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Wien | 20.2.2006 | 14:50 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Die Kinder sind top fit!
  "Keine Tiefschlafphase dieser Erde kann uns noch retten, vor dem Zugriff der Dummheit."
Diese Songzeile aus "Feuer an Bord" vom 83er Fehlfarben-Album "Glut und Asche" stand lange Zeit auf einem Kassazettel gekritzelt, der sehr lange Zeit an einer meiner vier Wohnungs-Wände klebte. In meiner Kassazettel-Zeit, als ich die Glasscheibe, die die Küche vom Wohnzimmer trennte, mit diesen kleinen beschrifteten Rechnungen bepickte. Es war nicht die einzige Fehlfarben-Zeile, aber eine der wichtigsten.

Mit diesem Zitat und einem angehängten "Boah, is das schön" hat Martin Blumenau gestern die Radiosession der Fehlfarben eröffnet. "Danke fürs Worteschmieden, fürs denken helfen, fürs höchst brachiale Musikmachen zur richtigen Zeit, fürs Emotionalisieren von rationalen Hirnregionen. Fürs Wachküssen einer ganzen Nerdgeneration. Danke ihr Fehlfarben, ihr Club der lässigen Väter. Väter von Diskurs-Rock. Von Deutsch-Pop mit Anspruch."

Ich kann mich all dem nur anschließen und muss schmunzeln, denn Peter Hein kommt auf beiden Knien gerutscht auf die Bühne und kommentiert diese Laudatio mit den Worten "Der Mann hat Sachen gesagt, die wir selbst nicht wussten!" Nicht nur Geschichten von einer anderen Welt sollten in der nächsten Stunde auf das Publikum runterprasseln, sondern auch Menschen. Denn Fehlfarben, das ist die Band, die mich mit jeder Textzeile, jedem Ton und Akkord immer wieder daran erinnert, den gesellschaftlich gehäkelten Grauschleier-Vorhang doch öfters zur Seite zu werfen.
 
 
 
 
 
  Die Kunst des Verneinens und des Understatements beherrschen die Fehlfarben bestens: "schlechte Tanzmusik" nennt Peter Hein einen Song, bevor er vom Applaus angenehm überrascht sich zu dieser Aussage hinreißen lässt: "Das freut uns natürlich, dass auch diese neuen kleinen lustigen Nummern doch so schön aufgenommen werden hier und ich meine das sowohl technisch als auch seelisch geistig."
Polit-Disko heißt eines der neuen Stücke der Band. Erinnert stark an "Transmission" von Joy Division.
(Beide Bands ja auch nur einen gedanklichen Katzensprung weit entfernt und in meiner Herzkammer auf jeden Fall eng aneinander geknüpft.)
 
 
 
"Das erste einzige gute Lied, das ich je gehört habe, weil es ist ein Lied, das von niemandem auf der Bühne geschrieben wurde. Ha. Das sag ich egal in welcher Band ich spiele!"
Die Coverversion des Abends "We Do" von der verschrobenen Beat-Band The Monks!
Angeblich noch nie live gespielt. Wow.
 
 
  Aus dem Staunen kam ich eigentlich nicht mehr wirklich raus. Wenn der Körper in einer angewinkelten Haltung in Ledersitzen verharren muss, bleibt nur das Staunen und eifersüchtige Beobachten. Beinfreiheit ist nichts gegen Tanzfreiheit. Irgendwie süß, wie Peter Hein die Rock-Ballerina gibt. Bewegungen zwischen zart nervös und hart angestrengt.
 
 
 
Bei seinen Rotations-Übungen auf der Bühne suchte Peter Hein immer wieder den Blick von Saskia von Klitzing, der Schlagzeugerin. Nicht wie gewohnt aber anders üblich hat sie auch - schätzomativ - Peter Hein "von vorne" am meisten gesehen, denn die ganzen Zwischen-Ansagen absolvierte er auch mit der Rückenansicht zum Publikum. Macht nix.
 
 
  "Wir sind gebeten worden, das Wort FM4 ein paar Mal zu erwähnen auf der Bühne. Ich weigere mich nicht. Wir haben uns ausgeweigert, wir sind dabei!" Irgendwie beängstigend. Auch schon beim Interview hat Peter Hein von der Marketingidee "Fehlfarben" gesprochen. Von der Eroberung der deutschen Welt mit der ersten Ska-Platte. Dann kam es sowieso alles anders. 26 Jahre lang in oder mit einer Band sein, bzw. im Falle von Peter Hein eben "wiedereinsteigen" und "weitermachen" ist keine Selbstverständlichkeit. Denn der (finanzielle) Erfolg ist so sein eigener Hund.
 
 
 
 
 
  Auf die spontane Frage 'Wonach suchen die Fehlfarben?' sagt Peter Hein "Wir haben noch nichts erledigt. Wir sind noch dabei. Solang das mit dem kompletten Abhacken der Punkte nichts wird, dann nehmen wir eben noch das mit dem Berühmtwerden noch weiter hin und machen das weiter. Wir bleiben einfach dran, wir lassen uns von den Umständen nicht sagen, dass 'SCHICHT' ist. So wie wir auch früher gesagt haben, jetzt machen wir nix mehr, wollen wir jetzt sagen "doch!". Immer wenn's so aussieht, dass wenn äußere Umstände dazu kämen, die sagen 'Es geht nicht mehr!' dann ist das eigentlich ein Grund weiterzumachen!"

Und darum stehen die Fehlfarben auf der Bühne und sie klingen umwerfend im schützenden Bühnen-Licht. Sie werden sich nicht mehr selbst erfinden, sie werden nur mehr enger und näher zusammenfinden.
Nach der gestrigen Darbietung der Fehlfarben bin ich absolut überzeugt, dass mir einmal Original-Fehlfarben mehr Reichweite bringt als die gesamte Tracklist des heutigen Vormittags.
Die Fehlfarben werden ab 21 Uhr auf der Welle dieses Senders "Was ich haben will das krieg' ich nicht und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht!" singen und ich werde stumm nicken und mir eine Schleife basteln für den Club der lässigen Väter des Diskurs-Rock und des Deutschen Pop mit Anspruch.

Dafür und deswegen eine herzliche Verbeugung.
 
 
 
 
 
  FM4 Radiosession mit Fehlfarben
Der Live-Mitschnitt des gestrigen Konzerts wird heute, Montag, 20.2. um 21h in der FM4 Homebase gesendet.
 
 
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