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Wien | 26.4.2005 | 08:54 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Hey, they don't love you like i love you ...
  Neulich in der nackten Lage der Zweisamkeit tauchte mir im Moment der Stille "danach" ein Bild im Kopf auf. Ohne Zusammenhang, aber (wohl aus Interesse) anknüpfend an meinen Gedanken "Sex ist super und ein Grundrecht" versuchte ich dem Partner der Nacht das Bild zu beschreiben. Wie so oft in mundtrockenen Momenten, wurde ich missverstanden und für eine Mini-Sekunde war davon die Rede, ob ich Strapse trage.
Nein.
Ich versuchte das Cover-Bild, der aktuellen Ausgabe des Magazins "Datum" zu erklären. Auf weißem Hintergrund ist ein Straps-Halter mit nur einem Strumpf zu sehen. Schlicht und mit einer leichten Schattierung versehen. Erst der Titel ließ mich beim genauen Betrachten den fehlenden Strumpf entdecken: "Sex & Behinderung".
 Das aktuelle Datum.
 
 
Give me all this and give me it soon...
  In einer 4-seitigen Reportage beschreibt der Autor die (sozialen/gesellschaftlichen) Hürden und (psychischen) Probleme mit denen physisch behinderte Erwachsene auf der Suche nach Lust-Erfüllung, Zärtlichkeit, Orgasmus - also dem was "wir" die "vollkommene" körperliche Liebe nennen - konfrontiert sehen.
Eine Muskelathropie-Patientin erzählt von ihren "Vorstellungsgesprächen" mit Callboys. Ein Mann im Rollstuhl über seine regelmäßigen Besuche im Bordell. Menschen, die durch genetische Krankheiten oder bös geendete Unglücksfälle mit ihrem Sexualleben nicht abgeschlossen haben, ihr Körpergefühl trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit nicht verloren haben und aber genug von Autoerotik oder Lust im Kopf haben: Selbstbestimmt leben wollen, wie jede/r "andere" auch.
Dass diese Schritte nach Außen - sei es dieser Artikel im Datum oder eine Ausstellung zum Thema "Ein Hauch von Gefühl" - nicht nur starke persönliche Entscheidungen von Einzelcharakteren sind, sondern auch immens wichtig im gesellschaftlichen Kontext, das wird wohl niemand anzweifeln.
Denn liberal regierte Länder zeigen vorbildhaft, wie selbstverständlich diese Thematik (nicht: Problematik) angegangen werden kann. Von der Krankenkassa mitfinanzierte "Sexualbegleitung" in Dänemark, Ausbildungen zur "SexualassistentIn für Menschen mit Behinderungen" in der Schweiz.


In der besagten Nacht einigte sich das "wir" unter einer Decke auf Prädikat "wichtig" zu diesem Artikel im "Datum". Danach gewann die nonverbale Kommunikation Überhand. Auf dem Weg nach Hause - da paranoide Zufälle ja auch nur eine Nebenerscheinung von One-Night-Stands sein sollen - dachte ich nur mehr kurz und bündig an Strapse und Ihn, als ich nämlich den längeren Heimweg wählte, der mich durch die Graumanngasse führte: Da war doch auch mal was hinter Tür 3 bis 5?

 (c) Andreas Hauch
 
 
(c) Gregor Dujmic
 
 
Hotel Bauer: 15., Graumanngasse 3-5
  Ein Stundenhotel nämlich. Ein Bordell, ein Freudenhaus, eine Herberge, in der sich "Gestrandete" zum fixen Preis in den "Rand der Gesellschaft" einmieten.

"Das Taxi hält, und die beiden gehen ins Hotel. Mücke ist ziemlich geflasht. Das macht das Hotel Bauer mit dir, wenn du es zum ersten Mal betrittst. Erst fällt dir die Schäbigkeit auf und die Leere, dort wo Gemütlichkeit sein könnte. Und das, obwohl hier viele Menschen wohnen. Nicht im Transit sind, sondern in einer Sackgasse"

("Mit dem Rücken zur Wand, ist nach vorne alles frei", Doris Mitterbacher)
 
 
 
(c) Gregor Dujmic
 
 
  Dieser Tage ist das Buch "17 Jahre ohne Sex", herausgegeben von Bernhard Salomon, erschienen. 12 junge AutorInnen, darunter eben Doris Mitterbacher aka Mieze Medusa, sind in das Wiener Gürtel-Hotel "abgestiegen" und haben teils reale, teils fiktive Geschichten verfasst in denen das Etablissement Bauer als zentraler Austragungsort bzw. Inspirationsquelle dient.

Die Geschichte über das Hotel Bauer als ersten Zufluchtsort für die junge (und sitzen gelassene) Martina z.B., die sich in Wien erst zu Recht finden muss. Geographisch und emotional. Das Gefühl der Zugehörigkeit erst ausloten will und mit der Suche im Hotel Bauer anfängt.

Die Geschichte "Von den Schmetterlingen", wo der Autor Evas "echt geregeltes Hurnleben" beschreibt. Und damit auch das Erlebte jener anderen Frauen und Männer, die das Hotel bewohnen oder mit geregelten Lustspielen "beleben".

Oder die Geschichte über die recherchierende Journalistin, die "Ihn" aufs Zimmer nimmt, um "es" zu erleben?

Sie hat zu viel gelesen von solchen Orten, denkt sie, Verachtung, Lieblosigkeit, Kälte, sie will nichts mehr hören von den Schicksalen und schwärenden Wunden, abgestumpften Blicken, gleichgültigen Körpern, es interessiert sie nicht, hier zu sein, denkt sie.
("Sing mir ein Seemannslied", Bernadette Schiefer)
 
 
 
(c) Gregor Dujmic
 
 
  Die Geschichten der Jung-Autoren überlagern sich teils surreal, teils romantisch mit den dokumentarischen "Erlebnisberichten" der Gäste, Bewohner und Betreiber des Hotel Bauers: Der Hauselektriker spricht über seine erste Liebe, der Immobilienbesitzer über seine nicht ganz monogame Ehe und die gealterte Prostituierte, warum sie nie wieder ihrem Kunden den Rücken kehren wird.

"Zwar hadere ich manchmal mit meinem Leben. Mir ist bewusst, dass ich tief in mir nichts bereue, weil ich nichts zu bereuen habe."
(Prostituierte, 64)

Das Buch und die Ansammlung der Texte sind weder deprimierend noch zu sehr absolute Lebensbejahung. Viel mehr roh und ungeschnitten. Im ältesten Gewerbe der Welt gibt es wenig zu beschönigen.
Die Autoren kommen auf den Punkt gänzlich ohne die Moralkeule auf dem Zeigefinger balancieren zu lassen und auf die right-or-wrong-Einteilung unseres verkrampften Gewissens hinzuweisen.
 
 
 
(c) Gregor Dujmic
 
 
  "Liebe ist irgendwann keine Frage von Körperlichkeit mehr." erklärt ein Hotel-Gast, der von seiner verstorbenen Frau spricht.

Beim Nachhause-Weg nehme ich manchmal den Umwege in Kauf und schlendere am Hotel vorbei. Ich versuche die Protagonisten auszumachen und sie mir auszumalen. Fünfhaus ist leer. Ganz kurz denke ich mir, wie ich so eine Geschichte schreiben würde, würde sie im Hotel spielen. In meinem Block. Ums Eck.
Bei mir würde es letztendlich auch um Geborgenheit und Wohlgefühl gehen. Damit bewege ich mich eigentlich am gemeinsamen Nenner mit den Autoren der "Geschichten aus dem Wiener Stundenhotel".

Und die oben erwähnte Nacht? Das ausgelesene Datum? Ich muss noch weiter nach den Antworten in fremden Leben blättern.

Das Buch "17 Jahre ohne Sex" ist im "edition a"-Verlag erschienen und hier erhältlich.
 
 
 
"17 Jahre ohne Sex" on air:
  Über die Erfahrungen im Hotel Bauer sprechen neben dem Herausgeber des Buches, Bernhard Salomon, auch Autorin Doris Mitterbacher und Fotograf Gregor Dujmic am Dienstag, 26.4., in FM4 Connected.
 
 
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