fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
München | 29.5.2005 | 20:50 
Die Ergründung des Münchner Innenlebens. Dinge, an die ich mich am Morgen noch erinnerte...

Pamela

 
 
Schläfer
  Ich traf Filmemacher Benjamin Heisenberg (31) und Schauspielerin Loretta Pflaum (32), bevor sie mit ihrem Film "Schläfer" auf das Filmfest in Cannes gingen.

Sein Kinodebüt, erzählt der Münchner Regisseur und Autor, sollte ursprünglich eine Komödie werden. Er wollte eine Geschichte über seine Grossmutter erzählen, die früher beim Bundesnachrichtendienst (BND) als Schreibkraft tätig war und dafür zuständig, Dossiers über Süd-Ost-Asien zu verfassen. Irgendwann fand sie, dass es an der Zeit sei, das Land kennenzulernen, über das sie seit Jahren Artikel und Nachrichten sammelte. Doch der BND empfand die Reise als überflüssig, und so finanzierte sie sie selber und blieb lange Zeit dort.
 
 
 
  Dass der Film sich im Endeffekt zu etwas ganz anderem entwickelte, hat natürlich auch mit den Ereignissen der letzten Jahre zu tun. Der 11. Sepember kam dazwischen, die Sicherheitspakete I und II, und so wurde aus der Komödie über seine Grossmutter ein spannender Film zwischen Wissenschaft, Liebe und Überwachung.

Der Doktorand am Lehrstuhl für Virologie, Johannes Merveldt (Bastian Trost), wird kurz nach seiner Versetzung von Berlin an die Uni München vom Verfassungsschutz gebeten, seinen algerischen Kollegen Farid Madani (Mehdi Nebbou), einen angeblichen Schläfer, zu beobachten. Er lehnt ab, doch das Misstrauen ist geschürt. Als beide sich in die junge Kellnerin Beate (Loretta Pflaum) verlieben, überschattet die Arbeits- und Liebeskonkurrenz die entstandene Freundschaft und führt schliesslich zum Verrat.

 Benjamin Heisenberg
 
 
  Die österreichische Schauspielerin Loretta Pflaum (ehemalige Tatort-Kommisarin und Wahlmünchnerin) sieht in ihrer Rolle nicht die Femme Fatal. Sie ist eher eine Frau, die es allen recht machen möchte, eine die durchkommen will und insgeheim Sicherheit sucht. Sie ist die Frau von heute, die den Anschein macht, taff zu sein. Doch in Wahrheit hat sie nur das Materielle irgendwie im Griff, ihre Seele ist brüchig. Sie ist kein Girlie, sagt die Schauspielerin, sondern sie sucht versteckt nach einem, der ihr alles abnimmt, nach Konstanz. Man sieht es ihr nicht an. Sie belügt sich selbst.
Die Dreharbeiten waren schon fast zu harmonisch, sagt sie. Wir haben uns alle so gut verstanden, dass es schwer war, aus der guten und freundschaftlichen Laune heraus eine ernste Szene zu spielen.

Heisenberg hat sich mit Fragen, die anstrengend sind, auseinander gesetzt. Mit den Glaubensunterschieden, aber auch mit grundsätzlichen wissenschaftlichen Fragen, der Basis der Physis, mit Tierversuchen und mit Liebe und Freundschaft. Er sagt, ein Arzt hat manchmal eine ähnliche Geisteshaltung wie ein Informant oder Schläfer. Die Wissenschaft kann über Leben und Tod bestimmen. Wir leben in einer Zeit mit einem absoluten Informationsüberschuss. Es scheint, als seien alle überfordert und verunsichert, dadurch ist man geblendet und fühlt sich trotzdem politischer den je. Das dabei die Aufmerksamkeit auf das einzelne verloren geht, merkt keiner. Denn jeder denkt, er tut was, einfach deshalb, weil er davon weiss.

 Loretta Pflaum
 
 
  Es ist ein Arthouse Film, sagt er, irgendwo zwischen Kunst und Kommerz, gut zum Anschauen. Man kann vieles nachvollziehen, erleben wir doch täglich die Kollision der Kulturen. Die Skepsis, den Zweifel, die Angst vor dem Fremden. Mehr und mehr bekommen wir das Gefühl der unsichtbaren Bedrohung vermittelt. Im Film verliert das Vertraute seine Unschuld, der Zuschauer empfindet die Spannung durch das Ungewisse, das, was im eigenen Kopf stattfindet.
Dass es nun überhaupt wieder möglich ist, in Deutschland gute Filme zu machen, erklärt Heisenberg damit, dass endlich der Drang vorbei ist, Kleinhollywood zu sein. Das Imitieren hat zum Identitätsverlust geführt. Er sagt, dass sich die Filmemacher heute mit ihrer Herkunft, ihrem nationalen Empfinden und ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Produktionen suchen nicht mehr nach den Kassenschlagern, die nur durch dumpfen Humor erfolgen. Tiefsinn und Weitsicht werden wieder geboten.
Um ihn herum findet eine neue Ära der Kreativität statt. Die belebende Konkurrenz hilft sich gegenseitig. Es klingt fast so, als hätten sie sich untereinander ein gemeinsames Ziel gesetzt. Nicht ohne Grund gibt Heisenberg seit 1998 mit seinem Regiekollegen und Cannes-Konkurrenten Christoph Hochhäusler die Filmzeitschrift "Revolver" heraus.

"Schläfer" läuft am 3. Juni in Österreich an.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick