Wien | 6.10.2003 | 14:08 Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.
Der gestrige Herbstsonntag war von seiner Erscheinung her eher unsympathisch: Fröstelnd musste ich mich durch den Ja-Nein-Wechsel-Regen boxen, um zu kleinen Oasen der Lieblichkeit zu kommen. Von so einem unfreundlichen Sonntag, an dem es zumindest im Wienerischen nie wirklich hell geworden ist, erwartet man sich ja im Grunde nicht viel. Man wirft die Heizung an, traut sich fast nicht aus dem Bett ob der ubiquitären Tristesse und könnte, wenn man wollte, die Direttissima zur Winterdepression nehmen.
Dann aber sind meine Eltern aus dem Steirischen gekommen, und meine Mama, die alles andere als eine leidenschaftliche Köchin, geschweige denn Zuckerbäckerin ist, balanciert überraschend ein Backblech in meine Stube. Lachend zieht sie die Alu-Schutzfolie ab und hält uns Kindern eine Eigenkreation unter die Nase, die so liebenswert-humorvoll war, dass ich echt laut lachen musste: sie hat einen Ölkuchen gebaut mit dunkelrosa Waldbeeren-Creme-Fülle inklusive saftiger Fruchtstückchen, und belegt war das ganze dann akkurat mit einer Leibniz-Schokokeks-Phalanx.
Dieses dreifärbige, tatsächlich überaus genießbare Dessert war schlichtweg sympathisch. Weil sich jemand was einfallen hat lassen, um Menschen, die man mag, zu überraschen, ihnen eine Freude zu machen.
Später am Abend war ich eingeladen zu einem Exklusiv-Vorab-Konzert der steirischen Band Mika, die anlässlich ihres zweiten Longplayers "right place, right time" ein Schüppchen von Freunden und Bekannten in die Kellerbar des Wiener Lokals Wirr gebeten haben. Normalerweise sind Platten-Release-Parties eher was Unangenehmes, weil sich bei diesen Events in der Regel Menschen sehen lassen, die nur auftauchen, weil sie gesehen werden wollen. Weil sie halt zu dieser komischen Szene gehören oder dazugehören wollen oder was auch immer. Da rulet die Coolness, da regiert der Zynismus, da spielt man Elite. Das mag ich gar nicht.
Mika mag man eben
Die Mika-Party war das alles aber nicht. Die Mika-Party war wie der Kuchen Marke Eigenkreation, den meine Mama mir mitgebracht hat: sympathisch. Das liegt zuallererst an den kreativen Mika-Köpfen Matthias Kertal und Simon Nola, denen abgehobenes Musikmenschentum völlig fremd ist. Die Burschen sind ehrlich herzlich, haben eine überaus reizende Potscherthaftigkeit fern aller "Ich mach Kunst"-Poserei an sich und wollen einfach nur Sachen machen, die sie leiwand finden. Und das überträgt sich aufs Publikum.
Ziemlich leiwand ist die Idee, ein Kopfhörer-Konzert zu veranstalten. Ich weiß jetzt nicht, ob die Idee dazu originär von den Mikas kommt oder vom Konzepteerfinder Oliver Hangl, der diverse Parties und Kunstsachen organisiert und auch produziert. Is auch egal.
Die Band umrundet Oliver Hangl
Das Kopfhörer-Konzert jedenfalls. Gegen Hinterlegung eines Lichtbildausweises haben wir am Eingang von den Gastgebern persönlich einen Funkkopfhörer in die Hand gedrückt bekommen. Die Bedienung des Geräts ist eine simple: Man kann sich mittels Tuning-Rädchen aus zwei Kanälen den gewünschten Sound drehen, zum einen den DJ-Kanal (Andreas Ederer bzw. Rainer Klang), zum anderen den On-Stage-Kanal. Die Musik passiert also nur im Kopfhörer. Das Lokal selbst wird nicht beschallt, die nackte Geräuschkulisse puzzlet sich zusammen aus dem Brummen der Belüftungsanlage und der Kühlgeräte sowie dem verhaltenen Quatschen der Gäste, die sich mit dieser ungewohnten Ausgeh-Atmosphäre noch anfreunden mussten: kein gegenseitiges Ins-Ohr-Schreien, wie das sonst in Clubs gezwungenermaßen der Fall ist - also auch kein Weitertransportieren irgendwelcher Klatschgeschichten oder Lästereien, da es nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass das ganze Lokal grad mithört (hehehe...).
verzichten auf
Statt der üblichen Partyhektik hat sich ziemlich schnell eine sanfte Wolke der andächtigen Freundlichkeit verbreitet. Ein paar saßen mit aufgesetzten Kopfhörern da und beobachteten tranceartig das Geschehen und schienen einen eigenen Film im Kopf zu drehen, die anderen plauderten, aber alles wartete eigentlich gespannt auf das Konzert und wie sich das wohl anhören, anfühlen würde.
Auf der kleinen Wirr-Bühne waren von links nach rechts das Trigger Drums-Set von Rainer Binder Krieglstein, Keyboards, Drumcomputer, Bassgitarre und Mikro von Simon, das Mikrophon der Sängerin Lea Sonnek sowie PC und anderes Gerät von Matthias aufgebaut. Da der Sound von allen Instrumenten elektrisch abgenommen wurde und ohne Verstärker direkt ins Mischpult ging, hat man ohne Kopfhörer quasi eine pantomimische Performance gesehen, mit Kopfhörer eben den perfekten Konzertton. So suchte sich der Mika-Sound unmittelbar den Weg in den Publikumskörper.
Rainer Binder Krieglstein an den Drums
Was zur Folge hatte, dass man mit seiner Aufmerksamkeit alleine gelassen wurde - und das ist gut so, denn Ablenkung durch Tratschereien - geht nicht. Die Verbindung von Band zu Publikum war einmalig, man konnte sich die Lautstärke, mit der die gefühlvollen Electronica-Soul-Songs die Nervenstränge zu zarter Erregung verführten, selbst aussuchen (für Menschen mit empfindlicher Ohrmuschel wie mich paradiesische Zustände) und man fühlte sich ein bisschen so, als würde man mit dem Walkman im Wohnzimmer sitzen, wo zufällig eine Liveband vorm Bücherregal steht.
Danke an Christian Davidek für die Party-Fotos!
Konsumempfehlung
"right place, right time" von Mika erscheint am 13.10. bei Klein Records. Mika live (leider ohne Kopfhörer) beim FM4 Fest in München am 11.10.2003. Watch out for weitere Kopfhörerkonzert-Termine!