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Wien | 13.5.2008 | 18:47 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Ein Kommentar zur Szene Wien neu
  Zwei Lokale, zwei Konzepte: Die Szene Wien in Simmering und das Planet Music in Brigittenau werden fusioniert. Ab 1. Juli übernimmt Planet Media Gmbh-Geschäftsführer Muff Sopper die Geschäftsführung der Szene Wien, das Planet Music wird abgerissen. Die Umstände dieser Umstrukturierung haben in verschiedenen Kreisen für viel Aufsehen gesorgt. Hier der Versuch einer Aufschlüsselung:
 
 
 
Die Vorgeschichte - Planet Music
  Das Ende des Planet Music ist seit einiger Zeit eigentlich schon bekannt: Das Gebäude wird abgerissen und soll einer Wohnsiedlung weichen.
Das Planet Music (ehemals Rockhaus) lässt programm-technisch eine Vorliebe zu (metalligen) Gitarren feststellen, es ist ein Haus der Extreme: Bietet Urgesteine á la Uriah Heep und Newcomerbandwettbewerbe an. Vor zwei Jahren entstand mit dem Gravity Festival eine vielversprechende neue Programmschiene. Zugegeben, die Futureheads auf der Bühne sehen und ein Sido-Plakat im Rücken haben, ist für Besserwisser wie mich nicht unbedingt das gelbe vom Fortgeh-Ei. Aber wen kümmert es? Ich habe ja die Wahl.

 
 
Die Vorgeschichte - Szene Wien
  Die Szene Wien existiert genauso wie das Planet Music seit 25 Jahren. Es ist in die Unternehmerstruktur der Stadthalle Wien (über die Wien Holding liegt diese im Eigentum der Stadt Wien) eingebettet. Waren in den 80er Jahren noch Tanzveranstaltungen ein wichtiger Programmpunkt, hat sich im Haus in der Hauffgasse 26 nach und nach die Worldmusic-Schiene etabliert: Salam.Orient, Balkan Fever. Wie mir letzte Woche von den geschäftsführenden Betreibern der Szene Wien erklärt wurde, wendet sich das Haus "an ein Publikum, das abseits des breiten Mainstreams liegt".

Mit ihrer ca. 500-Menschen-Kapazität war die Szene Wien jener Ort an dem u.a. Indiebands aufgetreten sind, die zu groß fürs Chelsea und zu klein fürs WUK waren. Oder jene, wie Calexico, die lieber zwei Mal hintereinander spielen als sich in eine andere größere Location zu buchen.

 
 
Die Verkündung
  Ende April ist folgende Nachricht an die Öffentlichkeit gelangt: die Szene Wien bekommt eine neue Geschäftsführung. Josef "Muff" Sopper wird neuer Szene Wien Chef, er ist seit 30 Jahren im Veranstalterbereich tätig (u.a. als Planet Music-Geschäftsführer, ab Herbst auch für die Programmierung der BA-CA-Halle zuständig) und war nebenbei maßgeblich an der "umstrittenen" Gründung der Kultur:Plakat Gmbh beteiligt. Letzte Woche haben die Stadthalle Wien und Muff Sopper zu einer Pressekonferenz geladen, um die Hintergründe der "Neuübernahme" zu erläutern. Mit den Worten "turbulent" lässt sich die Stimmung bei der Pressekonferenz noch sehr milde zusammenfassen. Denn neben Journalisten haben sich auch zahlreiche Szene-Wien-Sympathisanten und Kleinveranstalter bei der Pressekonferenz zusammengefunden. Kaum hatte Muff Sopper das Wort ergriffen, wurden schon erste Vorurteile laut und es tauchte die Frage auf: "Warum gibt es eine neue Geschäftsführung?" und "Wie ist die Vergabe zustande gekommen?"
 
 
 
Die Auslastung und die Subvention
  Das Haus in Simmering wird für die Programmschiene mit einer halben Million subventioniert. Im Kulturauftrag der Stadt Wien ist diese Schiene festgeschrieben: Von Avantgarde-Rock bis Weltmusik. 120 Tage werden durchschnittlich im Jahr bespielt. Was vor einem Jahr noch Standard war, ist für die Geschäftsführung der Stadthalle nun zu wenig.

Die derzeitige Auslastung (=Spieltage im Jahr) der Szene Wien von rund 44% soll auf 80% erhöht werden. Also von 120 Spieltage auf mindestens 240.
Anstatt das bestehende Team mit einem neuen Konzept zur höheren Auslastung zu beauftragen, verspricht sich die Stadthalle mit der neuen Geschäftsführung eine bessere Wirtschaftlichkeit. Stichwort: Sponsoring kann verbessert werden usw.

Peter Gruber, Geschäftsführer der Stadthalle meint: "Am Projekt selbst ändert sich nichts (...) die ganze Sache hat sich erst durch die Schließung des Planet Music ergeben: Da war eben die Möglichkeit gegeben eine wirtschaftlich gesündere Basis herzustellen." Ein Ziel dieser neuen Wirtschaftlichkeit soll laut Stadthallen-Betriebsleitung auch das Herabsetzen der bestehenden Subvention sein.
 
 
 
Kritik an der neuen Szene Wien
  Die Unzufriedenheit in der "Szene" mit dieser neuen Situation ist schlicht und ergreifend in dem Paradoxon rund um die Neuübernahme begründet: Einerseits möchte man das Szene Wien-Konzept ("Kulturauftrag") erhalten, gibt aber zu, dass diese Konzept nicht greift bzw. nicht ausreicht, doch um eine interne Lösung ist man nicht bemüht.

Muff Sopper verspricht als neuer Geschäftsführer "effektivere Werbung" und die Ausschöpfung von mehr "Sponsoring"-Möglichkeiten. Eigentlich nichts Verwerfliches. Die Umstände der Übergabe sind der eigentliche Skandal: Dass die Stadt Wien ein Projekt, das sie über 20 Jahre lang gefördert hat, einfach so aus ihrer Struktur hebt und "fallen lässt". Dass Mitarbeiter mit einer neuen Hierarchie- und Betriebsstruktur konfrontiert werden, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben sich den neuen Anforderungen (=mehr Besucherzahlen, mehr Spieltage) anzupassen. Ihre bisherige Arbeit wird einerseits gelobt, andererseits werden sie für den (seit 2004 existierenden) Besucherrückgang verantwortlich gemacht, im selben Atemzug heißt es aber auch: "Der Markt gibt einfach nicht mehr her!" (bezogen auf Auslastung) Die Einbettung des Planet Music Programmes in die Szene Wien auf diese Weise zu argumentieren, scheint paradox.
 
 
 
  Wie von den Grünen kritisiert wurde, hat es für den Posten, den der SPÖ-nahe Muff Sopper ab 1.Juli ausüben wird, keine Ausschreibung gegeben. Dies sei auch nicht notwendig gewesen, erklärt Peter Gruber von der Stadthalle, denn "die Position eines Betriebsüberganges entspricht einer neuen Betriebsführung und ist daher nicht auszuschreiben".
Gekündigt wurde nur der Pachtvertrag in der Szene Wien. Die Mitarbeiter der Szene Wien sind Mitarbeiter der Stadthalle, haben das Angebot mit dem neuen Team weiterzuarbeiten. Ob sie davon Gebrauch machen werden, ist noch unklar. Klar ist: mit Martina Pokorny und Claudia Köstl beschäftigen sich zwei Mitarbeiterinnen der Planet Media Gmbh mit der inhaltlichen Programm-Ausrichtung der Szene Wien. Und: Wieviel Booking-MitarbeiterInnen braucht ein 500er Haus?

Veranstaltungstechnisch bedeutet das auch eine Monopolisierung: denn neben der Szene Wien "betreibt" das Team rund um Muff Sopper ab Herbst auch für das Gasometer in Wien.

Grünen Kultursprecherin Marie Ringler meint über Muff Sopper: "Hier wurde in erster Linie ein braver Exekutant der SPÖ-Politik belohnt."
 
 
 
Die "neuen" Inhalte
  "Ich liebe die Szene Wien. Es ist ein wunderbares Haus und ich freu mich schon, dass ich mein Bestes geben kann, um diese Einzigartigkeit der Szene Wien, diese Athmosphäre aufrecht zu erhalten und vielleicht auch ein bisschen zu verfeinern." meint Muff Sopper.

Das was Muff Sopper unter "verfeinern" versteht, davor haben andere Angst. Man befürchtet dass die Szene Wien nun das Planet Music-Image eines "Metalschuppens" verpasst bekommt. Metal ist hier aber nicht das böse. Es geht eher um den feinen Unterschied im Gesamtbild.

Rainer Krispel, Journalist, Musikarbeiter und einer der Initiator von http://www.szenebleibt.at/ meint die Einzigartigkeit der Szene Wien liegt darin dass "nicht so sektiererisch gebucht wird. Da kann auch Shellac passieren und eben BalkanFever. Es ist nicht einer Beliebigkeit geschuldet sondern einem Qualitätsanspruch und einer Auseinandersetzung. So ein Haus braucht man!"

Wenn man sich das "warum" in der Causa anschaut, stehen sich plötzlich die Faktoren Inhalt und Geld im Weg. Die Neuorientierung wird als eine interne Betriebssache deklariert, obwohl sie eigentlich eine kulturpolitische Entscheidung darstellt.
 
 
 
  Die zusätzlichen Programmkonzepte der neuen Szene Wien, sollen sein: ein Dialektmusikfestival, Projekt Woodstock Generation, Walpurgisnacht mit einem speziellen Fokus auf weibliche Künstlerinnen, ein Chansonzyklus. Und: die vielzitierte Nachwuchsförderung.
Eine Programmschiene, von der sich die Stadthallen Betreiber erhoffen, dass dadurch Bands "in der Grössenordnung Opus oder Hansi Lang" hervorgehen werden. Ein merkwürdiges Argument, wenn man sich die Liste der teilnehmenden Bands vom Younxstars Wettbewerb oder Austrian Band Contest anschaut. Diese Art der Bandwettbewerbe bringt Auftritts-Routine, "Ruhm" allerdings nur in einem in sich geschlossenen System. Oder: wie Rainer Krispel meint: "Bandwettbewerb ist die niedrigste Form der Veranstaltung. Das wird nur mehr von der Castingshow getoppt. Das ist ein anderer Kulturbegriff."
 
 
 
Neue Fragen
  Förderung heimischer Bands, die nicht Heinz oder Russkaja heißen, bedeutet im Planet Music z.b. aber auch dass die Bands (z.b. Support Acts wie Vortex Rex, Super Pursuit Mode oder A Life A Song A Cigarette beim Gravity Festival oder Teilnehmer vom Bandwettbewerb) sich ihre Gage durch den Verkauf von Eintrittskarten verdienen. 50% des Kartenpreises gehen an die Band. Die Künstler sollen so ihre Fans mobilisieren, ein schönes Argument, meiner Meinung nach ein falscher Mechanismus, denn: Respekt den auftretenden KünstlerInnen gegenüber und Wertschätzung seiner/ihrer Arbeit schaut anders aus.

Die Fragen die sich stellen: Auf welche Prioritäten wird in Zukunft gesetzt? Ist die Überprüfbarkeit des "Kulturauftrages" möglich? Welche Bands werden am Ende des Jahres als "alternativ" in die Avantgarde-Quote aufgenommen? Gibt es eine Quote für die Quote? Was bedeutet das für z.b. das "Daneben" Festival?
Für die BesucherInnen soll sich nichts ändern. Vielleicht bis auf ein zukünftiges Sizzla-Plakat oder Sido-Plakat im Rücken?

Achja, die Eintrittspolitik und die Bierpreise sollen ja auch gleich bleiben.

Schöne neue Welt.
 
 
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