oder vielleicht eher gelangweilt, ob sie es mit Vorsatz taten oder weil ihnen gerade nichts anderes einfiel. Vielleicht gab es nichts im Kino.

 
 
 
 
Weißes Rauschen
  Nach langem Überlegen fällt Herrn Willemsen das Einzige ein, das ihn nicht interessiert: Autos. Obwohl, ich bin mir sicher, man könnte ihn gegebenfalls noch anderer Meinung stimmen. Wir sitzen in München, vor seinem Auftritt mit seinem Soloprogramm (ja, er macht auch eine Art Kabarett), und unterhalten uns über die Medien und Meinungen. Er findet ersteres braucht mehr Diskurs und Kritik, zweiteres ist zu einer Art Unwort geworden. In "Nur zur Ansicht" kommentiert Willemsen viele Aspekte der Medien, teilt seine Beobachtungen zu Fernsehen, Feuilleton und Musik mit. Und das nie mit dem erhobenen Zeigefinger eines Außenseiters, sondern mit der Weisheit von jemandem, der freiwillig kapituliert hat - zumindest was die TV-Branche angeht. Heute noch bekommt Willemsen, der vor einigen Jahren seine Arbeit an diveresen TV-Formaten aus Verzweiflung aufgegeben hat, am Wiener Naschmarkt vom Gemüsehändler seines Vertrauens ein gratis Glas Saft. Weil er beim Fernsehen aufgehört hat. Auch Scheitern hat seine schönen Seiten, und dient bei Willemsen oft als Inspirationsquelle für seine Essays.

 Roger und sein Lynch'scher Samtvorhang.
 
 
 
 
Menschenbilder
  Roger Willemsen ist wohl am meisten für seine Porträts bekannt, die seit Jahren in diversen Zeitungen und Büchern auftauchen, und früher eben auch im Fernsehen. Vielleicht ist Willemsen so etwas wie der sympatischere, unabhängige Larry King. Er hat sie alle interviewt, Thatcher bis Madonna. In "Nur Zur Ansicht" finden sich keine direkten Interviews, aber ein paar ausgezeichnete Porträts, die bei Willemsen nie wie ein biographisches Wiederkauen wirken, sondern wie ein kleiner Einblick in das, was sich abseits der Öffentlichkeitsarbeit dieser Person tut. Willemsen wirft nie den gierigen Paparazzi-Blick, und falls doch, ist er auf jeden Fall der einzige Paparazzi, der sich einem Samuel Pepys mit genausoviel Hingabe widmet, wie einer Romy Schneider. Der Essay zu Pepys ist übrigens mein Highlight aus diesem Band. Gleichzeitig historisch faszinierend (der erste Mann, der sein Tagebuch veröffentlich hat, und somit die britische Geschichte mit seiner eigenen verbunden hat) wie auch philosophisch anregend:

Warum verlässt ein Mann, dessen Tage übervoll sind mit Ereignissen, Beobachtungen, Aufregungen, einer, der vom Leben nicht genug bekommen kann, warum verlässt er täglich seine alltagspraktische Welt und widmet sich der zeitraubenden Beschäftigung des Schreibens?

"Nur Zur Ansicht" ist die gelungene Kombination aus Theorie und Alltag. Lang habe ich vergeblich im deutschprachigen Raum nach dem gesucht, was man in Amerika als "creative nonfiction" bezeichnet und was jede Woche im New Yorker publiziert wird. Willemsen bringt diese Publizistik-Kultur auch zu uns. Auch wenn er nur über die scheinbar banalsten Dinge, wie ein Paar Lieblingschuhe sinniert, steckt dahinter eine große Sensibilität, eine große Humanität und eine große Ehrlichkeit, die man viel zu selten aus Texten zu spüren bekommt.
 
 
 
Das Wesentliche
  "Nur Zur Ansicht" von Roger Willemsen ist im Fischer Verlag erschienen. Ebenfalls dort erhältlich ist Willemsens aktueller Bestseller "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort", das er gemeinsam mit Dieter Hildebrandt geschrieben hat.

Mehr zu "Nur zur Ansicht" und Roger Willemsen gibt es heute, 4.12, ab 15 Uhr in Connected zu hören.
 
fm4 links
  rogerwillemsen.de

Flaschendrehen
Roger Willemsen spielt mit Charlotte Roche und Co Flaschendrehen. Ein Internetphänomen.

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