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Wien | 20.4.2007 | 14:23 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Stoffwechsel
  Das Timing könnte nicht besser sein: Während ganz Europa und der Rest der Welt Tag und Nacht darüber debattiert, wie die Erderwärmung wenn nicht rückgängig, so zumindest abgemildert werden könnte, veröffentlichen die beiden Popliteraten und Besuchsschriftsteller Ingo Niermann (Der Effekt, Umbauland) und Christian Kracht (Faserland, 1979) einen 80seitigen Beitrag mit diametral zum akuten Diskurs gesetzter Stoßrichtung, der den Klimawandel und anderlei kosmische Verstrickungen aus einer alternativen Perspektive beleuchtet.
In ihrer genreübergreifenden Thesen-Fakten-und-Fantasiensammlung "Metan" (ohne h!) eröffnen uns die beiden, dass wir Menschen unter Kontrolle eines Machtsystems von einzigartiger Ausdehnung stehen: dem Methan (mit h!).

 
 
"Viele glauben, wir seien wahnsinnig geworden."
  "Wir haben unsere Karrieren aufs Spiel gesetzt mit diesem Buch", unterstreicht Ingo Niermann gleich zu Beginn unseres Gesprächs, dass es bei diesem Projekt ums nackte Überleben geht. "Viele glauben, wir machen uns total lächerlich oder meinen, wir seien wahnsinnig geworden. Aber wir wussten, wir müssen diesen Weg gehen."
 
 
 
  Okay, spielen wir das Spiel mal mit: Zwei Autoren, beide am Ende ihres vierten Lebensjahrzehnts und trotzdem mit dem blitzenden Schelm einer Maturantenbande im Blick, sitzen mir gegenüber in der Lobby des Berliner Hotel Ritz Carlton. Sie haben letzten Sommer den Kilimanjaro erklommen und sind dort, so erzählen sie, eines Menschen gewahr geworden, der kein Mensch ist, sondern aus einer menschenähnlichen Hülle besteht, die mit Methangas gefüllt ist. Dieser Mensch, der sich Commander J nennt und so was wie der Visumaussteller aller Kilimandscharo-Bergfexe ist, ist Teil des weltumspannenden Metangetüms.
So lautet die These der Autoren Ingo Niermann und Christian Kracht, die sie in "Metan" der Welt darbringen. "Metan" ist nicht nur der erste Teil einer Trilogie ist, sondern trägt auch den Untertitel: "Die unglaubliche Wahrheit über den Klimawandel", denn wie Niermann betont, würden er und Kracht zum ersten Mal überhaupt die Wahrheit über das Methangetüm enthüllen, und wer weiß, vielleicht blieb diese aus gutem Grund so lange verborgen.
 
 
 
"Wir können nichts dagegen tun".
  Die vom Metangetüm gelenkte Wahrheit, wie sie die Menschheit angesichts der zur Zeit tobenden globalen Klimaschutzdebatte nicht erwartet hätte, lautet kurz gesagt: Es ist total okay, dass sich die Erde erwärmt. Es ist nicht nur total okay, es ist außerdem unumgänglich, dass die Polkappen schmelzen, dass die Malediven ersäuft werden und dass Sibiriens Permafrostböden auftauen. CH4, so die chemische Formel des Gases, entweiche Rindern wie Schafen wie Säuglingen wie Pensionisten, kurzum jedem Lebewesen, das munter in die Atmosphäre furzt. Methan entweiche aber auch dem Marianengraben vor der Küste Japans, dem tiefsten Punkt unseres Planeten, auch über Sümpfen, Schlammvulkanen und Reisfeldern sei es zu finden, und Klimasünder wie die USA und China oder die Öl verfeuernde arabische Welt seien demnach die besten Freunde jenes Getüms, das nach Weltherrschaft strebe. Das Methan, das anaerobe, sauerstofflose Umgebung braucht, um sich reproduzieren zu lassen, sei sozusagen eine intelligente Lebensform, die schafft, was die grünen Marsmännchen bis dato noch nicht geschafft haben: die subtile Zerstörung unseres schönen blauen Planeten. Christian Kracht, mit dem gebotenen Fatalismus: "Wir können nichts dagegen tun. Weder wir noch die Menschheit."

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 Tetraederstruktur, Pyramide...wo hatten wir das gleich schon mal?
 
  Foto: Christian Kracht
Auf der Suche nach dem Metangetüm: Ingo Niermann und Christian Kracht im Gipfelcamp
 
 
Ein Machtsystem von einzigartiger Ausdehnung
  Wir hätten es also hier mit einer Verstrickung kosmischen Ausmaßes zu tun, schreiben Kracht und Niermann in ihrem Buch, das keinem literarischen Genre zuordenbar ist und irgendwo zwischen Science Fiction, Wissenschaftsthriller, Googleism, Bubenstreich und Verschwörungstheorie taumelt. Das fiese dabei ist: es macht einen Heidenspaß, den exorbitanten Auswuchs der beiden Verfechter einer alternativen Meinungskultur zu lesen.

"Vor 3,5 Milliarden Jahren war die Methankonzentration in der irdischen Atmosphäre tausendmal so hoch wie heute. Das Methan wurde durch Vulkanausbrüche aus der Erde geschleudert. Aus dem Methan entstand das Leben. Wie 1953 das berühmte Miller-Urey-Experiment zeigte, genügt es, an ein mit Methan, Ammoniak und Wasserdampf gefülltes Behältnis regelmäßig Stromschläge anzulegen, und es entstehen Aminosäuren - die Vorstufen irdischen Lebens. Schon nach einer Woche verwandeln sich 15 Prozent des Methans in organische Verbindungen. Das Methan opferte sich, damit wir wurden."
 
 
 
  "Warum", frage ich die beiden, "klingt euer Buch trotz der Fülle an Fakten wie eine Dichtung und nicht wie eine Wahrheit?"
"Weil die Wahrheit so unglaublich ist!" platzt es aus Ingo Niermann stolz heraus. "Die Wahrheit besteht ja aus den Schlüssen, die wir aus all dem Wissen gezogen haben, das längst vorhanden war. Auch viel, was uns beide lange bekannt war und bewegt hat, etwa Lyndon LaRouche oder die deutsche Kontinentalrakete, die in Zaire in den 70er Jahren entwickelt wurde. Aber wir konnten eben die Fragmente nie zusammenbringen."
Christian Kracht fügt an: "Im Zuge unserer Recherchen war es ein zwingender Weg, den wir beschreiben mussten. Wir konnten nicht anders gehen."
Ob sie es denn da nicht mit der Angst zu tun bekommen hätten, bohre ich nach, bei all der Unausweichlichkeit. "Wir haben in das Anlitz Gottes geblickt", antwortet Kracht ernst, "das natürlich weder weiblich noch männlich, sondern anorganisch ist. Wir haben keine Angst. Eine fürsorgliche Decke, die aus Methan besteht, ist über uns."
Für Niermann ist es auch wichtig, endlich von dem menschlichen Allmachtsgedanken wegzukommen, der Mensch allein sei für den Klimawandel verantwortlich. "Das ist doch maßlose Selbstüberschätzung!" Und Christian Kracht potenziert: "Hybris im höchsten Stadium!"
 
 
 
Gepflegte Privatmythologie
  Charmante Weltläufigkeit trifft auf haarsträubende und dennoch fast schon zwingende Logik. Christian Kracht und Ingo Niermann, die sich laut Eigendefinition wie Yin und Yang zueinander verhalten, üben sich in gepflegter Privatmythologie. Sie verweben ihre Überlegungen mit großem Spaß zu einem dramaturgischen Bogen, in dessen Rahmen Saddam Hussein genauso seinen Auftritt hat wie der ewige US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Lyndon LaRouche, die unsägliche Kelly Family, der Fashion Avantgardist Helmut Lang oder der deutsche Publizist Frank Schirrmacher.
Bei soviel geopolitischer Verschwörungs-, pardon Offenbarungsliteratur, bei derart gewitzter Ökoblasphemie ist der Grad zwischen Sektenprosa und Sektenprosaparodie ein schmaler.


 
 
 
  Ausbremsen kann man die beiden vom Sumpfgasgetüm erwählten Verkündiger mit einem schlichten Hinweis auf das Geschlechterverhältnis der im achtseitigen Register gelisteten Personen. Die einzige Frau, die in ihrem Buch vorkommt, ist eine namenlos bleibende amerikanische Bergsteigerin, die in einem Gipfelcamp voll furzender Kompagnons den profanen Satz von sich gibt: "Es stinkt". Sonst kommen in dieser kosmischen Verstrickung globalen Ausmaßes (wahlweise vice versa) keine Frauen vor.
"Das ist nun ja wirklich nicht unsere Schuld", weist Niermann alle Verantwortung von sich. "Denn es geht ja im Buch im Wesentlichen um die geopolitische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mal von Margaret Thatcher abgesehen fällt mir keine Frau ein, die maßgeblich verheerende Entwicklungen gesteuert hätte."
Christian Kracht verweist auf das Sequel: "Der zweite Teil der Trilogie "Metan" wird sich verstärkt um Queen Mum und die Queen selbst drehen."
Niermann: "Ja, das stimmt, auf einer zweiten Ebene, die aber eben wirklich erst in Teil 2 und Teil 3 kommt, wird man auch die Bedeutung von Frauen in der Weltgeschichte der letzten fünfzig Jahre erkennen können. Dafür ist es hier noch zu früh."
Well, well, dann lasset uns warten auf Teil 2 der Trilogie. God! Save the Queen.
 
 
 
  "Metan" von Christian Kracht und Ingo Niermann ist im Verlag Rogner und Bernhard erschienen.
 
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