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Wien | 13.7.2006 | 02:53 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Die Wiederbelebung der einfachen Dinge
  Ein neues Presswerk in den Händen halten heißt nach Hinweisen und Zeichen und Wohlfühl-Referenzen suchen, bei Kante waren diese relativ einfach auffindbar: "This record should be played loud", steht da gleich am Cover. Also laut und live am besten in einem Konzertsaal, wo die Akustik auch stimmt, denn die Platte gibt es legal sowieso noch nicht. Das geregelte nebeneinander Sitzen und nach vorne auf ein Ziel, auf diese Band, Starren, sich einvernehmen lassen von der Musik. Willkommen bei einer Radiosession.

"Wir haben ein kleines, feines Paket Rockmusik für euch geschnürt. Ihr dürft die Sitze auseinander nehmen und springen. Nachher, wenn's ruhiger wird, könnt ihr auf den Trümmern sitzen." Aber dazu später.
 
 
 
 
 
  Übermüdet mit unsichtbaren Ringen unter den Augen und begleitet von einem Großraum-Applaus schreitet die Band auf den Bühnen-Teppich. OkieDokie. Die Tiere sind unruhig. Kante spielen das neue Material und klingen dabei trotz widriger Stressumstände entschlackter und auf den Punkt gesungen. Nur kurz verglichen z.B. mit "Baron Samedi", meiner Alltime-Favourite-Kante-Komposition. Kante könnte alles machen. Denn wer ihnen einmal auf die Finger schaut oder sich ihre bedachten Interview-Aussagen auf der Netzhaut hat zerrinnen lassen, weiß, welches musikalische Kraftpotential diese Band aus Hamburg hat. Skurrile apokalyptische Song-Visionen über Geier auf den Rampen und Motten im Klavier. Über Städte in Aufruhr erklingen im Raum. Oder ein Song über das beliebteste Thema der Rock und Pop-Geschichte: zwischenmenschlichen Sex. Oder über das unbeliebteste Thema: Depression.
 
 
 
 
 
 
 
  Dann leiten Kante die ruhigen Momente der Session ein, die, wo man auf den Ledersitz-Trümmern sitzen könnte. Und sie spielen diese "Hippie Kiffer Rock-Hymne", wo Florian Dürrmann den Bass mit der Lapsteel-Gitarre austauscht und das Publikum nach Kante-Ville entführt. (Alternativ: Hawai.) Auf jeden Fall an einen wüsten Ort mit sandigem Boden, wo den konzentrierten Musikerköpfen keine gesungenen Texte entlockt werden. Wo keine Wortspuren hinterlassen werden, weil diese Band mit ihrem Ton-Repertoire schon immer auf "der Schwelle einer neuen Zeit" gestanden ist und so werden die Spuren im Sand vom Applaus des Publikums frisch weggeweht.
 
 
 
 
 
 
 
  Kante singen von Wahrheiten. So sehr sie auch "ein wenig lächerlich sein mögen". Im Laufe des Abends gewinnt die Bewegungs-Akrobatik der Band an Gelassenheit, oder es ist alles nur Projektion und das musikalisch provozierte Hochgefühl, das jedes Geschehen als perfekt deuten will, kommt von einem selber. Oder es ist beides.
 
 
 
 
 
  Herausgerissen aus der verträumten Mitsing-Mitschmunzel-Sitzposition hinein in die Echtzeit-Realität werde ich an zwei Stellen, als Peter Thiessen einzelne Textpassagen vergisst oder sich ein Handlungsstrang im Song selber loopt (Notiz an Kante: Was natürlich vollkommen schnuppe ist, weil ein Konzert darf eh kein Porzellan-Konstrukt sein), und als endlich gezählte sieben Menschen aus dem Publikum aufstehen und anfangen so zu tanzen, wie sie "unter Normalzuständen" einer schweißtreibenden Konzert-Nacht tanzen würden. Frei halt. Im Rahmen der Möglichkeiten, die man sich aber nehmen sollte, wenn einem danach ist. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier.
 
 
 
 
 
  Beim Zugabenblock und nach einem kurzen rhetorischen Stadt-Land-Fluss-Spiel inklusive Eltern-Grußworte überraschen die wandelbaren Kante-Mitglieder mit einer "akustischen" Version von "Nichts geht verloren", wo noch mal die Lap-Steel bedient wird und die Felle an den Trommeln sanft gerüttelt. Und wieder ersetzt (bzw. ergänzt) bei diesem emotionalen Soundschwall eine weinende Solo-Gitarre Teile der Text-Ebene.
Alles ist da und geht nicht verloren.
Kante, das Tier wird nicht aussterben.
 
 
 
Alle Fotos: Pamela Russmann
 
 
  Live tritt die Band diesen Sommer noch beim Melt-Festival (15.7.) sowie am Haldern-Festival (5.8.) auf.
Der Herbst-Kalender schlägt den 15.9. (Wien/Szene) und 16.9. (Salzburg/Arge) als Ausgeh-Tag vor.
 
 
 
Kante zum Nachhören
  Die Radio Session mit Kante wird am Donnerstag, 13.7.2006, in Homebase ausgestrahlt (ca. 19.30-21 Uhr).
 
 Setlist 
 
artist title
 KanteDie Tiere sind unruhig
 Ich hab's gesehen
 Wiener Straße
 Die Wahrheit
 Zombi
 Die Summe der einzelnen Teile
 Warmer Abend
 Nichts geht verloren (acoustic)
 Tourisme
   
 
 
  Kante haben auch "Atmen" gespielt, das aber on air nicht zu hören sein wird.
 
fm4 links
  www.kantemusik.de
   
 
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