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Wien | 7.6.2006 | 23:01 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Can't find peace to rave about...
  "Meistens sind es sehr große Ideen die in verschiedenen "kleineren" Sounds verpackt sind. Manchmal sind diese Ideen wie eine Art Tapete, manchmal wie Möbel, manchmal sind sie wie Romanfiguren - sie alle haben verschiedene Eigenschaften."
Meint Matthew Herbert im Interview über seine Arbeitsweise in Hinblick auf seinen exzessiven Sampling-Gebrauch.

Für "Plat Du Jour" Herbert's letztem Album hat es noch eine Bedienungsanleitung gebraucht, um die Abläufe seiner Musik nachvollziehen zu können. Für "Scale" hat sich Herbert eigentlich vorgenommen, zu "relaxen". Mehr Melodie. Mehr Harmonie. Mehr Song.

Sein "PERSONAL CONTRACT FOR THE COMPOSITION OF MUSIC [INCORPORATING THE MANIFESTO OF MISTAKES ]" mal sein lassen. Seine strengen Kompositionsregeln zugunsten atmosphärischer Freiheiten lockern. Herz öffnen. Schultern entlasten. Kopf lockern.

Aber dann: Such dir eine aktuelle Nachrichten-Schlagzeile der letzten 24, ach was 12 Stunden aus, die eigene Freiheit rückt nach hinten und künstlerische Verantwortung wird zur obersten Priorität. Wie sollte Herbert auch NICHT ans tägliche Weltgeschehen denken und es schaffen seine eigene Person aus dem politischen Zusammenhang zu ziehen, wenn seine "Steuern den Krieg mitfinanzieren"? Something isn't right.
 
 
 
 
  Musikalisch klingt "Scale" ähnlich homogen, wie zuletzt seine Big Band-Aufnahmen "Goodbye Swingtime". Unter der Oberfläche brodelt es allerdings. Herberts politisches Statement ist die Wahl seiner Sampling-Quellen. Öl-Pumpen, Tornado Bomber, Sargdeckel. Über 700 Objekte, Sounds hat Herbert aus seiner natürlichen Geräuschkulisse herausgenommen und musikalisch in einen eingängigen aber unter die Haut gehenden Kontext gesetzt. Seine Assistentin hat Herbert zu einer Messe-Veranstaltung der britischen Waffenindustrie geschickt. Schlecht ist ihr geworden. Das "magenkranke Geräusch" ist auf "Scale" verewigt.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts Herbert
length: 0:58
MP3 (933KB) | WMA
   
 
 
  "Das Album heisst "Scale", also Maßstab, und ich suche Wege um Distanzen zu messen. Zum Beispiel gibt es zwei Songs die vom Tod handeln, deswegen habe ich die Drums einmal im Untergrund und einmal in der Luft aufgenommen, also einmal im Himmel und und einmal in der Hölle. Es ist eigentlich eine sehr einfache Idee, aber die "unterirdischen" Drums haben wir in einer Höhle aufgenommen und die klingen verhallt und haben ein extremes Echo. In der Luft gibt es natürlich keine Einflüsse auf den Sound, also ist das der trockenste Drum-Sound den man sich vorstellen kann.

Der wohl waghalsigste Versuch "echten" Sound aufzunehmen, unternahm Herbert mit 180kmh auf der Autobahn. Fest am Rücksitz angeschnallt: sein Schlagzeuger mit einem Drumset am Schoss.
"Man ist illegal an einem Ort und macht Musik. Der Sound ist der gleiche, aber wie spielt man unter solchen Umständen? Man merkt dass alles zählt. Man weiß, dass man sterben könnte. So etwas beeinflusst, wie man die Musik spielt."
 
 
 
  Es ist einfach eine andere Weise über Dinge nachzudenken während man Sounds bastelt. Wenn man sein Leben und seine Erfahrungen mit Fantasie verändert, kann man sich auch eine andere musikalische Welt vorstellen. Und wenn man sich andere Sounds, andere Strukturen und Arbeitsweisen vorstellen kann, vielleicht kann man sich dann auch eine Welt ohne George W. Bush vorstellen, eine Welt wo man keine Armeen braucht, und eine Welt wo man kein in Flaschen abgefülltes und vermarktetes Wasser braucht. Man kann doch vom Wasserhahn trinken, warum brauchen wir das in Flaschen?

Gute Frage das. Warum brauchen wir Flaschen?

Matthew Herbert zeichnet mit "Scale" zwei Bilder: eines voller Schwarz-Weiss-Kontraste und eines voller lichterfroher Aquarelltöne.
Die Perspektive macht sie sichtbar.
Die Einstellung verfärbt.
Lasst die Sonnebrillen liegen, wenn Ihr "Scale" durchschaut.

 
 
Matthew Herbert auf Tour
  9.6. - Wilsonic Festival (Bratislava)

12.6. - Flex, Wien

15.7. - Melt! Festival
 
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