Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, weg von meinem kalten, unberührten Abendessen - Lachs, Broccoli und junge Kartoffeln -, und massiere mir mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken.
Ich schniefe heftig, und es knackt in meinen Ohren, als sich der Koksbrocken löst und meine Kehle hinunterschießt. Es schmeckt angenehm stark und bitter. Ich lockere meine Krawatte und spüle den Klumpen Marschierpulver mit lauwarmen Chardonnay runter.
Rob Springer lacht sich halb schlapp, während er mit einem der Jungs von den Manic Street Preachers quatscht, deren Awards auf dem Tisch neben ihnen stehen. Frank Skinner, Vinnie Jones und Simon Cowell von der BMG, irgendein Soap-Star, einer der Trainspotting-Typen und Geri Halliwell. Der Sänger von Kula Shaker und Sonys Muff Winwood.
Dirty dealer, expensive car, runs the buses and the evening star
Jetzt, wo ein Liter Benzin eine Fantastilliarde kostet, Terroristen nicht nur in Harrison Ford-Filmen existent sind und die Tonträgerindustrie so ziemlich das letzte Pferd ist, auf das man setzen sollte, muten die Neunziger wie Eva's Paradies an. Indiepop wurde konsensfähig, dominierte die Hitparaden. Die DVD war eine extrem futuristische neue Sache und MP3s exotisch wie Guatemala. Und Geld war auch viel da. Im Vergleich waren die später zur Dekadenz verklärten Achtziger ein Kindergeburtstag. Die Neunziger waren eine große dekadente Posse. Kein Wunder also, dass das letzte Jahrzehnt vermehrt als Schauplatz in der Popliteratur herhalten muss.
Der Brite John Niven schießt mit seinem Roman Kill Your Friends allerdings den Vogel ab. Mit 'Kill Your Friends' hat er eine American Psycho-Variante der Neunziger geschaffen.
Eins darf man bei diesen Indie-Kids nicht vergessen: Sie glauben wirklich, dass das, was sie tun, von Bedeutung wäre. Sie spekulieren darauf, dass die Historie sie registriert. Die Indiekids leben in dem Glauben, sie würden so etwas wie eine beschissene Fackel weitergeben.
His private life is very discreet, a nicer man, you're never gonna meet
John Niven war in seinem früheren Beruf A&R-Manager bei einer großen englischen Plattenfirma. Als A&R-Manager ist man für die Talentsuche verantwortlich und dafür, welcher Künstler einen Plattenvertrag bekommt. Niven übte seinen glamourösen Job während der Britpopdekade aus und war also mitten drin im Zirkus aus Größenwahn und Lachsbrötchen. Niven hat seinerzeit zum Beispiel Coldplay abgelehnt und ihnen die Tür seines Büros gezeigt.
Und in dieses Ambiente pflanzt Niven auch seinen Roman. Im Mittelpunkt steht Steven, ein englischer A&R-Manager, der mit seiner Unmoral, Skrupellosigkeit und Zynismus Stalin und Hitler Konkurrenz macht.
Dieser Steven mordet und kokst bodenlos durch die Entertainmentwelt. Ähnlich, aber radikaler als sein landsmännischer Kollege Irvine Welsh. Bei Niven gibt es nämlich keinen Funken Romantik. Nur bitteren Zynismus und gallige Vernichtung. In seiner überzeichneten Radikalität nicht unlustig, aber wirklich nichts für schwächere Gemüter.
Wir beide tanzen zu einer Rave-Compilation, als der teuflische Cocktail erstklassiger Hämmer anschlägt, und Waters beginnt, sich die Klamotten vom Leib zu reißen. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass er ja möglicherweise gerne ein Tier nachmachen würde. Jetzt, etwa eine Stunde später, liege ich zufrieden zurückgelehnt in Waters riesigem Ledersitz und schau zu, wie er nackt durch sein Wohnzimmer tollt und den Zirkusbär gibt. Er ist durch und durch gaga.
Ich ermuntere ihn, rufe ihm Anweisungen zu und versuche, das Beste aus dem kleinen Zeitfenster herauszuholen, das bleibt, bis er kollabiert.
'Bär isst CDs?', schlage ich vor und werfe ihm eine Handvoll zu. 'Bär isst CDs!', kreischt Waters entzückt und stopft sich Pulps Different Class in den Mund. Er beißt mitten durch - die Plastikhülle, das Cover, die CD, das ganze Ding.
He just sits in his leather chair and twiddles his thumb
Kill Your Friends ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wird die Unterhaltungsindustrie und der Jetset des letzten Jahrzehnts hervorragend persifliert und porträtiert. Was allerdings nervt, ist die spürbare, klare Berechnung von Niven. Der Mann wollte einen Skandalroman schreiben. Das war sein klares Ziel. Und dieses auf Biegen und Brechen Grausamseinwollen nervt manchmal endlos. Allerdings kann man sich oft ein gehässiges Lachen nicht verkneifen. Und manchmal versteht man die Romanfigur sogar ein wenig. Man braucht nur mal auf einer Medienpreisverleihung gewesen sein.
John Niven - 'Kill Your Friends' ist im Heyne Verlag erschienen.