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Wien | 14.4.2007 | 17:06 
Rasierklingen, Schokolade, Zentralnervensystem, Ananas, Narzissmus und Ausgehen.

Gerlinde, Rob

 
 
All The World Makes Great Blood
  David Tibet macht etwas, was in der alternativen Musikwelt in der Regel ein großes Tabu ist und strengstens verboten. David Tibet glaubt. Und zwar an Teufel und Dämonen. An die Apokalypse und an Jesus. David Tibet ist gläubiger Christ.

Das war aber nicht immer so, der Brite hat Perspektiven und Erkenntnisse gewechselt wie andere Leute ihre Hemden. So stand seine Band Current 93 lange Zeit für einen schon beinahe fanatischen Okkultismus, der sich am alten Schlawiner Aleister Crowley orientierte.
 
 
 
Anyway, People Die
  Aber der Reihe nach. David Tibet begann seine musikalische Karriere als Mitglied der magisch interessierten Band Psychic TV, die von Genesis P. Orridge dem ehemaligen Sänger von Throbbing Gristle angeführt wurde. 1983 emanzipiert sich Tibet von seinem Lehrmeister Orridge und gründet sein eigenes Musikprojekt Current 93. Zu Beginn setzt Tibet noch auf Aspekte der gerade populären Industrialkultur. Elendslange Noiseloops lässt Tibet mit gregorianischen Chören und seiner schrillen Stimme kollidieren. Thematisch drehte sich schon damals alles um die Apokalypse, aber eben noch von einer überzeugten nihilistisch, vermeintlich satanistischen Perspektive aus. Aber Tibet beruhigte sich allmählich.

 
 
How The Great Satanic Faded
  Zuerst veränderte sich seine Musik. In den musikalischen Landschaften voller Gift und Galle tauchten vermehrt akustische Instrumente auf. Mit Douglas P. von der ideologisch umstrittenen Band Death In June produzierte David Tibet mehrere Alben, die das Genre Neofolk maßgeblich mitbegründeten. Eine Musikrichtung, die aufgrund ihrer Neigung zum Neuheidentum von der Popmusikwelt eher skeptisch betrachtet wird.

Und David Tibet veränderte sich weiter. Wendete sich vermehrt dem Buddhismus zu, brach irgendwann mit seinem Interimsfreund Douglas P. und wandelte sich in den Neunzigern zu einem überzeugten Christen. Freilich noch immer deutlich exzentrisch und ideologisch schwer fassbar. Seine zumeist alptraumhaften Texte sind immer von schmerzhafter Intensität und dem Trachten nach Erlösung geprägt. Das ist die einzige Konstante in David Tibet's musikalischer Laufbahn.

 
 
Mary Waits in Silence
  Durch Kooperationen mit Björk und Nick Cave schafft Tibet es, kontinuierlich sein Bild als schwarzmagischer Satanist zu korrigieren. Die größte Aufmerksamkeit in einem breiteren Musikhörerkreis erreichte Tibet aber erst in den letzten Jahren. Durch einen Unfall.

2004 veröffentlicht David Tibet auf seinem eigenen Label Durtro das Debütalbum von Antony & The Johnsons. Wenige Zeit später geht Antony auf Tour mit Lou Reed und vergisst nicht, ordentlich Propaganda für seinen Mentor David Tibet zu machen. Und auch jüngere Vertreter der neuen psychedelischen Folkszene wie Devendra Banhart preisen Current 93 bei jeder Gelegenheit und jetzt ist David Tibet sogar Schirmherr eines prestigeträchtigen Kulturfestivals.

Das Donaufestival 2007 in Krems wurde durch Tibet zu einer hochspannenden Leistungsschau von Kalibern wie Throbbing Gristle, Gang Of Four, Patrick Wolf, Jamie Lidell, Gonzales oder eben Current 93.

Wer sich mehr für die Thematik interessiert; in der aktuellen Ausgabe des Musikmagazins TBA kann man ein Interview mit David Tibet nachlesen.

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