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Wien | 12.2.2003 | 03:18 
Rasierklingen, Schokolade, Zentralnervensystem, Ananas, Narzissmus und Ausgehen.

Gerlinde, Rob

 
 
Do you believe in Love?
  Am Sonntag absolvierten Zwan, die neue Band von Billy Corgan, eines ihrer wenigen Europakonzerte in Paris. Mit all den zu erwartenden Nebenwirkungen. Hysterische Fans aus aller Herren Länder, die schon am Vormittag an der Eingangstüre zur Konzerthalle kratzen, dreiste Schwarzmarkthändler mit astronomischen Konzertkartenpreisen und eine angespannte Atmosphäre unter den Fans. Erwartungsvoll und ungewiss.
 
 
 
  Ich gestehe, ich habe mir ein tadelloses Rockkonzert auf hohem spielerischen Niveau erwartet. Nicht mehr. Zuletzt hat mich Billy Corgan mit seinen narzisstischen, selbstgerechten und übertriebenen Smashing Pumpkins-Posen nur mehr genervt.

Als er sein Lebenswerk dann mit viel Theatralik totschlug und würdevoll begrub, war das gerade noch zur rechten Zeit. So konnten sich die Smashing Pumpkins doch noch ihren Platz als Legende in der Popmusikbibel erhalten.

Kaum war die Legende unter der Erde, castete sich Billy Corgan aus etablierten Indiemusikern eine neue Band. Die Alternativesupergroup Zwan. Gitarrist Matt Sweeney (Chavez), Bassistin Paz Lenchantin (A Perfect Circle), Gitarrist David Pajo (Slint, Mogwai, Stereolab) und der alte Kollege und Schlagzeugvirtuose Jimmy Chamberlin sind die Auserwählten.

 
 
  Auch wenn Corgan bei jeder Gelegenheit den Bandcharakter von Zwan beschwört: Natürlich ist Zwan nur eine Masturbation des ehemaligen Nosferatu. Das gab er im Interview auch sofort zu. Er hatte einfach keine Lust ganz allein im Studio herumzubasteln. Er wollte eine Band haben. Und er wollte (das erste Mal) Verantwortung beim Arrangieren (nicht beim Schreiben) der Lieder abgeben.

Zum Ergebnis, dem Album 'Mary Star Of The Sea' in ein paar Zeilen, jetzt noch ein paar Worte zu 'Zwan live':

 
 
  Zwan wurden von den Konzertbesuchern so außerordentlich ekstatisch begrüßt, dass es der Band sogar sichtlich ein wenig peinlich war. Der eben zum Superstar getaufte David Pajo versteckte sich dann auch sofort hinter einem riesigen Verstärker und traute sich bis zum Konzertende nicht mehr hervor.

Und dann tauchten Zwan in einen ausufernden Krautrockstrudel ein, dass ich den Mund nicht mehr zubekam. Die auf der Platte, nach konservativen Rockgrundsätzen, produzierten Lieder wurden live völlig dekonstruiert und neu zusammengesetzt.

Es war wie die spielfreudigen, übermütigen Smashing Pumpkins bevor sie kollabierten. Nur mit diesem 'versöhnlichen Touch', der auch das Album 'Mary Star Of The Sea' auszeichnet.
 
 
 
  Billy Corgan hat sich vom misanthropischen Pessimismus der späten Smashing Pumpkins freigeschaufelt. Er hat genug von der Apokalypse, hat genug von menschlichen Abgründen und permanenter dunkler Selbstdarstellung als Vampir mit Magenschmerzen.

Billy Corgan gibt jetzt wieder zu ein normaler Mensch zu sein. Oder ist sogar ganz geil drauf, dass auch jeden zu beweisen. Und das macht das Zwan-Debüt so sympathisch.

'Mary Star Of The Sea' ist ein Album voller Liebeslieder. Manchmal gehen sie gut aus, meistens nicht.

"Songs about broken hearts and nice desasters", meinte der Zwan-Chef.

 
 
  "Do you believe in love, do you believe in peace", fragt Corgan seine Zuhörer. Und dann lässt er auffallend oft Jesus und Gott auftauchen. Aber in keiner 'anklagenden Weise', wie oft in Pumpkinstexten. Der Umgang mit Themen wie Friede und Religion schreit förmlich nach einem Vergleich mit John Lennon in seinem 'Imaginetaumel'.

Auch dieser Verdacht stellte sich im Interview als richtig heraus:

"Ich wollte über Liebe und über Freude am Leben singen. Das ist politische Kraft", sagt Corgan.

Musikalisch ist 'Mary Star Of The Sea' ein großartig produziertes, gutes Alternativerockalbum.

"The best songs for the radio are the stupid songs" grinste Billy Corgan. Er wollte ein Album voller Radiohits machen. Und stapelt damit tief.

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  zwan.com
   
 
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