"Athen brennt", liest man. Und von Transparenten, die von Banken hängen: "Die Demokratie tötet", "Für das Blut von Alexis" oder "15 Jahre, ermordet, von den Schweinen." Alexis ist der 15-jährige Schüler, der am Samstag in Athen durch eine Polizeikugel getötet wurde.
"Es ist, als ob eine Bombe eingeschlagen hat", schildert der griechische Journalist Alki die Lage in Athen. Autos brennen, Häuser und Geschäfte werden mit Molotov-Cocktails beworfen und der Weihnachtsbaum am Syntama-Platz vor dem griechischen Paralment in Athen ist auch in Flammen aufgegangen. Auch in anderen griechischen Städten, wie Thessaloniki hören die Krawalle nicht auf. Immer wieder lösen sich kleine Gruppen von den Tausenden friedlichen Demonstranten, um zu randalieren. "Sie tragen Masken, haben Schlagstöcke dabei und alles, was sonst noch zerstören kann und schlagen Schaufenster ein, stehlen und zünden Geschäfte an", erzählt der Grieche Ino. In Patras stürmen am Dienstag ungefähr 500 Demonstranten das Hauptquartier der örtlichen Polizei mit Molotovs und Steinen.
Foto: ANA-MPA/ORESTIS PANAGIOTOU
Alexis' Tod war Auslöser für die schlimmsten Krawalle seit einem Vierteljahrhundert in Griechenland, demonstriert wird aber vor allem gegen die Politik. Der konservative Premier Kostas Karamanlis hat angesichts der Lage verkündet, trotz des "traurigen Ereignisses" werde er solch "inakzeptables Verhalten" nicht tolerieren. Nach einem Krisengipfel erklärt er, mit Härte gegen die Demonstranten vorgehen zu wollen. Die Opposition fordert währenddessen seinen Rücktritt. "Die Regierung kann die Krise nicht bewältigen, und sie hat das Vertrauen des griechischen Volkes verloren", erklärte der sozialistische Parteichef Georgios Papandreou. Er macht politische Fehlentscheidungen und Versäumnisse für die Unruhen verantwortlich.
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Amnesty International wirft der griechischen Polizei ein zu hartes Vorgehen gegen die Protestierer vor. In einer Erklärung vom Dienstag fordert Amnesty die Regierung in Athen auf, "die unrechtmäßige und unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt der Polizei" zu stoppen. Auch eine unabhängige Untersuchung der Polizeischüsse auf den 15-Jährigen hält die Menschenrechtsorganisation für angebracht.
Die AthenerInnen haben Angst. "Plötzlich sind zwei-, dreihundert Menschen auf mich zugekommen. Ich konnte nur zusehen, wie sie mein Geschäft ausräumten." Die autonomen Kleingruppen haben es vor allem auf Handyshops und Unternehmen, die repräsentativ für neoliberalen Kapitalismus stehen, abgesehen. "Neben mir rissen sie die Rolläden ab und nahmen alle Mobiltelefone mit." Doch auch die friedlichen Demonstranten sind aufgebracht. "Ich schäme mich für mein Land. Ich kann nicht glauben, dass sie die Waffe auf einen 15-Jährigen gerichtet haben", meint Schülerin Maria. Für den griechischen Soziologen Michalis Kelpanidis sind die sogenannten Autonomen eine "pseudo-politisierte Gruppe: anti-kapitalistisch, anti-europäisch, anti-amerikanisch und so weiter. Es ist eine unzeitgemäße Wiederholung der Proteste von 1968."
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Die internationale Presse macht sich auf die Suche nach den Ursachen des politischen Unmuts. Die britische Times schreibt heute: "Griechenland hat der Welt neben vielen Erbgütern die Demokratie gegeben. In der Moderne ist die Demokratie (...) stark eingeschränkt worden, wobei kaum Platz für diejenigen ist, die außerhalb eines eng gefassten politischen Kreises stehen. Es ist jetzt an der Zeit, die Demokratie neu zu beleben und verdienstvolle Personen an die Macht zu lassen, um die Zustimmung der Demonstranten zu gewinnen." Julia Raabe schreibt im österreichischen Standard: "Die Qualität der staatlichen Hochschulen ist mangelhaft, viele Schul- und auch Hochschulabgänger müssen sich mit 650 oder 700 Euro zufrieden geben, die kaum zum Leben reichen." Für La Croix in Paris gehen die Proteste auch die Kappe der Regierung: "Das Versagen der öffentlichen Dienste, besonders im Erziehungswesen, treibt die Bevölkerung zur Verzweiflung. (...) Außerhalb des harten Kerns von Schlägertrupps zeigen sich zahlreiche besorgte und verunsicherte Jugendliche ohne Zukunftsperspektiven und ohne Beschäftigung, die schnell zur Gewalt bereit sind. Um sie wird man sich kümmern müssen, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist."
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Ruhe, die so schnell nicht kommen wird. Für heute, Mittwoch, haben die griechischen Gewerkschaften schon vor den Unruhen zu einem Generalstreik aufgerufen. Der öffentliche Verkehr und der Flugverkehr sollen lahmgelegt werden. Wegen der angespannten Lage und aus Angst vor Ausschreitungen werden aber nur Kundgebungen an bestimmten Orten wie am Syntagmaplatz zu veranstalten. Auf Demonstrationen durch die Straßen Athens wird verzichtet.
Quellen: APA, Reuters, DerStandard
ORF.at Demonstrationen gehen weiter
Während Griechenland von einem Generalstreik praktisch lahmgelegt ist und auch die Demonstrationen weitergehen, soll nun ein Gutachten über den von einer Polizeikugel getöteten Schüler vorliegen.