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Wien | 15.8.2008 | 05:02 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
What's the Frequency, Kenneth?
  R.E.M. beim FM4 Frequency Festival 2008

Diese Geschichte sollte viel früher stattfinden. Jede Woche könnte ich aus einem der 15 Studioalben von R.E.M. einen Song zitieren, der wahr ist, obwohl aus dem Jahr 1982. Einen passiven Erlebnisaufsatz darüber schreiben, wie R.E.M. früher Texte geschrieben haben: durch Schlafentzug, durch Cut-Up-Technik, durch eine lexikontiefe Metaphernsuche: R.E.M. sind eine der Bands, die vor allem durch ihre Songlyrics in meine Wahrnehmungskanäle gelangt ist. "Speaking in tongues it's with a broken lip" steht für das mysteriös zu Entdeckende. Was auch immer bedeutet schließlich "Your hate clipped and distant your luck with pilgrimage rest assured this will not last"? Dann in der Trauerphase: "all the stars drip down like butter" aus dem über Kurt Cobain und an ihn verfassten Song "Let Me In". Dann im 00er Jahr ist entweder die Überflutung im CD-Regal oder einfach die von der Band total glattgebügelte Metaebene schuld, dass mich an Songs wie "She Just Wants To Be" ("Now is greater than the whole of the past!") oder an dem "final/vinyl" Reim aus "I'm gonna DJ" exakt NULL reizt.

"Serve your conscience overseas" gilt nicht mehr. Das Spätwerk von R.E.M.: keine persönlichen Anknüpfungspunkte, keine lyrischen Höheflüge. Recycling-Rock. Willkommen in der "Nach 'Adventures of Hi-Fi' kam nichts mehr!"-Meinungsabteilung. "That sugarkane that tasted good?" Ja eh!
 
 
 
 
 
  Gestern Nacht allerdings haben R.E.M. mit ihrem Headliner-Gig auf der Hauptbühne beim Frequency Festival einige vergangene Schürfwunden geheilt.

Warum? Natürlich hat "Man On The Moon" oder "Losing My Religion" oder "The One I Love" nicht gefehlt, aber trotz Highlight-Routine hat die Band altes Material mühelos in ihr Set gegliedert und eine Zeitreise unternommen, wie ich sie so nicht erwartet hätte. "West Of The Fields" wurde gleichmal ins Schaffensjahr 1971 katapultiert und dann kam auch noch eingestreut zwischen Über-Hit und Fast-Hit der Track "Seven Chinese Brothers" aus dem Jahr 1984 und, als ob das nicht genug wäre, gleich mal als erste Zugabe "Begin The Begin" von meinem absolut favorisierten Album "Lifes Rich Pageant". Das Augenbrauen-Album.
 
 
 
 
 
We're R.E.M. and this is what we do!
  1989 meint Michael Stipe im Zuge der Green-Tour: "I think as a motivating force for change pop culture is still at the forefront. Events like the Amnesty tour brought a lot of attention. Pop culture is still the one way in which someone who is without power can attain it and bring about a change."

Das Album "Green" steht in der Geschichte von R.E.M. für Veränderung. Es ist das Album, mit dem die Band auf ihr nächstes Karriere-Level gehievt wurde. Und: Es ist das erste Album, in dem ein Songtext abgedruckt wurde. Big Deal? Für Frühwerk-R.E.M.-Verhältnisse ein very big deal, denn der Song mit dem abgedruckten Songtext heißt "World Leader Pretend". Ein Ich-Song, in dem Michael Stipe entweder (1) versucht Leonard Cohens Songwriting nachzuahmen ("using military terms to get across a very simple human emotion") oder (2) versucht seine erwachsene Frontman-Rolle lyrisch auf den Punkt zu bringen ("I sit at my table and wage war on myself"), in dem er seine eigene Person als Projektionsfläche erklärt, oder (3) ein Song über das, was sich in der Überschrift befindet: Einen mit Täuschungsmanövern handelnden Weltherrscher ("I divine my deeper motives!")
 
 
 
 
 
R.E.M. sind nicht die alten neuen U2.
  R.E.M. sind durch und durch eine politische Band, keine Frage: Nach der Amnesty Tour 1989 sollten Konzerte im politischen "awareness"-Rahmen folgen: US Campaign for Burma zum Beispiel oder die "Vote for Change"-Tour 2004.
Aber - und hier fängt auch schon der große Differenzsprengrahmen zu U2 an - R.E.M. sind "vager". Die Rebellion und die Message: sie ist oberflächlich. Sie ist Slogan, aber kein absoluter Ausweg. Während U2 glauben zu wissen, wie man ein besseres Leben lebt, und keine Gelegenheit auslassen darauf hinzuweisen, sind Stipe&Co in ihrem kollektiven Bandgefüge als Meinungsforschungsinstitut mehr ein Hinweis als ein unverbesserlicher Ratschlag.

Sie könnten frecher sein, ihre "Rollen" weitaus mehr ausnutzen, bei R.E.M. hat man das Gefühl, dass sie sich immer in ihrem Kontext bewegen: Den ihnen wichtigen Themenkatalog tragen sie ihrem (Konzertmasse-)Publikum schon vor, aber nicht über die Titelseite einer Tageszeitung, in dem sie sich mit dem US-Präsidenten fotografieren lassen.

Jon Savage schreibt in seinem fast 20 Jahre alten "Post-Yuppie-Pop" Artikel: "They are idealistic and forward-looking to a degree that might seem naïve." Ein Trost oder eine Tatsache, dass sie nicht mehr bewirken können als jeder einzelne von uns?

Höre Ignoreland: "The paper's terrified to report anything that isn't handed on a presidential spoon, I'm just profoundly frustrated by all this. So, fuck you, man. Fuck 'em. Yeah, yeah, yeah. Ignoreland. I feel better having screamed. Don't you?"
 
 
 
 
 
This one goes out?
  Das Konzert selber? "These rivers of suggestion are driving me away!" Kein Spektakel im Sinne der Effekte. R.E.M. sind noch immer Handwerker, keine Hi-Tech-Tüftler, es sei denn Hi-Tech bedeutet nun auch, vor die erste Reihe der Festivalcrowd zu springen, die Kameramänner der Videowall mit Grimassen zu erschrecken, Gitarrensprünge zu machen oder zu sagen "I need to make a phonecall to the future!".

Michael Stipe in gewohnt dadaistischen Muskelzuckungen den Bühnenraum abwandernd, nicht übertrieben viele Animations-Ansagen, sondern ruhig in die Weite das Mikrofon ausstrecken, an Stellen, bei denen man sich angesprochen fühlen kann, aber das Mitsingen eher im stillen Moment passiert. Versuchen R.E.M. etwa die Clubband zu mimen?

Bei "Let Me In" sich auf kleinem Raum im Kreis versammeln und sich diesen Song vorsingen, als ob man kein Festival im Rücken hätte? Das überrascht.

Etwas Unschuldiges liegt noch immer an der gemeinsamen Aufstellung der Band, vielleicht noch mehr durch das Trio-Geflecht. Michael Stipe, der Vorsichtige. Michael Stipe, der Übermütige. Michael Stipe, der sagt "This is what we do!"
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Einmal noch "It's the End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)" hören und dann hilft auch nur mehr ein gedankliches Zurück an den Anfang: "I never understood the frequency! I couldn't understand. I never understood, so don't fuck with me!" aus "What's the frequency, Kenneth!" oder auch "Your eyes are burning holes through me" oder "That was just the dream!" und so weiter und so fort. So könnte ich noch sehr lange abtippen, welche Textbausteine mich seit fast 14 Jahren begleiten. Und dass ein 95-minütiges Konzert diese wieder nach vorne holen kann, als ob die Posterwand in meinem Zimmer nie weitervermietet worden wäre.

Rock also. Den werd ich nicht mehr los. Don't fall on me.
 
 
 
 
 
  Alle Fotos: Dominique Hammer
 
 
 
R.E.M. Live auf FM4
  Wir senden einen Mitschnitt des R.E.M.-Konzertes vom diesjährigen FM4 Frequency Festival am Mittwoch, 20. August im Rahmen der FM4 Homebase (19-22 Uhr).
 
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