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Wien | 14.12.2005 | 15:50 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Alles ist erleuchtet
  "Es wird immer schwieriger, zwischen einem zauberhaften Buch und dem Zauber, der um ein Buch gemacht wird, zu unterscheiden." So hat der Rezensent Hubert Winkels der Hamburger Qualitätszeitung Die Zeit im Frühling 2003 das Dilemma des zeitgenössischen Literaturbetriebs beschrieben, als wieder einmal eine mediale Begeisterungswelle über den großen Teich geschwappt ist. Auf dieser Welle trieb das Debüt des damals 25jährigen Autors Jonathan Safran Foer. Titel: "Alles ist erleuchtet". Die Zutaten des Romans: 3 Erzählebenen, der Holocaust, die Sehnsucht der jüdischen Enkel nach der Herkunft der Familie, eine erfundene Ukraine des 18. Jahrhunderts, ein Briefwechsel und ein schreiend komisches Talent für verballhornte Sprache.
Als die Nachricht kam, Foers Roman würde von Hollywood, namentlich den Warner Brothers Studios verfilmt, noch dazu von Liev Schreiber, einem Schauspieler und Regiedebütanten - da war der Aufschrei groß. Unverfilmbar sei das Buch! Und wer's gelesen hat, der musste dieser Diagnose bedingt zustimmen.
 
 
Anekdoten, Beziehungen, Erinnerungen
  Die Geschichte der Romanverfilmung "Alles ist erleuchtet" ist eine Geschichte von Anekdoten, Beziehungen und Erinnerungen. Die Erzählebenen, die sich im Folgenden ineinander verschlingen, heißen Jonathan Safran Foer, Liev Schreiber, Elijah Wood und Eugene Hütz.
 
 
 
 
 
  Der Jonathan aus dem Film ist der Jonathan aus dem Buch ist der junge Autor Jonathan Safran Foer. Foer ist Absolvent der amerikanischen Elite-Uni Princeton, Philosophie und Literatur waren seine Studienfächer, und als vor drei Jahren sein Debütroman "Alles ist erleuchtet" in den USA erschien, setzte man ihn sogleich neben Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen aufs Sofa. Dass bei diesen fast schon unmenschlichen Belobigungsarien dieser junge Mann es überhaupt fertig gebracht, sich hinzusetzen und einen zweiten Roman zu schreiben...aber das ist ein anderes Thema.

 Elijah Wood und Eugene Hütz
 
 
  Der Buchprotagonist Jonathan also unternimmt die sehr harte Suche nach den Wurzeln seiner Familie mit einem jungen Mann aus Odessa namens Alex, der als Dolmetscher fungiert und den der Autor Foer mit ungebändigter Fantasie und dem Talent zur Verballhornung von Sprache ausstattet.
"Ich bin hundertprozentig groß. Ich kenne keine Frauen, die größer sind als ich. Die Frauen, die ich kenne, die größer sind als ich, sind Lesben, für die 1969 ein sehr tragweites Jahr war. Ich habe gutaussehendes Haar, das in der Mitte durchgeteilt ist. Das liegt daran, dass Mutter es an der Seite durchgeteilt hat, als ich ein Junge war, und um sie zu nerven, habe ich es in der Mitte durchgeteilt. "Alexi-nerv-mich-nicht", sagte sie, "wenn du dein Haar so durchteilst, siehst du aus wie einer, der geistig nicht in der Mitte ist."
 
 
 
Sprachliche Schieflagen
  "Alles ist erleuchtet" ist von diesen sprachlichen Schieflagen geprägt. Foer hat tatsächlich eine Reise in die Ukraine unternommen, die ihn auf die Spur seiner jüdischen Vorfahren bringen sollte und nach eigenen Angaben gescheitert ist.
Nicht nur einmal wurde dem Roman "Road-Movie-Qualität" bescheinigt. Movie, also Film, hier also taucht in unserer Erzählung zum ersten Mal der auf Nebenrollen abonnierte Schauspieler Liev Schreiber ("Scream" 1-3, "The Sum of all Fears", "The Manchurian Candidate") auf. Der 1967 in San Francisco geborene Schreiber hat nämlich ebenso wie Autor Foer einen jüdisch-ukrainischen Großvater, der den Holocaust überlebte. Und wie Foer wollte auch Liev Schreiber seine eigene biographische Leerstelle erkunden. Er begann Geschichten über seinen mittlerweile verstorbenen Großvater und die Ukraine zu schreiben, und als er ein Exzerpt von "Alles ist erleuchtet" im "New Yorker" las, begann in ihm eine Saite zu schwingen.

 Schauspieler/Regisseur Liev Schreiber
 
 
  Wer ein Buch liest, fährt ja meistens seinen eigenen Film im Kopf dazu. Man überträgt Beschreibungen von Schauplätzen in Bilder im Kopf, und man hat - wenn schon kein konkretes Bild, dann zumindest eine Ahnung davon, wie die handelnden Personen aussehen könnten. Als sich der Regiedebütant Liev Schreiber Gedanken machte, wer denn in seiner Romanadaption den Jonathan spielen könnte, entwickelte sich vor seinem geistigen Auge das Abbild des Elijah Wood: "I had always seen Jonathan in both literally and figuratively as the kind of eyes of the movie. And I just really couldn't think of anybody in show business with better eyes than Elijah Wood."
 
 
 
Froschauge meets GypsyPunkBand
  Nun muss sich also der Zuschauer zu einem Gutteil des Films mit bergseeblauen Froschaugen hinter Brillengläsern von der Dimension handelsüblicher Aschenbecher arrangieren. Der 25jährige Elijah Wood, Ex-Kinderstar und mittlerweile schwerreicher Ex-Frodo hat nicht nur ein Herz für Independent-Filme, er liebt auch deren Pendants in der Musik. Elijah, der angeblich immer noch bei seiner Mama wohnt, besitzt mehrere tausend Tonträger, ist großer Billy Corgan-Fan und hat doch tatsächlich heuer ein Plattenlabel gegründet. In dieser seiner neuen Funktion ist er in New York auf die Band Gogol Bordello aufmerksam geworden. Gogol Bordello ist die Band eines gewissen Eugene Hütz, eines gebürtigen Ukrainers.

 
 
  In den neunziger Jahren verschlug es Eugene Hütz nach Aufenthalten in Italien, Österreich, Ungarn und Polen schließlich nach New York. Hütz hatte die Vision, die Musik seiner Heimat mit der Energie des Punk und der Strahlkraft osteuropäischer Wanderzirkusse zu verbinden. Vor sechs Jahren gründete er die Gypsy-Punk-Band Gogol Bordello und niemand geringerer als Elijah Wood schließlich - großer Gogol Bordello-Fan - macht Eugene Hütz auf die Verfilmung von Jonathan Safran Foers Roman aufmerksam - und so landete der Sänger als Schauspieler im Film. Und stiehlt dem gelernten Schauspieler und Hollywoodstar Elijah Wood durchaus die Schau.
 
 
 
  Um wieder auf den Film zurückzukommen: Liev Schreiber hat das Nötigste aus der Romanvorlage destilliert und die drei Erzählebenen zu einer verdichtet. Man braucht das Buch weder um den Film zu verstehen noch ihn zu genießen. Der Film ist auf seine Art ein Original. "Alles ist erleuchtet" ist ein Road-Movie, das derb und laut und lustig beginnt, Osteuropa und seine Überlebenskünstler als irrwitzigen Themenpark wahrnimmt und schließlich immer drückender, ernster wird. Bis es zum herzerschütternden Finale kommt und die erstaunliche Geschichte zweier Familien zutage tritt.

 
 
"A lot of creative liberties"
  Spürbar ist die enge biographische Verbundenheit des Neo-Regisseurs Schreiber zum Thema und die Liebe zu Jonathan Safran Foers Erzählcoup. Kein Geniestreich, aber "Alles ist erleuchtet" gehört definitiv zu den Filmen, die erst ein, zwei Tage nach der Betrachtung ihre Wirkung entfalten.
Und wie reagiert der Autor selbst auf die Verfilmung? "It diverges quite far from the book, and Liev took a lot of creative liberties, because what he was trying to do was not translate something from one medium into another but really create his own expression using this as a springboard which I think is exactly the right way to do it."
Diplomatie ist auch eine Kunst.

 L´auteur Jonathan Safran Foer
 
 
  "Alles ist erleuchtet" ist ab 16. Dezember 2005 in den Kinos.
 
 
 
Lesestoff
  Mathiaz über "Alles ist erleuchtet"

Riem Higazi über "Extremely Loud and Incredibly Close" von Jonathan Safran Foer
 
 
 
Gogol Bordello Live
  mit Throw Rag und Scotch Greens

16.12. Szene Wien
17.12. PPC, Graz
22.12. Muffathalle, München

Andreas Grünewald über den Auftritt in Wien
 
 
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