Warum der "Kinderkram" von Deerhoof so wichtig ist.
We are
Ihre neunte Platte heißt "Offend Maggie" und anscheinend haben es sich Deerhoof vorgenommen, wirklich nur diese besagte Kunstfigur zu ärgen - ansonsten ist es ihr größtes Ziel, Leute glücklich zu machen. Ihre Musik ist wahnsinnig kompliziert, unvorhersehbar, manchmal auch verstörend - aber eines ist klar: Sie wollen niemanden abschrecken, wollen nicht eine difficult Band on stage sein. Ihr Geschäft ist letzendlich doch das Showbusiness und ihr Job einer, der auf Kommunikation aufbaut. Also muss das Gespräch mit dem Publikum ständig auf irgendeinem transzendentalen Level funktionieren.
Bevor ich diesen Sommer Deerhoof zum ersten Mal live gesehen habe, habe ich mir mit ihnen schwer getan. Ich weiß, es geht nicht nur mir so. Habe immer wieder in die Songs von "Apple O'" und "Milk Man" reingehört, aber konnte diese nur auf Häppchenbasis konsumieren. Deerhoof sind zwar in meinen Augen Indiepop, aber nicht ganz einfach zu verstehen. Man muss sich wirklich darauf einlassen und der Band vertrauen, dass sie einen trotz scheinbarem Chaos und Improvisation sicher im Sound wiegen werden, und den Hörer dort hinbringen, wo er hin will. Wenn man mal verstanden hat, dass Deerhoof nicht durch den Kopf, sondern nur durch Herz & Seele geht, dann hat man gewonnen. Denn diese Band kann man nicht analysieren, man kann sie nur spüren.
Wild like children, eben.
a family
Spüren, nicht philosophieren war auch gestern in der Wiener Arena die Devise. Nach einigen Strapazen mit dem übermütigen Schlagzeuger Zach Hill, der den Solo-Opener Act gab, legen Deerhoof los. Schon die erste Note ist Programm: Schichten die ineinander geflochten sind, Melodien, die auseinander gehen, wo manchmal das Timing charmant daneben ist, die sich aber dann immer wieder um die Ecke treffen. Dieser schreckliche '80s Marketing-Sager "think outside the box" trifft tatsächlich zu.
Deerhoof haben eine fantastische Bühnenpräsenz, die durch ihr Blocking nur verdeutlicht wird - alle vier Mitglieder aufgereiht, Drummer Greg ganz links, mit dem ständigen Blick auf seine Kumpanen. Satomi ihm zugewandt auf der anderen Seite, die wilden Gitarrenbuben in der Mitte. Jeder hat seine kleine Nische, trotzdem finden sie sich in den richtigen Momenten wieder. Wann diese Momente da sind, verrät ein Blick auf die Gesichter der völlig ekstatischen Musiker. Nur Satomi hat immer einen verschmitzen Blick aufgesetzt - als ob sie uns gleich in der nächsten Strophe ein Geheimnis preis geben würde.
of others
Mit einer schönen Mischung aus "Offend Maggie"-Tracks und Highlights des Vorgängers "Friend Opportunity" poltert die Show dahin. Der Sound, der am Anfang noch dünn und leise daher kam, bessert sich auch von Nummer zu Nummer. Die Band verfolgt ihr Ziel große Lächeln auf die Gesichter der Besucher zu pappen - wir sind alle begeistert. Und wenn wieder mal die großen, fast schon episch angelegten Spannungsbögen gezogen werden, schauen wir konzentriert zu Boden bis die Erlösung kommt. Dann Jubel.
Auch die Zweifler in der hintersten Reihe kommen auf ihre Kosten - allerspätestens bei der Zugabe, wo wieder einmal tief in die Deerhoof Trickkiste gegriffen wird. "Basketball Get Your Groove Back", ein Track des neuen Albums, besteht aus dem bezaubernden:
Das wird mit piepse-hoher, japanisch-akzentueirter Stimme gesungen. Dazu hat Satomi eine charmante Art von Kindergärtner-Improv-Tanz vollzogen. Ich habe danach noch erwachsene Männer dabei ertappt, wie sie in der U-Bahn am Nachhauseweg leise aber bestimmt "Basket Ball, Basket Ball" vor sich hin gesummt haben. You had to be there. I'm glad I was.