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Wien | 11.4.2004 | 10:17 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Lesestoff: Thomas Glavinic - 'Wie man leben soll'
 
 
 
 
Jeder ist normal.
  Der 32-jährige Autor Thomas Glavinic hat mit der Figur des Karl "Charlie" Kolostrum einen Anti-Helden erschaffen, der total normal durch die Katastrophenserie namens Adoleszenz wankt.

"Wie man leben soll" heißt dieses bereits vierte Buch des Steirers Glavinic und ist - Achtung! Lobeshymne! - ein zum laut schallend Lachen komischer, stilistisch bravourös und konsequent verfasster Roman. Thomas Glavinic schreibt nach einem klaren ästhetischen Motto: "Der Inhalt bestimmt die Form".

"Wie man leben soll" - ein satirischer, melancholieumwehter Entwicklungsroman, den ich gaaaanz langsam gelesen habe, nur um ja nicht zu rapide den letzten der insgesamt 239 Seiten entgegenzublättern.

 Der Autor
 
 
Bis du ihn kennenlernst.
  Karl "Charlie" Kolostrum ist mit 120 kg der dickste Schüler der Klasse, hat ein dem Alkohol verfallenes Flitscherl als Mutter, nervig-betuliche Verwandte und keinen Plan fürs Leben. Trotzdem bzw. deshalb erlebt er eine relativ normale, österreichische Pubertät in den 80er Jahren, inklusive Inititationsriten wie Alkoholmissbrauch, Geschlechtsverkehr und Rock'n'Roll. Diese jene Pubertät mündet in einer ebenso durchschnittlichen wie unspektakulären Studenten- und Twentysomething-Ära. Charlie, der laut Persönlichkeitstest ein 87%iger Sitzer ist, schafft die aktive Gestaltung des eigenen Daseins nicht, sammelt Ratgeberbücher und Fettnäpfchen, "verschuldet" unabsichtlich den Tod dreier Menschen und landet schließlich in einer ORF-Nachmittagstalkshow.

Hier Auszüge aus dem Buch "Wie man leben soll" sowie Auszüge aus meinem Interview mit Thomas Glavinic.

 
 
  Wie kommt man auf die Idee, seinen Romanhelden nach der medizinischen Bezeichnung für die mütterliche Vormilch, nämlich Kolostrum, zu taufen?

Wenn man gerade dabei ist, Vater zu werden, kommt man auf solche Ideen. Aber du bist die erste, die da drauf kommt. Das hat noch niemand erkannt, dass Kolostrum die Vormilch ist. Das weiß offensichtlich keiner.
 
 
 
  Wohin geht denn die Deutung des Nachnamens deiner Romanfigur?

Koloss und Monstrum. Find ich durchaus sympathisch und originell und kreativ, aber so war es nicht gemeint.
 
 
 
  "Merke: Wenn man Gelegenheit findet, eine Partnerschaft einzugehen, sollte man sie nützen. Es ist gut für die Hormone, die Lebenserfahrung und den Ruf."
 
 
 
  Der Charlie Kolostrum verlebt in den 80er Jahren seine Pubertät, ist ziemlich dick und hat trotz seiner trägen Persönlichkeit immer ein Mädl.

Mit wem man geht, ist ja eher eine Frage der Gelegenheit und nicht der Wünsche. Er ist ja selten mit den Frauen zusammen, die er sich wünscht.
 
 
 
  "Zweifelhafte Gazetten verbilden Jugendliche und treiben sie scharenweise den Psychoanalytikern in die Arme. Entgegen deren Informationen schätzen es Mädchen nämlich unter bestimmten Umständen, an den Geschlechtsteilen befummelt zu werden, so sehr die Kirche und der bärtige Schularzt, dessen Atem nach Marillenlikör riecht, einem das ausreden wollen. Gottlob sind Neugier und Natur stärker als alle zusammen."

 
 
  Aber das ist ja in der Pubertät niemand, oder? Wer ist denn tatsächlich mit dem Menschen zusammen, mit dem man sich gerne im Spiegel zusammen sehen würde?

Ja, das ist der Punkt - das hat mich auch gereizt. Mir ist so etwas gottseidank selten passiert, dass ich gezwungen war, zum Nächstliegenden zu greifen. Aber so was soll öfter vorkommen.
 
 
 
  "Merke: Zuweilen spielen Lebenshilfebücher miteinander 'Schere, Stein, Papier.'"

 
 
  Was den Charlie Kolostrum aber besonders macht - für mich zumindest - ist sein exzessiver Konsum von Ratgeberliteratur. Er liest Lebenshilfebücher wie "So mache ich mir Freunde" oder "So komme ich nach oben" oder "Die große Geschichte der Rockmusik, psychologisch betrachtet". Der Charlie lebt, bzw. versucht so zu leben, wie man leben soll.
 
 
 
  Ja, das ist etwas, was in unserer Generation weit verbreitet ist. Ich kann mich erinnern, meine ganze Schulklasse ist von unserem Deutschlehrer gequält worden mit einem Buch des Titels "Ich bin okay - du bist okay". Ich weiß nicht, wann dieser Lebenshilfe-Wahn angefangen hat - aber Ratgeberliteratur ist eigentlich etwas Grässliches. Die lügt uns etwas vor. Und zwar exzessiv. Es ist natürlich nicht erlernbar, sich sympathischer zu machen, und ich werd auch nicht in einem Buch lernen können, wie ich mir Freunde mache - das ist natürlich unmöglich. Darauf wollte ich ein wenig hinpecken. Aber es ist nicht die Hauptintention des Romans gewesen.

 noch mal: Der Autor
 
 
  "Merke: Wenn man dasitzt und hasst, sollte man daran denken, dass Jugend und Abhängigkeit eines Tages ein Ende haben werden."
 
 
 
  Du selbst aus deinem Leben kennst keine Situation, keine Krise, die dich ins nächste Buchgeschäft gezogen hat, wo du dir therapeutischen Rat aus einem Buch geholt hast? Von einem Experten in Druckerschwärze?

So ganz abstreiten kann ich das nicht... ich hab mir zum Beispiel das Rauchen mit Allen Carrs "Endlich Nichtraucher!" abgewöhnt. Aber ansonsten war es bei mir immer eher die Belletristik, die mir in schrecklichen Lebenssituationen Halt gegeben hat. Ratgeberliteratur hat mich nie interessiert.
 
 
 
  Du hast kein Buch zu Hause, von einem Guru oder einem Diätspezialisten...

Diät? Ganz im Gegenteil! Ich hab dermaßen stark geraucht, dass ich erst, nachdem ich aufgehört hatte zu rauchen, endlich, endlich zunehmen konnte! Ich habe eher nach einem Buch gesucht "Wie nimmt man dazu" - aber solche Bücher gibt es nicht! Es ist halt eine zweifelhafte Angelegenheit, weil in Ratgeberbüchern suggeriert wird, dass alle Menschen gleich sind und jeder imstande ist, die gleichen Dinge zu tun. Aber das stimmt eben nicht. So einfach sind die Menschen nicht gestrickt. Gottseidank, muss man sagen.
 
 
 
  In "Wie man leben soll" gibt es kein Personalpronomen für den Charlie, sondern ausschließlich das unbestimmte Fürwort "man". Was war da dein Hintergedanke?

Ich wollte mir einmal den Spaß machen, eine Geschichte in der man-Form zu erzählen, weil Ratgeberbücher mit diesem Stilmittel arbeiten. Zugleich suggeriert diese Form, dass ein Individuum Allgemeingültigkeit erlangen kann, was ja nicht stimmt. Das ist ja der Scherz daran.
 
 
 
  Jetzt ist mir ein Thema eingefallen, zu dem du garantiert ein Ratgeberbuch zu Hause im Bücherschrank stehen hast: und zwar Schwangerschaft und Geburt.

Ja, stimmt. Das Zeug hab ich mir sogar kistenweise angeschafft, als meine Frau schwanger wurde. Die sind aber auch wirklich notwendig.
 
 
 
  Warum grade beim natürlichsten Thema der Welt? Warum schafft sich jeder, wenn's ans Kinder Kriegen geht, tonnenweise Lehrmaterial an?

Das hat sehr rationale Gründe. Denn man wird nämlich in dem Moment, in dem man der Verwandtschaft und der Bekanntschaft mitteilt, dass Nachwuchs erwartet wird, mit Ratschlägen zugeschüttet. Und die sind zum Teil wirklich fragwürdiger Natur. Da möchte man sich aufklären! Da will man wissen, was stimmt denn nun? Ist es wirklich notwendig, dass das Baby einen halben Liter Wasser am Tag trinkt? Man wird terrorisiert mit Ratschlägen, die man überhaupt nicht verlangt hat und da muss man sich auf einen Standpunkt zurückziehen können, um eventuell mit einem schlauen Buch wedelnd zu sagen "Bittschön, da steht ganz was anderes drin!" Ich habe mit diesen Büchern - das gebe ich zu - bessere Erfahrungen gemacht als mit Ratschlägen alternder Verwandter.
 
 
 
  Und was lernen wir aus dem Ganzen? Auf die innere Stimme hören!

Selbstverständlich. Das isses. Man muss sich dessen bewusst sein, dass man selbst der einzige ist, der seine Entscheidungen treffen kann, die man halt zu treffen hat. Erwachsen sein bedeutet eben nicht, freie Entscheidungen treffen zu dürfen, sondern zu müssen.
 
 
 
  "Merke: Wenn man abergläubisch ist, beruhigt es ungemein, wenn man inneren Stimmen nachgeht."

 
 
Lesestoff und Lesungen
  "Wie man leben soll" von Thomas Glavinic ist im Verlag dtv in der Reihe premium erschienen und kostet 14,40 .
Der Autor liest am 19. April 2004 in der Buchhandlung Leporello (Liechtensteinstraße 17, 1090 Wien), am 20. April in Villach in der Buchhandlung Amadeus (Hauptplatz 4), am 22. April in Berlin im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Linienstraße 227) und am 26. April in München in der Muffathalle (Zellstraße 4).
 
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