Es sind nicht mehr als zwei Sekunden, die sich Moses Pelham ausgeborgt hat, als er Kraftwerks Loop aus Metall auf Metall zum Rückgrad von Sabrina Setlurs Nur mir gemacht hat. Ob er das darf, hat er nie gefragt. Jetzt bekommt er die Rechnung präsentiert.
(c) Kraftwerk
Auch Beats geschützt
Es waren zwar 30 Jahre vergangen, als der Hip-Hop Produzent auf Kraftwerks Kulturgut von 1977 zurückgriff, aber die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere fühlen sich trotzdem beklaut und klagten sich bis zum deutschen Bundesgerichtshof hoch. Dort haben sie jetzt recht bekommen. Eine Grundsatzentscheidung, die einen Rattenschwanz an Urteilen nachziehen könnte, denn ab jetzt sind nicht nur Melodien urheberrechtlich geschützt, sondern auch Beats.
Eine nicht unumstrittene Sache. War nicht Pop immer schon ein komplexes System aus Referenzen, wo wild in allerlei fremden Gewässern gefischt wurde? War 'das Zitat', 'das Sample' oder wie man es eben nennen möchte nicht immer schon ganz stark an so etwas wie einer 'Entwicklung' im Pop beteiligt? Lag nicht die eigentliche kreative Leistung der letzten Jahrzehnte in der andauernden Kombination dieser Zeichen?
Originär
Wenn man den Beginn von Pop an den Moment datiert, als das erste Mal ein Mensch in ein akustisch verstärktes Mikrofon gesungen hat (wie Diedrich Diederichsen das etwa macht), dann wird genau dort Musik zu Massenkommunikation - also Pop. Spätestens als es dann auch noch möglich wurde die klanglichen Werke aufzuzeichnen, also reproduzierbar zu machen, war es endgültig vorbei mit dem vermeintlich Originären (und nebenbei auch mit dem Auratischen, nach dem wir uns scheinbar trotzdem bis heute so sehnen). Mit ihrer Urheberrechtsklage fordern sie aber jetzt genau das wieder ein.
"Ausgerechnet Kraftwerk", möchte man sich verstört die Haare raufen. Stehen doch Ralf Hütter und Florian Schneider immer noch repräsentativ für eine ganz bestimmte Art der industriellen Fertigung von Musik. In ihren Performances machen sie sich selbst zu Maschinen, die wiederum Maschinen bedienen. Individualität scheint gänzlich abgeschafft, wenn die vier Roboter vor ihren metallenen Kisten stehen.
"Die Frage, inwieweit mit solchen juristischen Entscheidungen der Eigenart der Kunstform Popmusik Rechnung getragen wird, ist in den letzten Jahren immer komplizierter geworden", schreiben Andrian Kreye und Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen Zeitung. Pop sei nämlich in sämtlichen seiner Spielarten bin hin zum Jazz immer schon eine parasitäre Form von Musik gewesen und spätestens seit Hip Hop und Punk bedient sich der Pop dann bei seiner eigenen Geschichte. Und tritt ein 'in den Wald aus Zeichen', wie Tocotronic das sagen würden.
Modernisten
Beim zweiten Blick legt sich aber schnell offen, dass das alles natürlich so sein muss. Denn Kraftwerk werden nicht umsonst gemeinsam mit Institutionen wie Can oder Neu! 'die Modernisten' genannt. ProduzentInnen also, die auf das genuin Neue setzen, auf eine Individualität im Ausdruck, die scheinbar unnachahmbar authentisch aus dem tiefen Inneren des Autors sprudelt.
Natürlich sind es somit auch Kraftwerk, die ihren Status als genuine Komponisten zementieren wollen. Als ob sie das nicht schon längst hätten. Kaum eine Band (neben den Beatles) war je so wichtig für ganze Genres und Generationen. Kraftwerk ist nicht zuletzt gerade so bedeutend geworden, weil ihre Werke immerzu geplündert wurden. 1982 nahm Afrika Bambaataa 'Planet Rock' auf, das Samples aus 'Trans-Europe-Express' von Kraftwerk enthält, Jay-Z hat sich für Sunshine bei der Mensch-Maschine bedient und ein paar andere auch. Pelham sieht sich in seinem Blog übrigens als Teil dieser hehren Gesellschaft:
"Es kam mir überhaupt nicht in denn Sinn das einzig Vernünftige zu tun, nämlich den Hörer in die Hand zu nehmen und mit den Menschen zu sprechen, ihnen zu erklären, dass ich sie ganz bestimmt nicht bestehlen wollte, sondern, dass das was ich da mache Kunst ist, und ich übrigens ziemlicher Fan bin. Ich hätte anbieten können das Sample, von dem ich nicht mal wusste, dass es ihrer Aufnahme entstammte, auszutauschen, Martin hatte das Ding wirklich innerhalb von zwei Minuten nachprogrammiert, aber all das kam für mich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Frage."
Neuverhandlung
Fertig ist die Angelegenheit zwischen Kraftwerk und Pelham aber noch nicht. Das Hamburger Oberlandesgericht muss die Sache ein zweites Mal verhandeln, könnte es doch sein, dass sich Pelham auf "das Recht zur freien Benutzung" berufen darf. Falls der "Abstand" des neuen Werks zur geborgten Tonfolge groß genug gewesen ist, dann könnte Pelham davon kommen. In Österreich ist übrigens das "Tongefüge als Ganzes" geschützt, das heißt in erster Linie Melodien und keine Beats.