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Wien | 2.4.2005 | 16:45 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Kettcar!
  alles was du kennst, gegen alles was du glaubst, der zustand den man wankend kennt, bevor man ihm vertraut.
 
 
 
wie die geschichten sich zur trauer bückten
  Abgedroschen. Abgedroschen. Abgedroschen. Was schreibt man über eine Band, die aus einer Nottugend ein sehr zukunftsversprechendes Label (Grand Hotel Van Cleef) ins Leben gerufen hat, auf dem sie ihr schlichtes aber zukunftsweisendes Erstlings-Album ("du und wieviel von deinen freunden") veröffentlicht hat, und dadurch plötzlich die Enttäuschung auf dem deutschsprachigen Rock-Sektor in ein hoffnungsvolles Lichtermeer verwandelt hat?

Eine Band, die das Wort "Landungsbrücken" in meinen Wortschatz-Pool gezwängt hat. Mir mein Deliriums-Zugfahrten-Soundtrack auf der Strecke Wien-Berlin (Nein, nicht Hamburg, denn "nichts ist beliebig, nichts ist egal") geliefert hat: durch diese wunderbare Mischung aus gleichwertigem Keyboard-Ohrwurm-Melodien, Gitarren-Akkordfolgen und eben diesen Texten, die scheinbar den pubertierenden Teenager (in mir?) genauso ansprechen, wie den im Erwachsenen-Sein gefangene Unisex-Erdenbürger/in (in mir?).

 
 
  "du und wie viel von deinen freunden", ist ein Platte, die von freundschaftlicher Trauer handelt, von der Freude am Erkennen nach dem "Wer bin ich?/Was will ich?", eine Platte die melancholische Problemzonen umschreibt. Ohne allerdings Einem beim Hören die träge Last der Schweremut aufzubinden. ("I'm sorry, so sorry" ist nun mal nichts im Vergleich zu "Es ist auch nur die angst, die bellt, wenn ein königreich zerfällt.")
 
 
 
bereit für die volle, für die ganze distanz
  Kettcar und Erfolg scheinen mittlerweile zwei zusammenhängende Begriffe zu sein. Sinngemäß vielleicht fast so eng nahe liegend wie Marmelade und Konfitüre. Wenn das erste Album in die Hit-Kerbe einschlägt (über 30.000 verkaufte Debüt-Alben), kann es nur bedeuten, dass sich das berüchtigte 2. Albume den Regeln der Erwartungshaltung beugen muss. Bei einer fast drei Jahre andauernden Wartezeit auf ein in Rillen gepresstes Lebenszeichen passiert das unweigerlich.
Und die Band? Lässig. Kettcar haben ihr Schachbrett nachgezeichnet und springen auf den nächsten Zug auf, der vorbeizieht an "spatzen und tauben, dächern und händen".

 
 
bei aldi brennt noch licht
  Staunen beim ersten Reinhören. Gleich wird der Bombast ausgelegt mit "Deiche". Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte aufwärts.
Das sich (über die Boxen) ausbreitende Stimmungsbild verspricht nach der ersten halben Minute tatsächlich eine Talfahrt. Von einem Gipfel, der illusorisch ein Spatzennest am Dachboden sein könnte, hinunter ins Tal, mit dem provisorisch die Taube in einer schwitzenden Hand gemeint sein könnte.

Ein gutes Album lebt von der Umkehr und den Kontrasten. Das neue Kettcar Album trägt viele Eigenleben in sich. Viele Geschichten. Viele Gedankenspuren (oder Lieblingswort '02: Nervenstränge!)
Und es sind immer wieder die simpelsten Momente, die dann eine bemühte mit Bildern überladene Platte auf den Punkt bringen und zum Ausatmen und Ausruhen einladen: Als Marcus Wiebusch zum Beispiel in "48 Stunden" singenderweise rät, immer das zu machen, "was dein Herz dir sagt".
Da senken sich die Augenlieder. Nur um später bei "Stockhausen, Bill Gates und Ich" hellhörig die Stirn in die runzelnde Position zu ziehen. Besingt eine Band da wirklich gerade den gebrochenen Finger von Santana? Mein ungarischer Freund beschreibt solche Momente immer mit "Alles klar - wunderbar!"
 
 
 
 
 
da muss viel mehr weisheit in mich rein
  "von spatzen und tauben, dächern und händen" ist das er(n)ste Album, das indie-technisch im deutschsprachigen Raum - selbst mit abstrusen Handyfeuerzeug-, und Bill Gates-Metaphern, am meisten Sinn versprüht. Über die Musiker als Personen (Wiebusch/Wiebusch/Bustorff/Langer/Tirado Rosales) können wir auch reden, aber Kettcar funktionieren für mich zu allererst über die anonyme Textebene. Für den vollkommenen Coolheits-Faktor fehlt ihnen angeblich ein "the" im Bandnamen. Das hab ich nur mal wo gelesen. Aber solange sich bei DER Musik "die Nackenhaare zur standing ovation melden", ist das unwichtig.
Unprätentiös lautet das neue Lieblingswort. Einfach gestrickt und tief geerdet.
 
 
 
die welt in drei wörtern erklären
  Als Kettcar Ende Jänner im Rahmen ihrer "Acoustic Tour" nach Wien kamen, wollte der Funken im B72 nicht springen. Die Gürtelbogen Akustik ist bei ausverkauften Konzerten ungefähr so sexy wie Stöckelschuhe von Hofer.
Hungrig hat es gemacht, das schmale Set von Erik und Marcus, die zaghaft das neue Material präsentierten. Kribbelnde Befriedigung aber wenig Höhepunkte. Schließlich fehlten 60 Prozent der Bandbesetzung, und somit die berüchtigten Tastenklängen, Bass-Rhythmen, und dem Schlagwerk-Engagement, ohne das sich in meinem Körper kein Muskel anfängt zu rühren! Ohne Schlagzeug keine Band, nein. Das muss trommeln, bis ins Fell. Wie Kettcar im all-inclusive-Band-Format funktionieren und ob sie zu kollektiven Tanzorgien, verträumten Sing-Chören oder gar zu Querschnittslähmender Klatsch-Euphorie führen können, davon wird man sich im Verlauf ihrer Tour überzeugen können. Hip Hip Hurra.
 
 
 
Live
  Kettcar spielen am 04.04.2005 in der Arena. (Das Konzert ist bereits ausverkauft.)
Am 31.05.2005 dann im Linzer Posthof und am
08.06.2005 im Grazer Orpheum.

Kettcar sind außerdem am Montag live zu Gast bei FM4.
 
 
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