Helden. Es gibt eine geheime Liste, auf der stehen Namen meiner favorisierten Interview-Partner. Alle lebendig, aber einige ziemlich utopisch. (Wenn man nicht weiß, wo aufhören, dann wenigstens wo anfangen.)
Einen Bandnamen kann ich nach dieser Woche von der Liste streichen. Die Band heißt Shellac (of North America) und um nicht zu lange um den heißen Brei herumzureden: Shellac sind die beste Gitarrenband. Die geographischen Details erübrigen sich.
I'd like to thank our sponsors!
Wenn die Musikindustrie etwas mit Chemie zu tun hätte, dann wären Shellac zwar ein seltenes aber in Punkto Ausdauer (Halbwertszeit) das wertvollste Element im wahnsinnigen Periodensystem amerikanischer Rockbands. Shellac stehen für Entscheidungen. Die Labelheimat (suche "25 Jahre Touch&Go"), die Perspektive (lese "We owe you nothing") die Tourmöglichkeiten ("We'll see") oder die Auftrittsformen ("Any questions to the band?"). Shellac stehen für einen Bandentwurf aus der Fanperspektive. Und Shellac stehen natürlich auch für Sound. 2/3 der Band verdienen ihren Unterhalt mit dem Electrical Audio Studio in Chicago. Und mit Plattenverkäufen.
Zu den sieben Jahren Wartezeit zwischen dem Album "1000 Hertz" und "Excellent Italian Greyhound" weiter unten. Das Klanggeheimnis des Trios hat ein tschechisches Magazin letzte Woche recht einfach zusammengefasst: "der perfekte Sound kommt vom perfekten Zusammenspiel." Bassist Bob Weston antwortet später auf die Frage "Why are you so damn good?" mit einem schlagenden Argument: "It's because of the drummer!"
Der Drummer heißt Todd Trainer, sein Soloprojekt ist die empfehlenswerte Band Brick Layer Cake. Todd Trainer spielt nicht Schlagzeug, er verschmilzt mit dem Schlagzeug. Seine Haltung am Instrumentenhocker entspricht der richtungsweisenden Intensität des Schlages: kerzengerade, in Lüfte erhoben oder embryonal gekrümmt. Das was wie eine Selbstverständlichkeit klingt - Bewegung beim Spiel - ist in wirklichkeit viel zu selten beobachtete Kunst. Wer im Zentrum der Bühne spielt, sollte mehr können als den Takt mitzählen. Todd Trainer zeigt wie. Wo? In Prag zum Beispiel letzten Montag.
That drum roll means we got a winner!
Ein Teil der aktuellen Tour sollte Shellac ins Palac Akropolis nach Prag führen. Sporadisch kann man die Auftrittsreihe rund um den "Exzellent Italian Greyhound" Release nennen, auf ihrer aktuellen Tour erfüllt sich die Band jeweils einen Fremd- und einen Eigenwunsch: Vor Jahren hat die Band ihrem Tourfahrer versprochen, das nächste Mal einen Stop in der Kafka-Stadt einzulegen, sonst könne sich dieser Tourfahrer in seiner Heimat nicht mehr blicken lassen. Eins und eins zusammengezählt sind Shellac nun also das erste Mal auf Osteuropa-Urlaub. Kroatien, Serbien, Bulgarien, Tschechien, Österreich u.a.
Is this thing on?
Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, meint Steve Albini, als er im Backstage-Raum des Akropolis mit einer Zange seine Gitarrensaiten neu bezieht und auf die erste Interviewfrage wartet. Das Interview gibt's übrigens auch im Podcast zum Nachhören, mehr dazu weiter unten.
Eine der Fragen dreht sich um den Bedarf nach physischen Tonträgern, um Gesundheit und um Bandroutine.
"Making records is very much associated with the idea of creating a thing that is going to be an emblem of a period of time for us. There will always be several music classes of listeners. People who listen passively and those who are fans. Those people will always want to own sth that is emblematic something that encapsulates a period of time w/ the band."
Die Band ist ein "selfish thing". Rechenschaft gibt es keine. Abhängigkeiten gibt es keine. Mit dem Bandsein Aufhören? Sicher, man wird es eh nicht länger aushalten als 100 Jahre.
Is it really broadcasting if there is noone to receive?
Setlist gibt es keine beim Konzert. Ausmachungen erfolgen mündlich. Taktabsprachen mit einem Augenzwinkern. Die Halle des Akropolis ist gut gefüllt. Die übliche Geschlechteraufteilung. Sonst hätte Bob Weston von einem Händchenhaltenden Pärchen in der ersten Reihe kein Beweisfoto ("For my wife, she's not gonna believe me!") geschossen. Das Publikum lacht, es ist so ein glückliches Verlegenheitslachen bei dem jedes Wort doppelt zählt. Man hat lange auf dieses Konzert gewartet. Die Frage-Runden von Shellac sind legendär. Während der Pausen in denen die Instrumente nachgestimmt werden, zeigt das Publikum auf und wirft der Band Fragen an den Kopf.
Frage: "Why did it cost 30 bucks?"
Antwort: "In real life that's nothing. Like 10 euros? The dollar is pretty low. That's what happens when you shave off the bush, you can see more clearly?"
"Do you want to have sex with me?"
"Sure."
"Can you play louder?"
"Yes."
Shellac wundern sich über die Nonstop-Landschaft auf der Bundesstraßen-Fahrt nach Prag, erzählen Budweiser ("but the american the real stuff!") Scherze. Und Lob regnet es natürlich in Richtung Todd "the most handsome man in rock'n'roll" Trainer und der Vorband Allroh.
This microphone turns sound into electricity
Die Show selber? "A Prayer To God", "Watch Song", "Steady As She Goes" vom neuen Album genauso wie das hier in den Überschriften zitierte "The End Of Radio" haben nicht gefehlt. Beendet wird die Show mit "Windwalker": And a plane becomes a metaphor for my life und die Band türmt sich Cheerleaderhaft am Schlagzeug auf. Man muss solche Art von Musik mögen. Auf Hörjagd gehen und die Instrumental-Teile in ihrer exzessiven Wiederholungsschleife auffangen (Ist "Kittypants" bitte schön nicht ein Tonleiter-Hit???). Auf Wortjagd gehen wenn es heißt: "Because they were squirrels, real squirrels and there were thousands. This isn't some kind of metaphor, goddamn, this is real!" Die Stille zulassen wenn "Genuine Lulabelle" angestimmt wird und Albini gelangweilt, in seiner traditionellen Bandtracht Nummer1 (die zerrissene Hose. Nummer2 ist der working men Ganzkörper Overall) ins Mikro sagt: "Everybody party." Das Zusammenspiel. Eine einfache und einzige Erklärung für ein gelungenes Konzert.
Can you hear me?
"What everyone wants is the genuine article!" heißt es auf dem neuen Shellac Album. Steve Albinis Suche nach Worten, als er nach der Faszination für die Musik der One-Woman-Vorband Allroh befragt wird, erinnert mich an meine eigene Suche nach Worten. Nach wie vor ist es nur Gitarre, Bass, Schlagzeug, das auf der Bühne bearbeitet wird. So simple. Und die Sache mit dem Warten? Mit dem Album das ein Abbild einer Zeit sein soll, eine Band-(Er)Lebensabschnittes? Der Wunsch, Shellac mögen uns öfter ihr "emblem of a time" in Albumformat um die Ohren knallen, wird halt ein Wunsch bleiben. Wunschkonzert. Wunschband. "A river runs fast, a glacial runs slow but both move a lot of water."
So klar ich noch mein erstes Shellac Konzert im Schlachthof Wels vor den Augen habe, so klar werden mir die Performance in Prag ("We had a really great time!") und in der Szene Wien ("We had a really great time!") in Erinnerung bleiben. Und vielleicht soll es ja auch darum gehen: Eine Band begleiten, beobachten und nach langer Pause anonym Zustimmung signalisieren. Am Ende des Tages laut klatschen.
This is my farewell transmission...
Zwei Tage nach dem Shellac-Konzert betrete ich wohl das erste Mal die Szene Wien bei Tageslicht. Die Stadthalle Wien (Betreiber der Szene Wien) und das Planet Music haben zur Pressekonferenz geladen, denn: Ab 1.Juli wird Muff Sopper vom Planet Music die Geschäftsleitung des Lokals in der Hauffgasse 26 übernehmen. Das Team, das bis jetzt für Barbereich verantwortlich war, wird erneuert. Das Team, das für Künstlerabwicklung und Programmlinie zuständig war, blickt einer unsicheren Zukunft entgegen.
Die Szene Wien soll schließlich um das Planet Music Programm erweitert werden. Alles Nachrichten, die für recht viel Aufsehen sorgen. Was diese Neuorientierung bringen soll, wie es dazu gekommen ist und warum "Synergie" das neue Schimpfwort ist, mehr dazu am Sonntag.
length: 13:31 Steve Albini und Bob Weston von Shellac im Interview mit Susi Ondrusova MP3 (12.951MB) | WMA
Interviewpodcast
Ein Interview mit Steve Albini und Bob Weston von Shellac über physische Alben, die Gesundheit einer Band und die verdammte Routine gibt es ab sofort im FM4 Interview Podcast.
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