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Wien | 8.12.2003 | 19:25 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Er soll nicht mehr sein.
  Als ich heute Nachmittag beim drögen Feiertagsprogramm weggedöst bin, war die Welt noch in Ordnung. Als ich ein paar Viertelstündchen später mit der Fernbedienung in der Hand aufgewacht bin, reflexartig und schlaftrunken die Kanäle durchgetippt habe, hat mir ein Satz im ZDF den Schlaf binnen Millisekunden aus den Augen getrieben: Die Harald Schmidt Show wird mit Ende des Jahres eingestellt.
 
 
  Das ist eine Horrormeldung sondergleichen. Der letzte Aufrechte, dieser Gigant des Late Night - ach was - des deutschsprachigen Fernsehens überhaupt, der soll nicht mehr sein. Und sofort mache ich mir Vorwürfe: Acht Jahre lang habe ich nun Zeit gehabt, mich in einen deppaten Zug nach Köln zu setzen, um einmal bei der Show vor Ort dabei sein zu können. Ein Herzenswunsch ist das von mir, den ich mir selber jedes Jahr zum Geburtstag schenke, heimlich, und dann doch nie einlöse, ich Depp, ich.
Ihn am Bildschirm sehen, zuerst vier Mal die Woche, und nun seit einiger Zeit fünf Mal die Woche, das war die Krönung des Tages. Das war Pflichtprogramm. Gut, jeden Tag ist man natürlich nicht zu Hause um 23:15, aber wenn, dann, poah, dann war das pures Glücksgefühl, you're at home, baby.

 
 
Einer, der immer Recht hat.
  Dieser hervorragend angezogene, intelligenteste Fernsehmann mit den schönsten Männerhänden der Welt, der einmal, als er angefangen hat, ein wirklicher Krampn mit dicker Brille war, dem soll ich nun nicht mehr lauschen dürfen, wenn er mit seinem biederen "Ich weiß das besser"-Schulbuben Andrack den Schleim des Tages seziert und immer klar zu verstehen gibt, wer der Boss in der Arena ist, und warum - andere Gewichtsklasse. Dieser große deutsche Entertainer hat aus einem komplett aus dem Amerikanischen kopierten Format seine persönliche Insel gemacht, seinen Flecken Erde, auf dem er tut was er will, wo er sich kein Blatt vor den Mund nehmen braucht, niemandem schön reden muss und die eklige, opportunistische Lügen-und Schönmacherhaut des Quoten-TV bewusst abgestriffen hat.
Er nicht. Nur er.

 S.
 
 
  Egal, ob nun der neue, beinhart kalkulierende ProSiebenSat1-Eigentümer die Show als zu teuer/zu unrentabel eingestuft und einfach gekickt hat, weil so einer nix von Prestige zu halten braucht, egal, ob Schmidt den Hut drauf haut, weil sein Haberer gefeuert wurde, mit dem er`s sich fein arrangiert hat in der nicht mehr schweinsrosafetten deutschen Fernsehlanschaft, egal, ob el Cheffe tatsächlich "eine kreative Pause" nach acht Jahren Bildschirmpräsenz braucht (kokettiert hat er ja immer wieder damit) - wurscht, was der Grund des Verschwindens nun letztendlich sein wird: Ich bin tieftraurig. Eine Möglichkeit weniger, täglich eine knappe Stunde herzhaft zu lachen, "mhm" grummelnd zu nicken, verstört aus dem Halbschlaf wieder aufzuwachen, weil der Lieblingsmensch neben mir mit der flachen Hand vor Begeisterung auf die Matratze drischt, "des musst dir anschauen".
 
 
 
  Ich überleg die ganze Zeit schon, was es denn so an legendären Sendungsinhalten so alles gab, bin noch zu schockiert, um meine Gedanken zu ordnen, dauernd seh ich die Sendung vor mir, wo Schmidt auf dem neu verlegten roten Boden herumgekrochen ist und sich ekstatisch gewunden hat, ich seh die Fahrt auf dem Rhein vor mir, diese großartigen vier Stunden Fernsehen, die Suzanna fällt mir ein, die ich nie mögen hab, weil sie sich bei jeder Gelegenheit an den Harald ranschmeißt, ach ja, die Peymann-Stuckrad-Barre-Theater-Sendung, die hab ich sogar noch irgendwo auf Video, seine mit Leidenschaft zelebrierte hypochondrische Qual, egal, da gibt's hunderte Beispiele seiner spielerischen Rettung vor der Langeweile, hunderte Beispiele an genialen Sendungsminuten des zynischen Gesellschaftskritikers, powered by emotion. Ein kluger Senderchef würd jetzt zuschlagen, sofort.
"Ich find mich prima", zitiert der Spiegel den Harald. Ich dich auch.

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