Das war keine schlechte Woche für Konzerte. Leichten Herzens konnte man diese Kalenderwoche jeden Tag auf ein Konzert gehen. Ob Kaiser Chiefs oder die Tellers oder Mando Diao oder AJ Holmes. Viele Gründe für nächtliche Nachtbusfahrten. Keine Frage.
Während in weniger als zwei Stunden die Cold War Kids und Patrick Watson (!) das Flex bespielen werden und in 24 Stunden Roisin Murphy in der Arena auftreten wird, waren schon jetzt die beiden Abschlussveranstaltungen der Viennale das Highlight. Mehr oder weniger.
Jem Cohen und Hans Hurch [(c) Klaus Vyhnalek]
Empires Of Tin
So einige Probleme hatte ich mit "Empires Of Tin", einer quasi Auftragsarbeit der Viennale. Der amerikanische Regisseur Jem Cohen (siehe "Instrument" bzw. "Chain") hat sich dabei nichts weniger vorgenommen als seine filmische "Reflexion über den Zerfall eines Imperiums" vorzustellen. Die Ursprungs-Inspiration lag hier in Joseph Roths Buch "Der Radetzkymarsch".
Jem Cohen hatte noch bis zum Zeitpunkt des FM4-Interviews am Dienstag an seinem Film geschnitten und Material aussortiert. In seiner Eröffnungsrede der Filmpremiere am Donnerstag hat er noch bescheiden eine Langatmigkeit im Film prophezeit. Aber das ist es schließlich, was Imperien ausmacht: Sie dauern lange, man weiß nie, wann sie enden, meinte der Filmemacher.
Pleasure is melting like chocolate...
Das Problem lag gar nicht an der Länge oder an den langen Einstellungen, in denen es ein, im Höchstfall zwei Details zu entdecken und sich an ihnen zu erfreuen gab.
In der typischen Heldenverehrung wollte ich "Empires Of Tin" von der ersten bis zur letzten Sekunde gut finden, das tatsächliche Endprodukt hat dieses Vorhaben allerdings nicht ganz durchgehen lassen.
Schon bei den erklärenden Worten, dass dieser Film sich sowohl dem Verfall der Donaumonarchie und parallel auch dem Scheitern der amerikanischen Politik zum Thema nimmt, drängten sich einige Ungereimtheiten auf.
Jem Cohens Blick auf Details und sein Auge für geometrische Strukturen in Bildern bzw. auch seine künstlerische (Nach)bearbeitung von Tempo und Bewegung in seinen Bildern, das alles schön und gut: Für sich genommen waren die Sequenzen des Filmes einleuchtend, ihr thematischer Zusammenhalt hat sich allerdings durch plumpe Beliebigkeit ausgezeichnet.
... and the world it is a sponge.
So waren die Lichtblicke des Filmes die musikalische Begleitung unter der Anleitung von Vic Chesnutt, Guy Picciotto, dem ehemaligen Gitarristen von Fugazi, vier Mitgliedern von Silver Mt. Zion und dem Brooklyner Duo The Quavers. Die musikalische Livebegleitung und die gelesenen Sequenzen aus Joseph Roths "Radetzkymarsch" waren die wirkliche Leistung an diesem Filmprojekt. Die Livebegleitung hat dem Film wenigstens irgendeine Art von Klammer verabreicht.
Es ist z.B. fraglich, warum gerade beim Song "What he is and ain't", in dem Vic Chesnutt in gewohnt lyrischer Einfachheit ein satanisches Bild von Politikern besingt, Jem Cohen nichts Besseres zu tun hatte, als (zum Teil schwer pixelige) Rot-Schwarz-Fotos von Politiker wie Bush und Putin an die Wand zu projizieren.
Die Meinung schwankte also von einem negativen Extrem ins Positive. Zum Beispiel, als in einer Sequenz das Zusammelegen einer überdimensionalen amerikanischen Flagge zu sehen war und das Verfrachten dieser in ein überdimensionalen (Müll)Sack. Höchst schlüssig und poetisch. Doch bei aller vorsichtig in den Film integrierter Flaggensymbolik, verärgerte gegen Schluss wiederum eine Szene vom Wiener Heldenplatz (Jem Cohen hat den heurigen Nationalfeiertag ebendort verbracht), in der eine Flagge der Grünen zusammenhanglos im Wind wehte. Naja.
Wer also mit den Bildern zu kämpfen hatte, konnte sich nur an den Songs und der Musik festhalten. Zum Beispiel an der höchst atemberaubenden Interpretation vom Radetzkymarsch. Diesen Momenten galt meine standing ovation gegen Schluss.
Rülps.
Die musikalische Darbietung von Vic Chesnutt & Co ließ also die freudige Erwartung an den gestrigen Abend wachsen. Denn gestern stand ein reguläres Konzert am Programm. Vic Chesnutt, vom musikalischen Feingespür des Jem Cohen nach Montreal geflogen, hat dort mit Musikern von Silver Mt. Zion (Constellation Records!) und Guy Picciotto (Fugazi) nämlich eine Platte aufgenommen. "North Star Deserter" (produziert von Jem Cohen) und diese Zusammenarbeit galt es vorzustellen. Im Interview mit Eva Umbauer hat Vic Chesnutt von einem sofortigen Verständnis und einer sofortigen Freundschaft mit den ihm bis vor einem Jahr noch unbekannten Musikern des Silver Mt. Zion Orchesters gesprochen, denn was diese Künstler verbindet, ist nicht nur ihr Sinn für Humor, sondern auch eine bestimmte Poetik.
Distortion!
Mein letztes Vic Chesnutt Konzert war beim Glitterhouse-Festival vor zwei Jahren in einer klassischen fast Countryesken Besetzung. Zum neuen Live-Gewand 2007 schier unvergleichlich. Vic Chesnutts Stimme ist mir noch nie derart klar und kräftig erschienen. Sein Akustik-Spiel ist zeitweise von der distortion-reichen Gitarrendarbietung von Efrim Menuck und Guy Picciotto überspielt worden, denn die neue Dynamik der Songs verlangte nach lauten Höhepunkten. Den Ton bzw. das letzte Wort hatte allerdings stets der Musiker aus Athens, Georgia. Und wenn's nur ein unvermeidlicher Fast-Rülpser war.
... still I'm gonna miss you.
"This is the first show of our tour!", meint Vic Chesnutt gegen Ende des Konzertes und jemand aus dem Publikum schreit "Great". Vic Chesnutt schmunzelt ein "I agree!" und lächelt ins Publikum. Nach dem letzten Song einer höchst herzzerreißenden Coverversion von Melanies "Ruby Tuesday" ist auch Schluss.
Da wird der Musiker mit seinem Rollstuhl von der Bühne gehievt und reißt unter tosendem Applaus seine Arme in die Höhe. Soviel zu seiner Größe.
Vic Chesnutt, dem die Musik nach eigenen Angaben das Leben gerettet hat, der mir mit "About To Choke" meinen Pubertätssoundtrack ins Wohnzimmer geliefert hat, konnte gestern mit leichter Muskelstärke das Aufmerksamkeitsruder auf seine Singer/Songwriter-Kunst lenken.
Dass Jem Cohen bei diesem Projekt die Fäden gezogen hat, dafür gebührte auch ihm die letzte standing ovation.