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Wien | 8.11.2001 | 22:50 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Die RAF, Westdeutschland und die Nachwehen
  Die linksextreme Terrorgruppe Rote Armee Fraktion hat im März 1998 in einer achtseitigen Erklärung offiziell ihre Auflösung bekannt gegeben. Mehr als 25 Jahre lang haben vier Generationen der RAF gegen ein ihrer Ansicht nach autoritäres, kapitalistisches, faschistisches System rebelliert und die Bundesrepublik Deutschland mit Attentaten und Entführungen erschüttert. Der Staatsapparat reagierte restriktiv mit verschärften Haftbedingungen und führte die Rasterfahndung ein. Diese Jahre sind ein dunkles Kapitel deutscher Zeitgeschichte, das noch heute nachwirkt.
Popkulturelle Aufaufarbeitungen zum Thema gab es in letzter Zeit zuhauf: Jan Delay (Absolute Beginner) hat auf seinem Album "Searching for the Jan Soul Rebels" mit dem Song "Söhne Stammheims" RAF- Nachhilfe für die Jüngeren gegeben. Kinofilme, wie z.b. Christian Petzolds großartige Familientragödie "Die Innere Sicherheit", haben sich auf die Spur der im Untergrund lebenden Aktivisten begeben. Weitere Filme zum Thema sind derzeit in Deutschland in Produktion.
 Skizze des deutschen Bundeskriminalamts "Anschläge der RAF-Kommandoebene seit Dezember 1984"

 
 
Black Box BRD
  Die Dokumentation "Black Box BRD" von Andres Veiel bringt nun zwei Biografien zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das Schicksal von Alfred Herrhausen, Sprecher der Deutschen Bank, der am 30. November 1989 durch eine RAF-Autobombe ermordet wurde und den Lebensweg von Wolfgang Grams, RAF Terrorist, der bei seiner geplanten Festnahme in einem Schußwechsel mit der Polizei am 27. Juni 1993 getötet wurde.

 Der Dokumentarfilmer Andreas Veiel
 
 
Opfer und Täter
  Es sind die Stimmen der Ehefrau, der Eltern, der Kollegen und Freunde, die den Werdegang von Opfer und Täter in "Black Box BRD" sehr persönlich offen legen. Effektheischende blutige Terror-Montagen aus den Fernseharchiven hat Regisseur Veiel ausgelassen. Er verwebt eher spärlich kühle Nachrichtenbilder mit privaten Super8 Film-Szenen und Fotos mit den Interviewpassagen der Hinterbliebenen.

Andres Veiel sucht nicht nach Schuldzuweisungen und Unschuldsvermutungen. Seine Dokumentation verwehrt sich einer detektivischen Aufklärungsarbeit, die Licht in bis heute ungeklärte Zusammenhänge bringen soll. Was den Regisseur interessiert ist, warum im Deutschland der 70er Jahre der eine, Alfred Herrhausen, die kapitalistische Karriere eines Top-Managers wählte und der andere, Wolfgang Grams, sich dem terroristischen Untergrund anschloss.

 RAF-Opfer Alfred Herrhausen
 
 
Geistiger Nährboden Faschismus
  Der Vater von Wolfgang Grams beschreibt seinen Sohn als ruhigen Menschen, der sich schon in der Schulzeit politisch in einer sozialistischen Gruppe engagierte. Wolfgang Grams war einer, der seine Kleidung auf Flohmärkten kaufte und gerne Gitarre spielte.

So verschiedene Dogmen der Radikale Grams und der Topmanager Herrhausen auch vertreten haben: der geistige Nährboden war der gleiche, den Faschismus hatte jeder in seine Biografie. Alfred Herrhausen absolvierte eine Eliteschule der NSDAP. Grams Vater meldete sich freiwillig zur SS. Herrhausen studierte Betriebswirtschaftslehre und stieg 1970 mit nur 39 Jahren zu einem der mächtigsten Männer Deutschland auf - zum Sprecher der Deutschen Bank.

 RAF-Terrorist Wolfgang Grams
 
 
"Film über die Gegenwart"
  Für Andreas Veiel ist der Ausdruck Black Box ein schwarzer Kasten im Sinn der Projektionsbox, in den wir alles hinein projizieren können. Die Projektionsfläche in diesem Kasten sei groß genug für verschiedene Vorstellungen, sagt der 42jährige Veiel. "Black Box BRD" sei keine historische Lektion, sondern ein Film über die Gegenwart.
Andres Veiel ist es gelungen, präzise die unbekannte Privatperson Alfred Herrhausen zu zeichnen. Selten noch hat man in das berufliche und intime Umfeld eines RAF-Opfers Einblick erhalten. Noch immer dominieren in den Geschichtsaufarbeitungen die Bilder etwa des grausam zugerichteten Entführungsopfers Hans-Martin Schleyer.
Man spürt in "Black Box BRD", dass es sowohl Grams` als auch Herrhausens Familie Überwindung kostet, vergrabene Wunden wieder aufzureißen.


 Das Wrack von Herrhausens Auto, in dem er einem Bombenattentat zum Opfer fiel.
 
 
  "Black Box BRD" berührt, und das hat die linke Kritik dem Regisseur vorgeworfen und ihn bezichtigt, zu wenig den politischen Gesamtkontext aufzuarbeiten. Doch schon filmische Details verraten, wie nachhaltig "Black Box BRD" an die aktuelle Politik anknüpft. Da taucht ein sich mit der Polizei prügelnder junger Joschka Fischer auf - heute deutscher Außenminister. Oder Otto Schily, amtierende deutscher Innenminister und ehemaliger Verteidiger von RAF-Angeklagten, der in den 70ern an einem Terroristen-Begräbnis teilnahm. Beide wollten in "Black Box BRD" nicht Stellung beziehen und verweigerten Interviews.

"Black Box BRD" ist ab 9.11. in Programmkinos in Österreich zu sehen.



 Der S-Bahnhof Bad Kleinen: auf diesen Schienen starb Wolfgang Grams durch eine Polizeikugel
 
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