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Wien | 8.2.2006 | 18:19 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
In Mitleidenschaft gezogen.
  Ich hab "Buchstaben über der Stadt" die letzten Wochen ungefähr 300.000 Mal gehört. Mindestens.
Um in der Vorbereitung noch besser nachvollziehen zu können, worüber Thees Uhlmann im 40minütigen Interview letzten Dezember so gesprochen hat.

Tomte ist eine Band, die sich in Interviews redefreudig, vor allem aber auch freundlich, höflich, zu gleichen Teilen ernst wie albern, aber vor allem so offen und persönlich gibt, dass mir anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Albums keine andere Betrachtungsweise bleibt, als ebenfalls die offene, ehrliche und die persönliche.
Das ist so eine "gaga"-Eigentor-Situation eigentlich, denn wie gesagt, ich hab "Buchstaben über der Stadt" in den letzten Wochen ungefähr dreihunderttausendmal Mal gehört.
Und genauso oft das Interview in all seine radiofreundlichen Haupt- und Nebensätze zerlegt und wieder zusammengeflickt.
Das heißt dann auch, dass ich mich irgendwann Anfang der Woche in der angespannten Situation wieder gefunden habe, dass ich eigentlich nicht mehr gewusst habe, ob mir das Ganze überhaupt noch gefällt.
 
 
 
 
Emotionales Kopfrechnen.
  Denn die emotionale Dringlichkeit, die mich an Musik begeistert, wenn dieser Moment entsteht, in dem mir die Musik ein emotionales Fenster öffnet durch das ich hindurchblicken kann, diese Dringlichkeit fehlte mir plötzlich. Und ich war allen Ernstes kurz davor zu schreiben: "Das Album klingt nach Bequemlichkeit. (Pathetisch)"
Hab ich bei dem Satz "Es ist mir wichtig, dass Kunst auch von so einfachen Dingen wie Glück und Liebe handelt. vor ein paar Wochen noch erfreut und zustimmend genickt, glaubte ich später wenig übrig zu haben für Botschaften wie "Weißt du was du mir bedeutest in einem Platz in meinem Herz."
Ich glaubte, ich will den Hunger spüren, ich glaubte, ich bin nicht bereit für das Durstlöschen. Ich glaubte, ich fühlte mich mit der Platte und der darauf besungenen Hommage an die guten Zeiten in Memoriam an die schlechten - unterfordert.

Ich glaubte, ich fühlte mich, wie die Volksschülerin, die sich am Einmaleins satt gerechnet hat und sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich mit Kommazahlen kalkulieren zu können. Dividieren zu können. Noch besser: Wurzeln ziehen!

"Ich entschuldige mich für alles,
was ich in Trümmern hinterliess
aber nicht für meine Bildung
und nicht für dieses Lied, wenn der Beat losgeht..."
 
 
 
Die Bereitschaft zu Bedingungslosigkeiten
  Und ich erinnere mich erst jetzt, warum ich das Album in das Abspielgerät gelegt habe und nicht mehr raus genommen habe.
"Buchstaben über der Stadt" ist so harmlos wie grandios. Die Platte ist schlicht und ehrlich. Macht nichts vor, hinterlässt keine fragenden Interpretationslöcher, hantiert mit keiner Meta-Ebene, spielt sich nicht in der Bedeutungsschwangerschaft ab, sie handelt in einzelnen Kapiteln z.B. von der "allumfassenden Ruhe" die man in einer Liebe zu einem Menschen oder in der Liebe zu einer Stadt finden kann. Sie rechnet ab mit Existenzängsten und verlangt beim Hören und Verstehen der Musik die Bereitschaft zur Bedingungslosigkeit in allen Lebenslagen. Und sie tröstet, weil das Leben bekanntlich kurz ist.

 
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Tomte - Buchstaben über der Stadt
length: 1:03
MP3 (1.007MB) | WMA
   
 
 
Vom Süden des Landes bis zum Norden der Welt
  Tomte sind nach zehn Jahren mit "Buchstaben über der Stadt" an einem Ort angekommen, wo sich ein Kreis der Erfahrung geschlossen hat und sie haben mit diesem Album ihre Geschichten über die Dinge, die den Himmel erhellen, mit einer unglaublichen Passion in die Welt zu tragen.

Wir werden pur und simpel lachen.
Wir werden schwimmen in Geld.
So soll es sein. So war's erdacht.
(Denn du wirst nicht vergessen sein)


Dass ich mich von der Tomte'sche Bedingungslosigkeit unterfordert fühlte, entpuppt sich für mich jetzt nach zwei Tagen Hör-Verweigerung als eigentliche Überforderung. U.a. wegen einem großen Satz auf dem Album: "Was den Himmel erhellt? Eine der letzten großen Freundschaften der Welt." Tomte erinnern sich mit "Buchstaben über der Stadt" warum sie da sind, wo sie sind.

"Und wir singen ein Lied
das uns begleitet
ein kleines Licht das durch die Dunkelheit leitet."


Und ich erinnere mich jetzt an "mein erstes" Tomte Lied, an "Das passt zu meinem Kalender". Daran dass ich "Wilhelm das war nichts", immer nach Superpunks "Keine Zähne für meinen Bruder und mich" hörte.
An Tomte-Musik verbotenerweise im Flugzeug hören. Daran, wie ich das elektronische Medium unter Jacke und Mütze versteckte, nachdem mir die Stewardess nicht erklären konnte, warum das Flugzeug wegen meines Walkmans abstürzen sollte.
Tomte und Flugbeschleunigungen.
Und ich erinnere mich daran, dass die Grenze zwischen Passion und Pathos oft eine unsichtbare ist.
Eine Grenze, die man nicht auf dem Weg des geringsten Widerstandes erreicht. Und deswegen ist es ein ironischer Zufall, dass sich im Moment wieder Thees Uhlmanns Stimme durch mein Kopfhörer-Kabel zwängt und er sagt:

"Ich werde dein Schatten sein, wohin du auch gehst."
 
 
 
Tomte in deiner Stadt
  14.3. Graz @ PPC
15.3. Wien @ Flex
16.3. Salzburg @ Rockhaus
17.3. Klagenfurt @ Stereo
18.3. Linz @ Posthof
26.3. München @ Backstage

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