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Wien | 8.8.2008 | 17:36 
Hoch die Kragen, tief die Hosen.
Wir gehen ins Museum.

Ondrusova, Zita

 
 
It's not only Rock 'n' Roll, Baby!
  Ein echter Pete Doherty. Hinter Glas in einer heiligen Halle der Kunst. Das hat noch gefehlt in der skandalösen Biografie des Barden. Gemalt wird natürlich nicht mit Acryl oder Öl, sondern mit Blut. Ein Farbstoff der Doherty übrigens nicht nur zu Abstechern in die Bildende Kunst inspieriert.
 
 
  Pete Doherty, Blood Portrait, 2007
Pete Doherty, Blood Portrait, 2007. Bis zu 55.000 Euro sollen für eine Doherty-Grafik schon über den Ladentisch der Londoner Galerie Bankrobber gewandert sein.
 
 
  Die heilige Halle, die dem Kunstwerk Obdach gewährt, nennt sich Paleis voor Schone Kunsten (Bozar) und steht in Brüssel. Für die Ausstellung "It's not only Rock 'n' Roll, Baby!" hat Kurator Jérôme Sans dort einen Haufen Musikerinnen und Musiker zusammengetrommelt, deren künstlerische Karriere eigentlich im Visuellen begonnen hat. Alan Vega, Bent Van Looy (Das Pop), Bianca Casady (CocoRosie), Brian Eno, Devendra Banhart, Fischerspooner, Laurie Anderson, Miss Kittin, Nick Zinner (Yeah Yeah Yeahs), Patti Smith oder Yoko Ono hat das Museum zusammen mit ihrem kreativen Bildgut ins Haus geholt.
 
 
  Antony (Antony and the Johnsons), Cut Away The Bad III.
Antony (Antony and the Johnsons), Cut Away The Bad III. "Antony's voice and work exists between male and female, between darkness and light, power and vulnerability.", erzählt der Begleittext.
 
 
Ohne Kunst kein Pop
  "'It's not only Rock 'n' Roll' demonstrates that the voice of Rock was also birthed by Art, and that music has given art a truly powerful expression." Ohne Kunst also, so Kurator Jérôme Sans, keine Popmusik. Eine gewagte These, wenn man die Entwicklung der Kunst in den letzten Jahrzehnten beobachet hat.
 
 
 
The Kills (Alison Mosshart and Jamie Hince), hotel ashtray, Polaroids, 2002-2006
 
 
David Byrne (Talking Heads), Music Tree, Digitaldruck, 2003
 
 
Wir wollen euch kreischen hören
  Neu ist die Idee der Fusion der beiden Felder nicht. Der sich damals vermehrt als blutleer empfindende Kunstraum schielte vor allem Ende der 90er Jahre neidisch auf die Popmusik mit ihrer vermeintlichen Empathie- und Begeisterungsfähikeit und ihrer scheinbar weit klareren Form der kulturellen Kommunikation. Denn wann hat man schon jemals Menschen völlig ausgerastet und vor Verzückung schwitzend aus einem Museum wanken sehen? In der Sprache des Pop gehört die hemmungslose Emotionsentladung zur täglichen Routine. Zudem ist der Kunstdiskurs seit den 70er Jahren fleißig am Dekonstruieren des Ausstellungskonzpts 'White Cube' und fordert so eine gesellschaftliche Öffnung der heiligen Hallen.
 
 
 
Frühere Projekte
  Die auratisch medidative Grundstimmung im Museum war dem Kurator der Kunsthalle Wien auch 1998 ein Dorn mit Auge. Bei Crossings wurden dort lärmende Ikonen der Galerien gezeigt. Der Untertitel "Kunst zum Hören und Sehen" sagt viel über den konzeptionellen Anspruch der Schau, und das Auratische stand mehr denn je am Plan.

Einen weit präziseren Bogen spannte das Wiener Künstlerhaus mit Abstraction Now (2003), wenn das Feld der clicks, cuts und loops durchquert wurde, um Formen der Abstraktion vor dem Hintergrund damaliger audivisueller Elektronik-Produktionen zu reflektieren.

Wie eng die Geschichte der Gitarre seit den sechziger Jahren mit der Bildenden Kunst verwoben ist, sollte kurz darauf bei Go Johnny Go! (Kunsthalle Wien, 2003) erläutert werden. Hingegangen sind aber alle nur wegen den 80 klassischen Gitarrenmodellen von der emblematischen Stratocaster bis hin zu Martin Gretschmanns selbstgebautem atari-Einzelstück.

Aber egal. Ziel trotzdem erreicht, denn viel mehr als um die Diskussion von aktuellen kulturellen Bewegungen, geht es den AusstellungsmacherInnen um frischen Wind im verstaubten Haus. Zur Verjüngung des Publikums hat sich das Bozar bei der aktuellen Ausstellung mit dem Rock Werchter Festival verlobt. Der Eintritt ins Bozor und in 25 andere belgische Museen ist mit dem Festivalarmband gratis.
 
 
 
Befreiungsschlag gegen die Plattenbosse
  Wenn die Kunstmagazine schreiben, dass es sich bei manchen der ausgestellten KünstlerInnen um einen "Befreiungsversuch aus der allzu festen Umarmung der Plattenbosse, die die musikalischen Ergüsse der Musiker erst einmal auf wirtschaftliche Tauglichkeit prüfen, bevor sie auf den Markt kommen" handelt, dann sitzen sie dem strapazierten Klischee vom autonomen Künstler auf, denn das M-Wort steckt im Kunst- genauso wie im Musikmarkt.
 
 
  Melissa Logan, Alex Murray-Leslie, Kathi Glas; Girl Monster, 2006
Das konsequente Verschneiden der beiden Plattformen Kunst und Pop bildet den Kern des Prinzips Chicks on Speed. Melissa Logan, Alex Murray-Leslie, Kathi Glas; Girl Monster, 2006
 
 
Plattformen
  Was Ausstellungen wie diese aber trotzdem vorantreiben, ist eine nicht uninteressante Plattformdiskussion: "Was kann Kunst, was Popmusik nicht kann?" und umgekehrt. Für die Hochkultur würden wahrscheinlich die Art der kritischen Reflexion, der wissenschafliche Diskurs und ihr hegemonialer Status mit den damit verbundenen finanziellen und politischen Nützlichkeiten sprechen. Die so genannte 'Subkultur' wird dagegen meist als demokratischer organisiert, emanzipatorischer und viel näher an der Realität des Alltags empfunden. Einer Realität des Alltags, mit der Pete Doherty - egal ob mit oder ohne seiner Malerei - täglich zu raufen hat.
 
 
 
Ausstellung
  It's not only Rock 'n' Roll, Baby! ist bis zum 14.09.2008 im BOZAR Center for fine arts in Brüssel zu sehen.
 
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  Bozar - Paleis voor Schone Kunsten in Brüssel

It's not only Rock 'n' Roll, Baby! auf Myspace

Fischerspooners Fernsehwerbung zur Ausstellung

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