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Wien | 18.6.2001 | 12:05 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
"In New York City gibt es acht Millionen verschiedene Geschichten zu erzählen. Dies war eine davon." (Schlusssatz in "Summer of Sam")
  Es ist die Hitze. Wenn in urbanen Ballungszentren die sommerlichen Temperaturen denen von finnischen Saunen gefährlich nahe kommen, drehen sie durch, die üblichen Verdächtigen, und auch jene, denen man es nie zugetraut hätte. Es ist die Hitze, die aus scheinbar braven Bürgern Bestien macht, wenn die Herdplatte Asphalt das Eiweiß im Körper zum Brutzeln bringt.


Im Sommer 1977 klettert die Quecksilbersäule in New York über die 100 Fahrenheit-Grenze. Über dem Big Apple brütet die größte Hitzewelle seit Jahrzehnten. Die Discoära feiert ihren Höhepunkt, gleichzeitig sorgen die ersten Punks für Aufsehen. Sowohl die Edeldisco "Studio 54" als auch der Punk-Schuppen "CBGBs" gelten in New York als begehrte Adressen, an deren "Velvet Rope" sich die glamourösen Auserwählten vom Fuß(abtreter)volk scheiden.
 
 
  Im Sommer 1977 begann außerdem ein großer schwarzer Hund zu sprechen: "Du musst töten! Du musst töten!" Der einzige, der das diabolische Kommando verstand, war ein dicklicher Mann namens David Berkowitz. Nachts streift er durch die Straßen und schießt wahllos in parkende Autos hinein, in denen schwitzige Körper kopulieren. Er hinterlässt Nachrichten, unterschrieben mit "Son of Sam", ein Name, den sich die Vietnam-Veteranen gaben und der eine Anspielung auf "Uncle Sam" darstellt. Sechs junge Menschen fielen dem Wahn von David Berkowitz zum Opfer, sieben wurden schwer verletzt. Die nervenzerfetzende Angst vor dem Serienkiller ließ die Emotionen überkochen. Fragile Beziehungsstrukturen wurden zerbrochen, neue Bündnisse wurden eingegangen, bis ganze Stadtteile hermetisch von selbsternannten Guardian Angels abgeriegelt waren.

(Der folgende Satz ist fürs Cineasten-Protokoll - ich möchte ihm jedoch keine größere Bedeutung umhängen, denn wenn, würde man indirekten Rassismus betreiben, finde ich:) Spike Lee hat zum ersten Mal einen Film gedreht, in dem die Black Community nicht vorkommt. (Warum auch nicht?!?)

Und noch etwas eher Unerwartetes, aber in weiterer Denkfolge zutiefst Logisches: Spike "Do the right thing" Lee verwendet ABBAs "S.O.S." als musikalischen roten Faden für "Summer of Sam" (="S.O.S.").
Die Gegensätze heißen hier nicht Schwarz und Weiß, sondern Disco und Punk, Treue und Verrat, Hetero und Homo, Italo-Immigranten gegen den Rest der Welt, katholische Gottesfürchtigkeit gegen den Sündenfall.

 
 
Katholische Doppelmoral vs. Vielweiberei / Frank Sinatra vs. The Who
  Vinnie (Joe Leguizamo) und Richie (Adrien Brody) sind zwei Buddies aus dem Italo-Viertel in der Bronx. Der Friseur Vinnie ist mit einer wunderschönen Frau, Dionna (Mira Sorvino), verheiratet, bloß hält ihn das nicht ab, seinem übermäßigen Sexualtrieb nachzugehen. Richie entdeckt gerade The Who, trägt Nieten-Hundehalsbänder, ein Union Jack umspannt seinen sehnigen Oberkörper. Sein Stiefvater hat ihn aus dem Haus gekickt, jetzt haust er in der Garage und übt die drei Akkorde, die ihn zum Punkrockstar machen werden.

Die Angst um das eigene Leben, gepaart mit der stechenden Hitze, lässt die Bewohner alert werden: wer könnte der Serienmörder sein? Die Polizei tappt im Dunkeln, man beobachtet sich gegenseitig, um eventuelle Absonderlichkeiten als Beweise für Mordlust dingfest zu machen. Als herauskommt, dass Richie, der Punk, in einem Schwulenlokal strippt, um sich finanziell über Wasser zu halten, schwappt der Wahnsinn über und eine üble Hetzjagd beginnt - während der wirkliche Son of Sam bereits sein nächstes Opfer ausspäht.

 
 
Zorniges Epos über Freundschaft, Verrat, Sex und Raserei
  Regisseur Spike Lee macht aus dem authentischen Hintergrund keinen spektakulären Thriller, sondern ein differenziertes Panorama Amerikas der 70er Jahre. Mühelos verknüpft Lee verschiedene Genres, ein Hauch von "Saturday Night Fever" weht über den letzten Atemzügen des "Taxi Driver". Spike Lee hat ein furioses, zorniges Epos inszeniert, über Freundschaft, Verrat, Sex, Raserei, Umbruch, Musik - und den urbanen Kosmos New York.

David Berkowitz, der Son of Sam, wurde im Sommer 1978 zu dreihundert Jahren Haft verurteilt und sitzt in einem New Yorker Gefängnis ein. Von dort aus ließ er verlautbaren, dass er Serienkiller für moralisch sehr bedenklich halte.
 
 
 
Gewinn Karten für die FM4 Kino-Premiere!
  Wir verlosen 5x2 Karten für die FM4 Kino-Premiere am Donnerstag, den 21. Juni um 20.30 Uhr im Wiener Votivkino unter denen, die uns folgende Frage richtig beantworten können:

In welchem Film, der ebenfalls in New York spielt, mordet ein Serienkiller "thematisch" nach den biblischen Todsünden? Und wie heißt der Schauspieler?
 
 
 
UPDATE: Die Karten sind weg
  Die Antwort: Se7en (Regie: David Fincher, 1995)
Kevin Spacey alias John Doe spielt den Serienkiller - gejagt wird er von zwei Detectives, Morgan Freeman und Brad Pitt.


Die Gewinner wurden per Mail verständigt.
 
 
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