Das ist eigentlich eine wunderbare Vorstellung. Diskurs-hungrige Musikkonsument/innen auf Entzug können von jedem "neuen" Magazinformat "profitieren". Und idealistische Musikjournalisten/innen können sich auf dem Profi-Parkett behaupten. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.
So und jetzt darf das kollektive Lachen einsetzen, denn wenn ich meine rosarote Brille abnehme, ist natürlich alles anders. Und das Heft, das mich daran in regelmäßigen Abständen erinnert, nennt sich: the Gap.
Man könnte sagen, the Gap hat den Sprung von Fanzine zum Hochglanz-Musik-Magazin geschafft. Stimmt aber so nicht, wie mich die Chefredaktion korrigierte: Aus einem Fanzine, der Ur-Form eines Musikmagazins, ist ein "general-interest-Magazin (unter besonderer Berücksichtigung Pop- und Alltagskultureller Belange)" geworden. Nun herzlichen Glückwunsch. Wirklich. Und jetzt kommt das Aber.
I can't stand this indecision ...
Ich mag Werbung. Wirklich.
Ich bevorzuge zwar die britische Variante, die den Anzeigenblock im Hinterteil des Heftes präsentiert, finde mich gezwungenermaßen aber auch mit den zwischendurch cut'n'paste Varianten ab. Jeder weiß, dass Werbung und die damit verbundenen Geldgeschäfte das Überleben von kreativen Printprodukten sichern.
Plattenindustrie und Print-Industrie leben in einer ziemlich eigenartigen Zwecksymbiose miteinander.
Basierend auf "immer lächeln" und/oder Gegengeschäften. Doch um redaktionelle Beiträge in Zeitschriften, die sich eins zu eins mit den Werbeanzeigen decken, soll es mir diesmal nicht gehen.
Sondern um die aktuelle Gap-Ausgabe, die mich fast zum Weinen gebracht hat. Gelogen. Der Tränenkampf war ein diabolischer Lachkrampf. Auffallend viel Platz wird dort nämlich der Partei-Politik eingeräumt. Rot, Grün und auf der letzten Seite glotzt einen der Herr Verteidigungsminister an.
Und was will der Verteidigungsminister dem Zielgruppen-Publikum, der Leserschaft also sagen: "Nur die Besten" für den Ausbildungsdienst im Bundesheer - "Ein interessantes Berufsumfeld, überdurchschnittliche Bezahlung und vielseitige Karrierewege". Sagt der Minister und das Gap ist die Plattform dieser Botschaft: Aus der Indie-Depression in den Schleudersitz des Blackhawk. Zum Ortstarif.
... married with a lack of vision...
Also einmal umgehört: Was zum Teufel haben politische Anzeigen in einem Musikmagazin verloren? Die Redaktion des deutschlandweit gratis vertriebenem Magazins Intro ("Musik und so") meint dazu: Nichts.
"Schließlich haben wir auch vor ökonomischem Hintergrund noch einen Rest Würde."
Uwe Viehmann, Chefredakteur vom Spex (Jenes Magazin, das ruhig als der feuchte Traum in der deutschsprachigen Pop-Medien-Landschaft bezeichnet werden darf.) gibt auf die Frage, wie die Redaktion mit politischen Werbeanzeigen umgeht, zu, dass das Geschäft "grundsätzlich immer ein Tanz auf dem Drahtseil" ist, vor allem in anzeigenschwachen Zeiten: "Zwischen Anzeigen, die aus einem dem eigenen Schwerpunkt (Musik/Popkultur) fremden Feld kommen und die dankenswerterweise so auch nichts weiter von einem 'wollen', außer sich am eigenen Image zu laben und grundsätzlicher Verweigerung gegenüber politischer Werbung. (Macht es einen Unterschied, ob die SPD eine Anzeige in Spex schaltet oder aber die halbe Republik mit Plakaten zukleistert? Soll man dann zur FDP oder CDU 'Nein' sagen, weil sie das vermeintlich noch größere Übel bedeuten?) Grundsätzlich aber gilt: Die Politik in unserem Magazin machen dann doch wir selbst!"
... everybody wants to rule the world ...
Und einmal nachgefragt: Was also hat eine Anzeige in einem "general interest Magazin" verloren?
Vielleicht hab ich ja auch irgendeine Diskussion versäumt und das Bundesheer bietet wirklich die besten Zukunftsaussichten für uns arbeitsloses Jugendvolk?! Kollektives Lachen zweiter Teil.
Thomas Weber, Chefredakteur des Gap meint dazu: "The GAP ist ein liberales, weltoffenes Magazin (mit allen automatisch damit verbundenen Widersprüchlichkeiten), dessen Leserinnen und Leser im Leben stehen und fähig sind, sich eigene Urteile zu bilden; die als mündige Konsumentinnen und Konsumenten selbst fähig sind zu verantworten, welche (mitunter damit einhergehenden politischen) Entscheidungen sie treffen, wenn sie etwa (um zwei weitere Inserenten aus der aktuellen GAP-Ausgabe zu erwähnen) eine Sony-Playstation portable oder eine Microsoft X-Box kaufen".
(M)ein Fazit der Gap-Blätterei
Mein Hirn sendet mir Signale, die sich auf der Tastatur hier vor kurzem noch mit Worten wie "schwach", "letztklassig" und "unglaubwürdig" bemerkbar machten.
Weltoffenheit hin oder her.
Nein, ich kann nicht verstehen, dass ein der Populärkultur verschriebenes Magazin so was abdruckt und sich mit Partei-Politik sein ökonomisches Fundament stärkt. Schade fürs Heft und um die Idee, mit der das Ganze gestartet ist.
Verbeulung. Gute Nacht.
Ich möchte kein Teil der Know-Nothing-Gesellschaft sein.