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Wien | 15.11.2008 | 00:24 
Hoch die Kragen, tief die Hosen.
Wir gehen ins Museum.

Ondrusova, Zita

 
 
Am Sprung
  Junge Kunst ist zu einem Label geworden, das sich sogar die verstaubtesten Tempel der Hochkultur immer wieder mal gerne aufs Hirn picken. Das symbolträchtige Moment von Jugendlichkeit in einem traditionell kritischen Reservat unserer Kultur, das riecht förmlich nach gesellschaftlichem Schießpulver und Revolution. Den neuen heißen Scheiß will man sehen, vielversprechende aktuelle Positionen, Weiterentwicklungen und neue ästhetische Perspektiven.
 
 
 
Wenn du oben sitzt, riecht es nach Fisch und fühlt sich ein wenig an wie am Meer - oder wie beim Frisör. Johannes Vogl 'Watching The Waves' Installation
 
 
Geht nicht
  Oft wird aber mit all den Zukunftshoffnungen und Erneuerungsfantasien nur der Hipness-Faktor des Ausstellungshauses aufgefettet, denn die alten Meister schmeißt man wegen der jungen Kunst auch nicht gleich aus dem Fenster.

Wer ist wirklich in der Lage, die gesamte Kunstproduktion eines Landes zu kennen, um dann noch eine 'repräsentative' Auswahl treffen zu können? Ein Fokus auf den Begriff der Nation ist nicht ungefährlich und 'jung' ist auch nicht mehr so einfach zu definieren. Schlimmstenfalls sieht man sich dann mit einer Ausstellung konfrontiert, deren zentrale kuratorische Leistung in der Eingrenzung der Geburtenjahrgänge besteht.
 
 
 
Maria Anwander klaut Titelschilder aus Museen, um so ihre künstlerische Sozialisation zu reflektieren. Oder vielleicht eine Art Reisetagebuch? 'My Most Favourite Art' Installation
 
 
Gibt's nicht
  Konzeptionelle Schlaglöcher, die das O.K charmant umfährt. 18 Expertinnen und Experten aus allen Teilen Österreichs wurden beauftragt, zwei bis drei künstlerische Positionen für eine Ausstellung dieser Art vorzuschlagen. Dazu kommt, daß das Linzer Ausstellungshaus sich sowieso eher als Experimentallabor in Sachen Kunst definiert und 'Alte Meister' erst gar nicht zu sammeln begonnen hat. Statt dessen setzt man auf Arbeiten im medialen Raum und auf Prozesshaftes.

Dementsprechend wurde dann die Liste der Künstlerinnen und Künstler auf 32 eingekocht. Man kennt sie durchwegs, hat sie schon einmal gesehen, ein Teil von ihnen ist schon in Galerien untergekommen. Als verbindendes Moment bleibt also übrig, dass ihre Karrieren am Anfang stehen. Dabei ergibt sich beim Abspazieren der dreistöckigen Schau sogar so etwas wie ein roter Faden. Vor allem aber ein äußerst gelungener Einblick in die zeitgenössische österreichische Kunst.
 
 
  Gregor Graf
Gregor Graf 'Waiting Room' Rauminstallation
 
 
Junge Karrieren
  Gregor Graf zum Beispiel baut seinen Fotografien einen Raum im Raum. Das Mobiliar wird aus der Außenhaut des white cubes gesägt und erinnert an eine Warteraumsituation, wie man sie vom Arzt oder der Haltestelle kennt. Seine Bilder zeigen retouchierte Stadtarchitekturen, aus denen jegliche Zeichen entfernt wurden, egal ob Schriften, Logos oder Verkehrssymbole. So entstehen völlig austauschbare Szenarien und irritierende Nicht-Orte. Gregors Spiel mit den Räumen reflektiert traditionelle Ausstellungspraxen, das Setting des Warteraums spielt auf den Ausstellungstitel 'Am Sprung' an und steht symbolisch für angehende Künstlerkarrieren.

Karrieren, die bei einem anderen schon wieder zu enden scheinen. Misha Stroj ist 34 und beschäftigt sich mit nichts weniger als mit seiner Retrospektive und dem Abschluss seines bisherigen Werks. Ein Archiv an angesammelten Fragmenten ist dabei der Ausgangspunkt für eine Befragung der Arbeitsweise des erfolgreichen Künstlers, die Tücken des Kunstbetriebs und der 'Relevanz' seines bisherigen Schaffens.

 
 
Misha Stroj 'WO UNSERE SPRACHE UNS EINEN SITZEN AUF EINER BANK IM REGEN VERMUTEN LÄSST, UND KEIN SITZEN AUF EINER BANK IM REGEN IST, DORT, MÖCHTEN WIR SAGEN, SEI EIN GEIST.' Rauminstallation & Objekte
 
 
Wie wird Geschichte geschrieben?
  Auf die Suche nach einer unbekannten (weiblichen) Avantgarde hat sich Anna Artaker gemacht. Zehn historische Fotografien hängen an der Wand, die Mitglieder von Künstlergruppen des 20. Jahrhunderts, wie Bauhaus oder Surrealismus, zeigen. Auf jedem Foto ist eine Gruppe von Menschen mit jeweils einer Frau zu sehen. Die Legenden daneben listen Anstelle der Fotografierten die Namen von Künstlerinnen auf, die auf dem Foto nicht zu sehen sind, aber Teil der jeweiligen Avantgardebewegung sind. Die Künstlerin stellt so Fragen nach einer Sichtbarkeit und nach dem scheinbar neutralen, dokumentarischen Status von Fotografie. Spannend dabei: Auch die Fotos sind alle irgendwie bekannt, durch ihre permanente Reproduktion wurden sie zu Ikonen der konventionellen patriachalen Kunstgeschichte. Ein Auftrag zur Recherche und ein Auftrag, Geschichte neu zu denken.
 
 
 
Anna Artaker 'Unbekannte Avantgarde' 10 historische Fotografien und Bild/Texttafeln
 
 
  Die verschiedenen Bedeutungsebenen von Geschichte interessieren auch Eva Egermann und Christina Linortner. Sie beschäftigen sich mit dem Volkshaus in Klagenfurt, das von der ersten österreichischen Architektin und antifaschistischen Widerstandskämpferin Margarete Schütte-Lihotzky 1948 gebaut wurde. Im Keller des Hauses finden sie Schautafeln einer alten Ausstellung. Durch subtile Ergänzungen und zusätzliche Tafeln transferieren sie die Ausstellung in die Jetztzeit und stellen in ihrer Installation Fragen nach der Biographie einer kommunistischen Architektin. Sie gehen Erzählungen von sozialen Kämpfen in der Zweiten Republik nach und reflektieren so den deutschnationalen Kärntner Konsens gegenüber einer slowenischen Minderheit.
 
 
 
Eva Egermann & Christina Linortner 'Schüttehausprojekt' Installation
 
 
Lesarten des Populären
  David Rych gibt Einblick in seine riesige Found-Footage-Sammlung von touristischen und ethnographischen 8mm Filmen aus den letzten 40 Jahren, die er auf Flohmärkten und Online-Marktplätzen zusammengetragen hat. Die Verfügbarkeit von Aufnahmegeräten hat uns eine neue, völlig veränderte Sicht auf die Vergangenheit möglich gemacht. Die Urlaubsvideos aus Davids Sammlung sind Erinnerungen einzelner Menschen, die in ihrer dichten Aneinanderreihung langsam zu einer Art kollektiven Gedächtnis mutieren. Postkoloniale Diskurse werden in 'Reminisces from the Zulu Zone' genauso behandelt wie die Frage nach der Entstehung einer gemeinsamen Erinnerungskultur.
 
 
 
  Pia Schauenburg sammelt Tote und katalogisiert sie nach Sterbezeit, Nationalität oder Todesursache. Gemeinsam haben alle Gesichter, die schmerzverzerrt von den Karteikarten gaffen, dass sie von ein und der selben Person getötet wurden: James Bond. Jedem Film widmet die Künstlerin seine eigene Karteibox, jedem Toten einen Filmstill. Durch die visualisierte Zeitgeschichte kann sie so eine Landkarte der 'Achse des Bösen' zeichnen. Wer sind die kollektiven Feindbilder der westlichen Welt und wo wohnen sie? Die Parallelen zwischen Unterhaltungsindustrie und Weltpolitik sind erschreckend.
 
 
 
Pia Schauenburg 'Territorium oder "eine kurze Geschichte des Terrors"' Installation
 
 
  Am Sprung, Junge Kunst/Szene Österreich ist bis Jänner 2009 im O.K Linz zu sehen. An Stelle eines Ausstellungskataloges erscheint in der Kunstzeitschrift SPIKE 6/08 eine umfangreiche Darstellung des Projektes und der beteiligten Künstlerinnen und Künstler. Akustisch Abwandern kann man die Ausstellung am Sonntag, 16. November 2008 im FM4 Gästezimmer (ab 13:00 Uhr).

Fotos: Otto Saxinger und Michael Schmid
 
 
 
Konzert
  Am Freitag 16.1.2009, ab 21.00 treffen sich zwei Bands zwsichen Bands zwischen Rock, Avantgarde, Noise, Pop und Kunstanspruch, um dem Schaffen junger Kunst auch einen Konzertrahmen zu geben:

Bulbul und Tumido

An den Turntables zwei heimische DJ-Fauen:

DJ Klub
DJ KP Hofer
 
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  O.K Offenes Kulturhaus Oberösterreich
   
 
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