Wien | 1.11.2003 | 11:13 Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.
Mit fallendem, karamelbonbonfarbenen Herbstlaub, das einen unbeschwerten Sommer unmissverständlich beendet und schon mal eine Vorschau auf die pfeifende Kälte des Winters gibt, beginnt Gus Van Sants High School-Zeitlupe "Elephant".
"I'm in trouble now."
Gehaltvolle High School-Kids mit Print-Motiv-T-Shirts, die Silhouetten weichzeichnend über dem Bund der Baggy Pants getragen werden. Herausgewachsene Frisuren, die sich auf der Kapuze des Sweaters niederlassen. Das oben erwähnte karamellisierte Laub bewegt sich im Takt zu Beethovens Mondscheinsonate.
Eine in Augenhöhe schwebende Kamera verfolgt (und wenn ich schreibe verfolgt, dann meine ich verfolgt) die Kids in Zeitlupe beim In-die-Schule-Trotten, beim Sport im Park. Meist sieht man nur Rücken und Hinterköpfe, die auf ein Ziel zuschreiten, das die Kamera noch nicht ausgemacht hat für uns. Sie nimmt nichts vorweg, sie nach-erzählt.
John Robins
What lies beneath
Gus Van Sant erzählt von einem normalen, gänzlich unaufregenden Tag an einer amerikanischen High School, der in einem Blutbad endet, als zwei Schüler bis zu den Zähnen bewaffnet in Military-Kleidung ins Gebäude marschieren und nach streng beschlossenem Plan Mitschüler und Lehrkörper ausradieren.
Man erahnt den ganzen Film über, was am Ende passieren wird, deutet Zeichen, Gesten. Man weiß allerdings lange nicht, wer Opfer wird, wer verschont bleibt, wer flüchten kann.
Nathan Tyson
Die Wege der zwölf in den Fokus genommenen Schüler überschneiden sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich: In langen, langsamen Einstellungen, die mehr an perfekt konzeptionierte Fotografien als an bewegte Bilder erinnern, folgt die Kamera den Kids und an den Schnittpunkten sieht man dasselbe Geschehen aus verschiedenen Perspektiven.
Im vergangenen Jahr zog Michael Moores Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" über das Massaker an der Columbine Hign School in Littleton viel Aufmerksamkeit auf sich, und hat die Diskussion um Gewalt an Schulen, insbesondere amerikanischen angeregt.
Nun erzählt uns Gus Van Sant mit dem vom US-Kabelsender HBO produzierten "Elephant" seine Spielfilmversion desselben Themas. Die Rollen der Jugendlichen sind nicht mit Schauspielern, sondern mit wirklichen Schülern besetzt.
Gus Van Sants Filme zeichnet ein von Empathie getragenes Interesse für Jugendliche und Außenseiter aus, das er in so unterschiedlichen Filmen wie "My Own Private Idaho", "Drugstore Cowboy" oder "Good Will Hunting" ausgedrückt hat.
Gus Van Sant
Zwischen 1997 und 1999 waren amerikanische Schulen achtmal Schauplatz tödlicher Amokläufe von Schülern. Van Sant kam der Gedanke, das Thema in einem Film zu verarbeiten, "um sich die Sache genauer anzuschauen", wie er es im Presseheft zu "Elephant" formuliert. "Es gab so viele Schießereien an amerikanischen Schulen wie noch nie. Ich wollte einen Film machen, der zu vermitteln versucht, in welcher Atmosphäre die Kids damals zur Schule gingen."
Alex Frost
Sophisticated "Kids" mit tragischem Hintergrund
Die in Cannes mit der Goldenen Palme prämierte High School-Zeitlupe "Elephant" hat nicht den Anspruch, das Rätsel der Gewalt an Schulen zu lösen. "Wir wollten nichts erklären", bestätigt Van Sant: "Sobald man eine Sache erklärt, fallen fünf andere Möglichkeiten dadurch unter den Tisch, dass man es auf diese eine Art erklärt hat. Außerdem stellte sich auch noch die Frage, wie man für etwas eine Erklärung findet, für das es nicht unbedingt eine gibt."
Trotzdem - und das ist auch schon der einzige, wenngleich auch nicht der kleinste Abzugspunkt - tappt Gus Van Sant dann doch in die "Erklärungsfalle" und lässt das Amokläufer-Brüderpaar Waffen im Versandhauskatalog bestellen, Hitler-Dokus schauen und an Erziehung wenig interessierte Eltern haben.
Carrie Finklea
Dennoch:
"Elephant" ist spannend wie ein Thriller, sanft und hintergründig wie karamelbonbonfarbenes Laub und schmerzhaft wie das Leben selbst. Eine Empfehlung.
"Elephant" läuft ab 31. Oktober im Wiener Gartenbau Kino täglich um 18:30, 20:15, 22:00 Uhr in Originalfassung mit deutschen Untertiteln.