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Wien | 30.4.2008 | 14:30 
Rasierklingen, Schokolade, Zentralnervensystem, Ananas, Narzissmus und Ausgehen.

Gerlinde, Rob

 
 
Lesestoff: Der König Von Mexiko
  "Schon während der Taxifahrt zu diesen Treffen redete der Fotograf von nichts anderem als von Kokain, das er mit dem Codewort "die weißen Hemden" verschlüsselte: 'I konn's kaum mehr erwartn!', schnaubte er, zog sein blaues Ledersakko stramm und ließ den den Kopf mit dem langen, graumelierten Pferdeschwanz gegen den Rücksitz fallen. 'I brauch jetzad dringend de weißen Hemden!'"
 
 
 
  Um so mehr die Plattenindustrie jammert und wehklagt und von goldenen Zeiten träumt, als man Plattenreleasepartys von Goldie noch am Mars veranstaltete, umso mehr erscheinen Paperbacks, die sich auf mehr oder weniger humoristische Art mit genau dieser Zeit befassen. Mit der knallbunten Popbranche in den strahlenden Neunzigern. Da gibt es zum Beispiel den Engländer John Niven. Der hat unlängst mit dem Buch "Kill Your Friends" lautstark auf sich aufmerksam gemacht. Eine zynisch bitterböse Sturzfahrt durch das Leben eines A&R-Managers. Und gerade eben veröffentlichte der bayerische Journalist und Schriftsteller Stefan Wimmer seinen Roman "Der König Von Mexiko" und schlägt in die gleiche Kerbe.

 
 
  "Als ich beim ersten Clubbesitzer vorsprach - einer dieser kühl-distanzierten, kastilischen Großunternehmer -, zupfte mich der Fotograf ständig am Ärmel und zischte: 'Who ist that man? Is he the one who we were speaking about? Is he the one with de weißen Hemden?'"
 
 
 
Trockener Witz
  Stefan Wimmer kam in den Sechzigerjahren auf die Welt, teilt sich seine Generation also mit Kurt Cobain und verdient seinen Lebensunterhalt mit journalistischen und schriftstellerischen Aktivitäten. Schon sein erster Pop-Roman "Die 120 Tage von Tulúm" begeisterte viele aufgrund Wimmers trockenen Witzes und schwupps war in der Presse zu lesen, Stefan Wimmer sei der deutsche Hunter S. Thompson. Nun, das ist nun doch ein wenig unfair dem seligen Hunter gegenüber. Aber die Parallelen sind nicht zu übersehen. Bzw. kalkuliert.

Wimmer erzählt mehr oder weniger autobiografisch inspiriert vom hilflosen Umsichschlagen eines jungen Studenten, der versucht, als Journalist Fuß zu fassen.

Der junge Journalist ist ohne Zweifel mit jeder Menge Talent ausgestattet worden und es bieten sich ihm auch Möglichkeiten. Nur leider kommen dem aufstrebenden Romanprotagonisten immer wieder Alkoholexzesse, wilde Affären und schlechte Drogen in die Quere.

Fear and loathing auf bayrisch.

 Stefan Wimmer
Foto: Yorick Cody
 
 
  "Auch beim nächsten Termin fuhr er ununterbrochen dazwischen, zeigte auf meinen Gesprächspatner und befahl: 'Äsk him! Äsk him, if he has de weißen Hemden! He looks like someone who loves de weißen Hemden!'"
 
 
 
Von Mexiko nach Bayern
  Den ersten Teil seines Buches siedelt Wimmer in Mexiko an, deshalb auch der Buchtitel. Wimmers Romanheld stolpert besinnungslos durch mexikanische Schwulenlokale, flüchtet vor Nazitaxifahrern und heiratet beinahe in die Aristokratie Mexico Citys ein. Eine permanente Höllentour, die auch nicht besser wird, wenn Stefan Wimmer die Handlung des Buches von Mexiko nach Bayern verlagert. Dort ist es auf der Straße zwar weniger gefährlich, aber die Kollegen aus dem Medienzirkus nur noch durchgeknallter in der Birne.
 
 
 
  "'Hmmm!', summte der Fotograf und sog erlöst Luft durch die Nase. 'Woaßt, wenn i de weißen Hemden spür, kriag i immer Feelings! Dann muass i reden, stundenlang, am liabsten von de weißen Hemden...'"
 
 
 
Ironie und Dekadenz
  Bücher wie "Der König von Mexiko" gibt es wie Sand am Meer. Und die Veröffentlichungsflut diesbezüglich wird auch nicht gerade weniger. Ironisches Abhängen im Medienzirkus mit Liedzitaten und jeder Menge Dekadenz. Eine hinlänglich gelesene Erfolgsformel.

Stefan Wimmer verfolgt sie aber ausgesprochen knusprig und innovativ. Nicht verletzend zynisch, sondern munter ironisch. Fast food natürlich. Aber sehr geschickt und unterhaltsam.

Stefan Wimmer - "Der König von Mexiko" ist im Eichborn Verlag erschienen.

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