Auf dem höchsten Stand seit dem 2. Weltkrieg sei die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich, war diesen Winter zu hören. Dass Jugendliche auf Lehrstellensuche es in letzter Zeit besonders schwer haben, ist insbesondere den Betroffenen schmerzhaft bewusst geworden.
Während in anderen Staaten Österreich und Deutschland für ihr Lehrlingssystem als ideale Verbindung von Schulausbildung mit Praxiserfahrung gepriesen werden, scheint sich die Wertschätzung der heimischen Unternehmen zunehmend in Grenzen zu halten. Woran liegt das?
Der kleine Robin: Lehrlingswesen in den goldenen 60er Jahren
Arbeitslos - ob jung, ob alt
Der Hauptgrund ist sicher die allgemeine Arbeitslosigkeit in allen Bereichen. In fast allen Branchen und Berufen gibt es weitaus mehr Arbeitssuchende als angebotene Stellen. Das macht sich natürlich auch auf dem Lehrlingsmarkt bemerkbar. Arbeitslosigkeit ist für die Lohnabhängigen unangenehm, für die Unternehmen aber komfortabel: Ist die Arbeitslosigkeit hoch, können sie wählerisch werden. In Zeiten niedriger Arbeitslosigkeit waren Lehrlinge eine Möglichkeit, an billige Arbeitskräfte ranzukommen. Der Aufwand, Lehrlinge auszubilden, zahlte sich aus, weil man damit rechnete, die Leute lange als Angestellte zu behalten.
Jetzt, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, ändert sich das Kalkül für die Betriebe. Es ist leicht, jederzeit gut ausgebildete Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt zu günstigen Bedingungen anzuwerben. Es ist nicht mehr nötig, sich Beschäftigte schon in jungen Jahren zu sichern, in sie zu investieren, um dann von ihnen jahrelang zu profitieren. Arbeitskraft ist momentan in den meisten Bereichen kein knappes Gut.
Mehr Unternehmen als früher nehmen deshalb bei der Lehrlingsausbildung eine Trittbrettfahrer-Mentalität ein. Sie setzen darauf, dass die Ausbildung irgendein anderes Unternehmen oder der Staat übernimmt, und sie selbst dann nur noch bereits ausgebildete Arbeitskräfte anstellen. Und es gibt eine wachsende Zahl von Unternehmen, die Lehrlinge aufnehmen, nicht um sie auszubilden, sondern um mit ihnen kurzfristige Auftragsspitzen abzudecken. Aus Hotellerie und Gastgewerbe wird etwa berichtet, dass Lehrlinge häufig als billige Saisonarbeitskräfte missbraucht und nach der gesetzlichen Probezeit von 3 Monaten wieder entlassen werden - von Ausbildung keine Spur. Jeder vierte Lehranfänger musste im Jahr 2003 diese Erfahrung machen.
Mit vereinten Kräften: Damals war noch alles Eitel Wonne...
Privatisierung und Lehrstellenmarkt
Ein weiterer Grund für den wachsenden Lehrstellenmangel ist die Privatisierung öffentlicher Unternehmen. Staatliche Betriebe sind mittlerweile fast durchwegs privatisiert worden, mit dem Argument, sie seien unwirtschaftlich geführt, weil sich die Politik immer wieder in die Unternehmensführung einmische. Eine Form dieser politischen Einmischung war in der Vergangenheit zum Beispiel die Tradition, dass Unternehmen wie Lenzig, Amag, ÖBB und VÖEST große Lehrwerkstätten betrieben, und dort Lehrlinge weit über den eigenen Bedarf hinaus ausbildeten. Das entsprach ihrem Auftrag, als Staatsbetriebe volkswirtschaftliche Leistungen zu erbringen, die nicht unmittelbar dem eigenen wirtschaftlichen Unternehmenserfolg zugute kommen.
Jetzt, nach der Privatisierung, sehen sich die Unternehmen nur noch ihren AktionärInnen verpflichtet und sehen keine Veranlassung, diesen Dienst an der Allgemeinheit weiter zu übernehmen.
Vor einigen Jahren hat der Staat angesichts der Misere ein so genanntes "Lehrlingsauffangnetz" eingerichtet, und im Herbst wurden hunderte Lehrstellen im Staatsapparat eingerichtet. Eine von der Arbeiterkammer geforderte Alternative wären Lehrwerkstätten, finanziert durch eine Abgabe all jener Unternehmen, die nicht ausbilden. Doch die wehren sich natürlich mit Händen und Füssen, denn so traurig es für die Lehrwilligen ist: Der Status Quo stört die Unternehmen nicht, und die sitzen "am Drücker".
Lehrstellensuche heute: Härtere Zeiten
Mehr zum Thema Jugendarbeitslosigkeit gibts heute, 11. Februar, in der Connected (14-17 Uhr)
Jung und ohne Job Maria Hofstätter vom AMS nimmt Stellung zur Jugendarbeitslosigkeit