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Wien | 10.12.2006 | 19:58 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Bavarian Open Festival
  Es gibt ja Menschen, die können nicht genug kriegen von Festivals. Und wenn sich die kalte Jahreszeit nähert, versuchen diese Menschen alle indoor-festivals die's gibt abzuklappern, um über die open-air-festival-lose Durststrecke hinwegzukommen.
Ich bin so eine jemand.
Diese Zeilen schreibe ich in einer Zeitrechnung am letzten Tag einer Woche, die sich nur mehr in Koffeinportionen messen kann.

Ich erinnere mich an den ersten Anblick eines ("Klischee, aber echt!") westlichen Supermarktes beim Anblick eines Regales mit 3000 Joghurt-Marken und ich sehe mich nach dem rechten Joghurt im zweiten Regal greifen, links liegt der Joghurt, den ich schon letzte Woche (oder war es gestern?) gekostet habe. Irgendwann werde ich alle Joghurtsorten dieser Welt verkostet haben. Über Fett und Kalorienhaushalt mehr wissen, als ich mir merken kann. Damit ich irgendwann wieder entschlossen zu meinem ersten selbst gekauften, selbst erwählten Joghurt greifen kann. Yummy.
 
 
Die besondere Radiosession eines besonderen Senders.
  Also: ich schlafe nicht. Ich lebe vom Blick auf den kreativen Schreihaushalt anderer. Das heißt nicht, dass ich nicht selber schreie. Ganz laut. Ganz oft.
Gestern war ich aber einkaufen. Hab mich an dem kreativen kalorienreichen Schreihaushalt wunderbarer Künstler satt gehört. Wo? Beim Bavarian Open Festival.

Veranstaltet wird das bavarian open vom Radiosender "zündfunk". Der Zündfunk ist quasi das Szenemagazin vom bayrischen rundfunk. Der zündfunk sendet alles, was das popkulturelle Herz abseits des Mainstreams begehrt. Der Zündfunk ist FM4 anno 24Stunden-Betrieb.
Und so ist auch das Festival dieses Senders durchkonzipiert. Alles was der Zündfunk denkt und fühlt wird in den drei Sendesälen des bayrischen Rundfunkgebäudes präsentiert.

Gestern Vormittag ist eine kleine Delegation von FM4-Mitarbeitern nach München aufgebrochen. Über die Autobahn und über unbekannte Straßen zum dortigen Rundfunk-Gebäude. Schande über uns: Zum ersten Mal. Wir wollten Cat Power sehen. Wir wollten sehen, wie eine dreifache Radiosession funktionieren kann. Wir waren hungrig. Wir waren nicht satt.

 
 
Die Fotos aus Hamburg, Berlin und Wuppertal!
  "Ich hab mich schon verloren. In dir was entdeckt, dass mir ähnlich sieht." Die drei Säle des BR werden 15 Minuten zeitversetzt bespielt. Wir entscheiden uns gegen das Anstellen bei Saal 2 und für den Saal 1, wo die Fotos das Bavarian Open für uns eröffnen.
 
 
 
Die Fotos. Die Halsschlagader. Ohne Aber.
 
 
Bloody Body Fuckin A!!!
  Den Thermals hab ich beim Interview in Wien noch eingeredet, sie würden ja eventuell gar in einem bestuhlten Sendesaal spielen und wie sie - die Perfektionisten des Fast'n'Furious Post-Punk - damit umgehen wollen würden, wenn das Publikum sitzen müsste. "Well hopefully they will tear the seats apart and trash the place!" meinte Mr. Harris. Der hat nichts zu lachen, rein gar nichts. Die Entschlossenheit über alle und über alles "drüberfahren" merkt man auch beim sehr dichten Set der Thermals.
Da wird schon mal das im Hintergrund umherschleichende Kamerateam mit dem bösesten Blick ever missäugt und f***-freundlich vom Arbeitsplatz der Thermals verwiesen. THIS IS HOW WE KNOW! Eh schon wissen.

Die Thermals haben keine Zeit zu verlieren, denn bevor die Welt (kein Pathos, in echt jetzt!) an ihrem eigenen Lauf untergeht, sollen alle noch mal den Soundtrack dazu hören: "Here's your future." Und weg waren sie. Damit andere kommen können.

 
 
Hutch Harris / The Thermals
 
 
  The Books zum Beispiel. Über die vielerorts schon die Rede war und letztendlich werden mir die Books nur als eine Anekdote der langen Schlange in Erinnerung bleiben, denn in den Saal2 gibt es kein Hineingelangen mehr, so muss ich mich unters Volk im großen Saal mischen und Peter Licht lauschend ihm bei seiner prekären Songlage Recht geben, oder einmal durch die Halle wandern und entsetzt, ja bestürzt, komplett und unendlich positiv überrascht herausfinden: HIER FEHLT DAS PRODUCT PLACEMENT! Kein Sponsor. Bis auf die Sendeanstalt selber. Kein fremdes Logo. Kein offen sichtbar platziertes Marketing. Nur blau bayrische Baustellen-Schleifen die auf das Festival hinweisen aber sonst: kein Logo. Nicht an der Bar. Nicht im Eingangsbereich. Nicht in der Halle. NICHT EINMAL AUF DER AUSSENVERPACKUNG DER OHROPAX-SCHACHTEL.
Wann hab ich so ein Festival das letzte Mal gesehen? Beim Bad Bonn Kilbi in der Schweiz. That's about it.

 
 
 
 
Jeans Team!
  Aber dann also zu den Fast-Co-Headlinern: Zu den wunderbar ausgeflippten, vollkommen im Irrsinn des Beats sich verlierenden Jeans Team! Sie haben das Publikum mit einer höchst extravaganten Performance in technoide Ekstase versetzt. Alles was in meinen Spätnachts-Gedächtnislücken rund ums FM4=10-Fest gebunkert war, kommt plötztlich wie eine Schallmauer als Deja-Vu-Happenings in mir hoch. Keine Melodie, eins zwei drei vier und als Anknüpfungspunkt an die Arbeitsmarktlage, die Peter Licht besungen hat, stimmen sie natürlich "Das Zelt" mit ein. Perfekte Vorfreude auf den "last-but-not-least"-Auftritt den die Band im Jänner beim fm4=12-Fest absolvieren wird.
 
 
 
 
 
  Hat die Kinnlade aber in die normale Kieferposition wieder zurückgefunden, geht es nur mehr darum sich vorne zu platzieren und also auf die Headliner warten: Cat Power.
 
 
 
 
 
You will hear from me...
  Warum auch immer über Cat Power derlei neurotisch geschrieben wird und nicht einfach abgehackt wird, dass hier eine (weitere) Künstlerin halt offensichtlicher (aber nicht anders! You wanna call it "honesty" go ahead!) als alle anderen Musiker mit ihren Neurosen, Ängsten, Zweifeln, Paranoia umgeht, hat mich stets verwundert. Das neue Album, die Berufung auf die Blues und Country-Wurzeln war eine Watsche in die Gesichter aller, die eine weitere offen blutende Wunde á la "Moon Pix" erwartet haben. Remember: "There is something better, cause you know there always is!?"

Die Nachricht, dass Cat Power auf Tour geht, nach Selbstmord-Meldungen, Alkohol-Krankheiten und einem verdutzten Interview in dem sie über Whiskey und geschlossene Anstalten spricht, hat mich eher in eine "Alles wird gut!"-Stimmung versetzt, als über die verschlossene Phase der offen (auf Bühne) ausgelebten Scheiterhaufen-Ängste von Cat Power noch mal nachzudenken.
Welcome back, Ms. Marshall.
 
 
 
 
 
  Und so war das letzte Konzert des Bavarian Open Festivals das beste Konzert meines Jahres. Vorab haben mir schon Fans geflüstert, Erwartungen sollte man am besten runterschrauben, um nicht enttäuscht zu werden, ein Cat Power Konzert kann alles sein.
Wer gezweifelt hat, dass auch die Kategorie "perfekt" darunterfällt: Selber Schuld.
Denn das war es nämlich. Eine Höchstleistung.

Bis auf eine Instrumental-Einlage hat sich Chan Marshall tatsächlich nur der Stimme gewidmet und: dem Tanzen. Manche meinten auch dem "dirigiert werden", denn die Band (u.a. Jim White von den Dirty Three, Judah Bauer von der John Spencer Blues Explosion) hatte die Setlist fest im Griff. Was nicht heißt, dass Chan Marshall als Frontfrau und existentielles Bindeglied in dem ganzen fragilen "The Greatest"-Gefüge untergegangen ist.

Cat Power hat sich vom rauchigen Rande ihrer Stimmbänder zu Höchstleistungen - wie sie selber meinte "best show of the tour" - durchgerungen. Ob das grandios interpretierte "Satisfaction" vom Covers-Album, "Lived in Bars" von The Greatest oder die unglaubliche Version vom Kitty Wells-Supersong "Makin' Believe": Bestes Ambiente (in meiner Reihe sind die "I Love You"-rufenden Herren ausgeblieben) bei dem sich Cat Power zu einem Minutenlangen "Setlist-ins-Publikum-werfen" hinreißen lässt und das Publikum mit einem überwältigenden Gefühl im Bad der Superlative schwimmen lässt. Alleine, aber hey: Laut eigener Aussage gibt es im März eine Tour.
Also ein Wiedersehen.
Ein Wiederhören.
Also auf Wiedereinkauf.
Gute Nacht.
 
 
 
(c) alle Fotos: Ute Hölzl. (Danke!)
 
 
TRÄUM WAS SCHÖNES?
  "Hier ist nichts, nichts mehr wie es war
Am Tresen wird betrügerisch eingeschenkt
Und die Mehrheit will sowieso ein Sportgetränk"

Oder Klassik auf UKW und Popkultur auf Digital? Wenn es nach den BR-Sendeverantwortlichen geht schon ab Herbst 2007 kein Jugendsender am BR? Mehr darüber HIER.
 
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