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Wien | 23.9.2008 | 23:55 
Hoch die Kragen, tief die Hosen.
Wir gehen ins Museum.

Ondrusova, Zita

 
 
No Country for Surfmen
  Wer in Österreich surft, der reist. Trotzdem versüßen sich immer mehr SnowboarderInnen den schneelosen Sommer mit Freiheit und Spaß am Surfboard. Das Surfen spiegelt sich mittlerweile in immer mehr Facetten wider und entwickelt sich stetig weiter. Wettkampfsurfen ist eine davon, und findet auch in der österreichischen Surf-Community seinen Einzug.

Wir haben Steve Pressler um einen Insider-Bericht gebeten. Denn niemand anderer ist mehr mit der Materie des Surfens in und aus Österreich verbunden, wie der Salzburger Magister der Sportwissenschaften. Nicht nur, dass er bei den im Juni statt gefundenen Meisterschaften in Moliets la Plage teilgenommen hat - er hat als Gründungsmitglied von Austrian Surfing den Wettbewerb auch gleich mit organisiert.
 
 
 
Surfing vs. Österreich*
  von Steve Pressler

Als österreichischer Surfer hatte man es in heimischen Gefilden nicht leicht. Erklärt man, ein Surfer zu sein, wird man oftmals mit einem Windsurfer verwechselt. Weitere Erklärungsversuche wie "Na, des ohne Segel" stoßen auf allgemeines Unverständnis.
Weitere Irritationen tauchen auf, wenn sich österreichische Surfer in ihren engen Neoprenanzügen auf der Suche nach dem Flow in heimische Flusswellen stürzen, um nach gewisser Zeit ein Stück flussabwärts wieder ausgespuckt zu werden. (Ich schreibe hier vom Riversurfen.) Und spätestens nach der Rückkehr von einem Surftrip wird dir am Flughafenausgang durch die Frage "Wos isn des? Hobn's wos zu verzollen?" der heimischen Behörden unmissverständlich klar gemacht, welche Bedeutung die "Königin der Sportarten" in Österreich hat. Eine sehr untergeordnete.

Steve Pressler
 Steve Pressler
 
 
 
 
  Bei so vielen Gelegenheiten zu Missverständnissen ist es auch nicht verwunderlich, dass österreichische Surfer unter sich bleiben, ihren Sport individuell leben und der Austausch über die Sportart meist im Kreis der internationalen Surf-Community stattfindet. Als Binnenland-Bewohner braucht es einen hohen Grad an abstrakten Vorstellungsvermögen, um diesen Sport überhaupt ernsthaft erlernen zu wollen. Und nochmals eine Portion mehr Engagement und Commitment, um diesen Sport zu leben.
 
 
 
Austrian Surfing Contest Szene
  Ende Juni erwache ich bereits früh in meinem wohlig warmen Schlafsack im Mobile-Home am Wavetours-Camp in Moliets, an der französischen Atlantikküste. Ich öffne die Tür und atme die kühle, feuchte, leicht salzige Morgenluft ein. Heute sollen unweit von hier die Austrian Championships 08 im Wellenreiten stattfinden. Schnell kommt Leben ins Surfcamp, man versammelt sich im Essenszelt und bereits kurz nach einem stärkenden Frühstück brechen wir in Richtung Strand auf.
 
 
  Marcus Rosenberg
Marcus Rosenberg
 
 
  Je näher wir den Dünen kommen, die uns den direkten Blick zum Wasser verwähren, desto neugieriger werden wir. Wird sich die Wellenprognose mit 0,5 - 0,7 Meter Wellen bestätigen, oder werden wir wieder einmal eines besseren belehrt? Wie werden die Windverhältnisse sein, wie verhält sich der Spot bei zunehmender Tide? Der erste Eindruck ist positiv. Eine leichte Offshore-Brise hält das Wasser glatt, die Wellen brechen geordnet, wenn auch klein, über die Sandbänke. Bereits bei voller Ebbe sind sie durchaus surfbar.
 
 
 
  Erst kurz nach der vereinbarten Zeit treffen die meisten der Teilnehmer ein. Dazu zählen Mick Klaunzer aus Australien, Chris Schnitzer aus Südafrika, Holger Hassenpflug, der ebenfalls in Südafrika aufgewachsen ist und nun seit 1994 in Österreich lebt, Rene Schnelzer, der seit einigen Jahren als Surfcoach bei Wavetours arbeitet und nun sein eigenes Camp in Marokko führt, Boris Lehner, der der Headcoach des Ineika Surfcamps auf Fuerteventure ist, und Phil Manderl. Insgesamt sind es 24 Teilnehmer.

Und so beginnen die 9. Austrian Championships mit ein wenig Verspätung mit dem ersten Tröten der Startsirene.
 
 
  Holger Hassenpflug
Holger Hassenpflug - BS Top Turn
 
 
The Heat is on
  Nach kurzem Material-Check schlage ich mit den anderen drei Teilnehmern, René Schnelzer, Phil Manderla und Jakob Glatz, des Heats ein und wünsche ihnen Glück. Während ich ins Wasser laufe, spüre eine gewisse Anspannung in mir. Mein Puls pocht vehementer als vor einer Freesurf-Session. Ich versuche als erster ins Line-Up zu gelangen. Gedanken des Verlorenseins, der Unfähigkeit gehen mir durch den Kopf: "Kann ich bessere Wellen kriegen als die anderen? Wo soll ich mich positionieren?" Ich setzte mich kurz auf und kehre meine Gedanken in mich, lasse mich nicht von den äußeren Einflüssen ablenken. Meine innere Stimme sagt mir: "Du musst niemandem etwas beweisen. Surfe, als sei es deine eigene Surfsession. Surfe für dich und deine Passion."
 
 
  Judges
Judges
 
 
  Kurz danach paddle ich die erste Welle an, setze den ersten Bottom- und Top-Turn noch etwas verkrampft, erlange aber zunehmend Sicherheit, verschmelze mit der Welle und spüre das Flow-Gefühl beim Tanz über die Welle.

Zwischen den Heats werfe ich eine Frage in die Runde der teilnehmenden Surfer: "Warum braucht das Surfen, als Soulsportart, überhaupt Contests?". Heiße Diskussionen entbrennen darüber unter einigen Teilnehmer, wie etwa Boris Lehner. Auch er ist zum ersten mal bei einen Wettbewerb dabei und muss in nicht optimalen Bedingungen sein bestes Surfen zeigen.
 
 
 
  Betrachtet man die circa tausendjährige Geschichte des Wellenreitens, so kann man feststellen, dass der Lebenstil Surfen stark an die zwei Merkmale Thrill-Suche, sowie Non-Konformismus, als quasi atavistischer Urdrang, gebunden ist. Aus Sicht der Free-Surfer wird Surfen als ein "Spiritual Quest", Contests dagegen als eine Verstümmelung der Bewegungsform mit einer Redzierung auf einer Bewertung durch Punkte, gesehen. Surfen hat vielmehr mit dem eigenen Erleben, mit Gefühl und Soul zu tun. Contests beschneiden diese Freiheit und nonkonformistische Denkweise in allen Belangen. Sie bedeuten genaue Zeitpläne, ein exaktes Regelwerk, das Einhaltung der Prinzip der Fairness und durch Preisgelder und Sponsoren ein hohes Maß an exzentrischer Motivation. Alles wird von außen durch die Judges bewertet und unterliegt ausnahmslos dem Diktat des Siegens. Reichen objektive Bewertungskriterien aus, um den Soul, die Essenz und den Style des Surfens einzufangen?
 
 
 
Holger Hassenpflug - FS Bottom Turn
 
 
The Finals
  Ich habe mich durch die zwei Vorrunden gekämpft und mich für das Vierer-Finale mit Mick Klaunzer aus Australien, Holger Hassenpflug und Chris Schnitzer - beide aufgewachsen in Südafrika - qualifiziert. Die Vorfreude ist groß, ein Platz am Stockerl ist zum Greifen nahe. Doch als ich mich kurz vor Beginn des Heats zum Wasser begebe, werde ich mit einer skurrilen Situation konfrontiert, die meine Versagensängste gleich wieder aktivieren. Ich muss gegen drei Surfer antreten, die von Kindheit an an den verschiedenen Ozeanen mit der Kunst des Wellenreitens aufgewachsen sind. Gemäß dem österreichischen Rechtssystem sind sie nach dem Abstammungsprinzip - genannt "ius sanguinis" - in Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft, welche bei ehelichen Kindern gemäß einem Elternteil, bei nichtehelichen gemäß der Mutter, vergeben wird. Ich fühle mich als landlocked Austrian Surfer und klar in der Außenseiterposition. Andererseits sehe ich mich in meinem Können auch bestätigt. Immerhin bin ich als einziger Binnenland-Österreicher ins Finale gekommen.
 
 
 
Ich schlage mit den Jungs ein und rufe ihnen kurz bevor es los geht noch: "C'mon, let's do it for your country!" - Steve Pressler
 
 
  Die Hupe ertönt, wir rennen ins Wasser und paddeln gemeinsam ins Line-Up. Ich erwische die erste Welle. Ich spüre bei meiner kurzen Left mit vier Topturns, wie mich drei Augenpaare beobachten. Während meine erste Welle vom Publikum durch Gröllen honoriert wird und die Judges die erste Wertung aufs leere Blatt der Final-Sheets kritzeln, zieht sich ein Grinser über mein Gesicht. Ein Gefühl der Genugtuung durchfährt meinen Körper. Ich lasse mich aufs Brett zurücksinken und paddle wieder in Richtung Line-Up.
 
 
 
  Der Contest endet so, wie er enden muss. Ich schlage mich tapfer, es reicht aber nicht ganz. Die Auslandsösterreicher machten das Rennen unter sich aus - und das denkbar knapp.
Nach drei Runden, in denen 7 Heats in der Männerklasse im K.O.-System ausgetragen werden, kann der Südafrikaner Chris Schnitzer mit exakten Turns und radikalen Airs überzeugen und den Contest für sich entscheiden. An zweiter Stelle landet der Regular-Footer Holger Hassenpflug, der mir während des Rauspaddelns oftmals mit kraftvollen Topturns auf der Right entgegenkam. Den dritten Platz sichert sich der Vorjahressieger Mick Klaunzer. Und ich? Na ja, ich musste mich eben mit Rang Vier begnügen...
 
 
 
  *Steve Pressler schreibt für das österreichische Sixtynine Magazine. Dort könnt ihr auch die extended Version des Artikels nachlesen, wo Steve unter anderem die Frage beantwortet, ob das österreichische Surfen überhaupt Contests braucht. Sixtynine Magazin Ausgabe 4 ist seit 19.9. im Handel erhältich.

Mittwoch früh (24.09.) kommen Flo Edenberger und Holger Hassenpflug (Austrian Surfing) zum Frühstück in die FM4 Morningshow und erzählen ihre Geschichte des Sommer.

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'Down by the River' von Migl Putz
   
 
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