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Wien | 12.12.2007 | 13:00 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Tocotronic bei der FM4 Radio Session
  Drei Gedanken zum Akustik-Set.
 
 
 
 
 
Eins - Jeffrey Lee Pierce
  Dass es etwas Besonderes werden würde, hat man sich schon denken können. Es ist bereits die zweite FM4 Radio Session die Tocotronic ins Radiokulturhaus geführt hat. Damals 1999 war die ganze Band zu Gast. Gestern bestand das Lineup aus Dirk von Lowtzow und Rick McPhail. Und Lilien. Die Lieblingsblumen eines gewissen Kurt Cobain. Ein leichtes Schmunzeln, waren diese Blumen doch auch das zentral visuelle Element des Nirvana-Unplugged-Konzertes. Kurt Cobains Lieblingsblumen, weil diese ihn an das weibliche Geschlecht erinnern und dann wollte der Pullover-Mann auch noch, dass das Konzert eine Begräbnis-Atmosphäre ausstrahlt. Die Assoziationskette wäre unaufhaltsam, aber der irdische Blick in Richtung Bühne gelenkt, wo das Klavier auf Berührung wartet und die beiden Tocotronic-Musiker auf ihren Stühlen Platz nehmen, um die Instrumente anstimmen, fokussiert die Gedankengänge wieder auf die herzlich bescheidene Begrüßung. Und auf die Tatsache, dass es um etwas ganz Anderes gehen wird.
 
 
 
 
 
  Welches Zeichen der Exklusivität wollen Tocotronic als Duo zu Beginn setzen? Sie spielen eine B-Seite und nicht irgendeine, sondern jenen Song, in dem Herr Lowtzow Jeffrey Lee Pierce gedenkt. Dem Frontman der L.A.Punk-Band namens Gun Club. Ihn als interessanten Musiker zu beschreiben, wäre untertrieben, für die Zeile "We can fuck forever but you will never get my soul" gebührt ihm ein spezieller Platz in der Eingangsaula meines persönlichen Oneliner-Hall-Of-Fame, dahinter im ersten Stock versteckt sich ein Schrein, in dem ich mit Kid Congo Powers und Debbie Harry auf Mr. Pierce anstoße.
Dirk von Lowtzow fängt in "Andere Ufer" die Aura des Musikers aus der liebevollen Fanperspektive ein. "Die Erinnerung spricht!" Großartig.
 
 
 
Zwei - Kante
  Bis jetzt waren sie ja wirklich fast vollständig hier: Hamburger Bands, die Urgesteine: Blumfeld, Tocos, Sterne und Kante. Letzte Woche anlässlich einer Peter Handke Theateraufführung haben Kante auf der Bühne des Akademietheaters ein Konzert gespielt. Ähnlich wie im Radiokulturhaus, nämlich bestuhlt und überhaupt das Gegenteil von verrauchtem Clubambiente, da ist nämlich der Vorhang auf die Seite gedrückt worden und die Band legte los.
 
 
 
 
 
  Diese Eroberung von Räumen bei Konzerten ist neben der Musik das Interessanteste, was mich am Abend in Konzertsäle lockt. Bei Kante war die Eroberung vom Theaterraum geglückt, wenn das heißt das Menschen aufstehen, tanzen, mitsingen. Gestern - und da wären wir also wieder bei Tocotronic - lag der aktionistische Plan nicht so sehr auf der Abendordnung. Das Augenmerk lag auf der Instrumentierung. Rick McPhail an der Steel-Guitar, am Piano oder einfach als die Melodie angebendes Zentrum. Mit Akkorden, die im Hall verstummen. Dazu ein sehr entspannter Sänger, der einen zehn Jahre alten Song darbietet, als ob er für die soziale Apokalypse des Tags danach geschrieben worden wäre. Ein fast croonender Dirk v. Lowtzow, der Umstände anklagt, und Zustände beweint. Die Entspannung war fast gruselig. Bei "Freiburg" jenem Song der bei aktuellen Tourauftritten das monströse Ende der Konzerte einläutete, wirkte die bediente Steel-Guitar wie eine Special Effekts-Maschine, die sich für den instrumentalen Schauer-Nebel verantwortlich zeigte.
 
 
 
 
 
Drei - Menschen
  Zugegebenermaßen: als Tocotronic das Video zu "Kapitulation" veröffentlichte, war klar, dass bei diesem Song das Konzert-Publikum als Chor-Begleitung einspringen würde. Dass im Radiokulturhaus die Münder still gehalten wurden, sollte man natürlich nicht persönlich nehmen, war aber dennoch eine ziemliche Enttäuschung. Unterstützung wäre nett gewesen. Hoffentlich war der einzige Grund dafür, dass die Münder des Publikums offen standen und vokale Beihilfe unmöglich gemacht haben. Mit dem Klatschen hielt man es da nicht so schüchtern. Das kleine Adventprogramm war nach knappen 45 Minuten vorbei. Als Zugabe setzte es den "alt gedienten Schlachtruf des alt gedienten Schlachtrosses Tocotronic": Pure Vernunft darf niemals siegen.

"Wir brauchen dringend neue Lügen, die uns in die Ohren zischen. Und über unsere Augen wischen, die die die uns helfen wollen bekriegen." Auf die Begleitung und Unterstützung bei diesem Vorhaben ein herzliches "Bitte" an Tocotronic uns weiterhin zur Seite zu stehen. Wir bleiben dabei.
 
 
 
 
 
(c) Pamela Russman
 Tocotronic, FM4 Radiosession, 11.12.2007 
 
artist title
 TocotronicAndere Ufer
 Mein Ruin
 Ich habe Stimmen gehört
 Kapitulation
 Sailor Man
 Dieses Jahr
 Sie wollen uns erzählen
 Wehrlos
 Freiburg
 Jackpot
 Drüben auf dem Hügel
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 Pure Vernunft darf niemals siegen
   
 
 
Tocotronic hören und sehen
  Für alle, die nicht dabei sein konnten: Die FM4 Radiosession mit Tocotronic wird am 17. Dezember ab 20 Uhr in der FM4 Homebase ausgestrahlt, und wird ab dem selben Tag auf auch als Videostream zu sehen sein.
 
 
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